Was ist das trockene Auge?
Das trockene Auge, medizinisch als Keratoconjunctivitis sicca oder Sicca-Syndrom bezeichnet, ist eine weit verbreitete, multifaktorielle Erkrankung der Augenoberfläche. In Deutschland sind etwa 15 bis 17 Prozent der Bevölkerung davon betroffen, wobei Frauen häufiger erkranken als Männer und das Risiko mit dem Alter zunimmt [1]. Lange Zeit ging man davon aus, dass lediglich eine zu geringe Tränenproduktion das Problem sei. Die moderne Augenheilkunde versteht die Erkrankung jedoch deutlich komplexer: Laut der aktuellen Definition der Tear Film & Ocular Surface Society (TFOS DEWS II) handelt es sich um einen Verlust der Homöostase – also des natürlichen Gleichgewichts – des Tränenfilms, begleitet von okulären Symptomen, bei denen Instabilität, Hyperosmolarität, Entzündung und neurosensorische Störungen eine ätiologische Rolle spielen [2].
Der Tränenfilm ist essenziell für die Befeuchtung, Ernährung und den Schutz der Hornhaut. Er besteht aus einer inneren Muzinschicht, die für die Haftung auf der Hornhaut sorgt, einer mittleren wässrigen Schicht, die den Großteil des Volumens ausmacht, und einer äußeren Lipidschicht, die von den sogenannten Meibom-Drüsen am Lidrand produziert wird und die Verdunstung bremst. Bei 60 bis 80 Prozent der Patienten liegt eine Störung dieser Lipidphase vor, eine sogenannte Meibom-Drüsen-Dysfunktion [1]. Die Folge ist die hyperevaporative Form des trockenen Auges: Der wässrige Anteil des Tränenfilms verdunstet zu schnell, die Osmolarität steigt, und ein Teufelskreis aus Entzündung und Zellschädigung setzt ein [3]. Genau hier setzen die sommerspezifischen Risikofaktoren an.
Besonders im Hochsommer und auf Reisen spielen Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle. Niedrige relative Luftfeuchtigkeit, wie sie in klimatisierten Büros, Hotelzimmern oder Flugzeugkabinen herrscht, führt zu einer beschleunigten Verdunstung des Tränenfilms. Eine experimentelle Studie zeigte, dass eine Umgebung mit nur 5 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit die Verdunstungsrate signifikant erhöht, die Tränenfilmaufreißzeit drastisch verkürzt und den okulären Komfort bereits nach einer Stunde Exposition auf ein Niveau senkt, das dem von Sicca-Patienten entspricht [4]. Auch Fahrtwind beim Radfahren oder im Cabrio sowie der direkte Luftstrom von Ventilatoren und Gebläsen beschleunigen die Verdunstung. Hinzu kommen UV-Strahlung, die die Augenoberfläche reizen und degenerative Veränderungen der Bindehaut begünstigen kann, sowie Chlor- und Salzwasser beim Schwimmen, das die schützende Lipidschicht abwäscht. Nicht zuletzt können Antihistaminika, die viele Betroffene in der Pollensaison einnehmen, die Tränenproduktion zusätzlich drosseln [1]. Das Leitmotiv für den Sommer lautet daher: Die Haut schützen wir selbstverständlich vor der Sonne, doch auch unsere Augen benötigen aktive Pflege und Schutz vor den sommerlichen Umweltreizen.
Was zeigt die Evidenz?
Die Behandlung des trockenen Auges basiert auf verschiedenen Säulen, deren Wirksamkeit unterschiedlich gut belegt ist.
Gut belegt: Die Basistherapie besteht in der Regel aus Tränenersatzmitteln, die die Augenoberfläche befeuchten und die Qualität des Tränenfilms verbessern. Ein systematischer Cochrane Review kam zu dem Schluss, dass rezeptfreie künstliche Tränen im Allgemeinen sicher und wirksam zur Behandlung der Symptome sind [5]. Entscheidend ist hierbei die Verwendung von konservierungsmittelfreien Präparaten, da Konservierungsstoffe wie Benzalkoniumchlorid zytotoxisch auf die Bindehaut- und Hornhautepithelzellen wirken und die Symptome verschlimmern können [1]. Bei der häufigen Meibom-Drüsen-Dysfunktion ist zudem die Lidrandhygiene mit warmen Kompressen (circa 40 Grad Celsius für fünf bis zehn Minuten) und anschließender sanfter Lidmassage ein etablierter und evidenzbasierter Ansatz, der das verdickte Meibom-Sekret verflüssigt und den Lipidfilm stabilisiert [1].
Umstritten: Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel zur Linderung trockener Augen wird häufig empfohlen, die Evidenzlage ist jedoch gemischt. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2019 fand moderate Evidenz dafür, dass langkettige Omega-3-Fettsäuren die wässrige Tränenproduktion im Vergleich zu Placebo erhöhen können, wobei die klinische Relevanz fraglich bleibt [6]. Die groß angelegte, placebokontrollierte DREAM-Studie (Dry Eye Assessment and Management) aus dem Jahr 2018 mit über 500 Teilnehmern zeigte, dass Patienten mit moderatem bis schwerem trockenem Auge, die über zwölf Monate täglich 3000 mg Omega-3-Fettsäuren einnahmen, keine signifikant besseren Ergebnisse hinsichtlich der Symptome aufwiesen als die Placebo-Gruppe, die Olivenöl erhielt [7].
Offen: Der Nutzen von Tränenpünktchen-Stöpseln (Punctum Plugs), die den Abfluss der Tränenflüssigkeit blockieren sollen, wird weiterhin untersucht. Ein Cochrane Review fand keine schlüssigen Beweise dafür, dass diese Stöpsel die Symptome des trockenen Auges im Vergleich zu keiner Behandlung signifikant verbessern [8]. Auch die Rolle von topischem Ciclosporin A, das bei entzündlichen Verläufen eingesetzt wird, ist nach aktueller Cochrane-Bewertung nicht eindeutig geklärt.
Praxisbox
- Richtig lüften und klimatisieren: Richten Sie den Luftstrom von Klimaanlagen im Auto oder Büro nie direkt auf das Gesicht. Achten Sie auf eine relative Raumluftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent.
- Tränenersatzmittel nutzen: Verwenden Sie bei Bedarf konservierungsmittelfreie Augentropfen, insbesondere vor und während längerer Flugreisen sowie in klimatisierten Räumen.
- Bewusst blinzeln: Wenden Sie bei der Bildschirmarbeit die 20-20-20-Regel an (alle 20 Minuten für 20 Sekunden in circa 6 Meter Entfernung schauen) und achten Sie auf einen vollständigen Lidschlag.
- UV-Schutz tragen: Tragen Sie im Freien konsequent eine Sonnenbrille mit UV400-Filter und gutem Seitenschutz, um die Augen vor UV-Strahlung und austrocknendem Wind zu schützen.
Sicherheitsbox
- Vorsicht bei Kontaktlinsen: Nehmen Sie Kontaktlinsen beim Schwimmen in Pools oder Gewässern heraus, um das Risiko schwerer Hornhautinfektionen (z. B. durch Akanthamöben) zu minimieren.
- Warnzeichen ernst nehmen: Bei starken, tiefen Augenschmerzen, plötzlicher Sehverschlechterung oder extremer Lichtempfindlichkeit sollten Sie umgehend einen Augenarzt aufsuchen.
- Medikamente prüfen: Beachten Sie, dass bestimmte Medikamente wie Antihistaminika (häufig bei Heuschnupfen eingesetzt), Betablocker und Diuretika die Tränenproduktion reduzieren können.
- Einseitige Rötung: Ein persistierendes, einseitiges rotes Auge bedarf stets einer augenärztlichen Abklärung, um Infektionen oder andere ernste Ursachen auszuschließen.
Fazit
Das trockene Auge ist weit mehr als nur eine Befindlichkeitsstörung; es ist eine komplexe Erkrankung der Augenoberfläche, die durch sommerliche Umweltfaktoren wie Klimaanlagen, Hitze, Wind und UV-Strahlung erheblich verschärft werden kann. Die Basistherapie mit konservierungsmittelfreien Tränenersatzmitteln und konsequenter Lidrandhygiene ist wissenschaftlich gut belegt und bildet das Fundament der Behandlung. Während der Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln wie Omega-3-Fettsäuren nach aktueller Studienlage umstritten bleibt, sind präventive Maßnahmen im Alltag – vom bewussten Blinzeln über die richtige Klimaanlagennutzung bis hin zum Tragen einer hochwertigen Sonnenbrille mit Seitenschutz – unerlässlich. Wer die spezifischen Herausforderungen des Sommers für die Augen kennt und proaktiv handelt, kann die warme Jahreszeit auch mit empfindlichen Augen unbeschwert genießen.
FAQ – Häufige Fragen zu trockenen Augen im Sommer
Was ist das trockene Auge genau?
Das trockene Auge ist eine Erkrankung, bei der das Gleichgewicht des Tränenfilms gestört ist. Meist verdunstet die Tränenflüssigkeit zu schnell, was zu Brennen, Rötung und Fremdkörpergefühl führt.
Warum verschlimmern Klimaanlagen trockene Augen?
Klimaanlagen senken die relative Luftfeuchtigkeit im Raum erheblich und erzeugen oft Zugluft. Diese Kombination beschleunigt die Verdunstung des schützenden Tränenfilms auf der Augenoberfläche massiv.
Welche Augentropfen helfen am besten?
Zur Basistherapie werden konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel empfohlen. Konservierungsstoffe wie Benzalkoniumchlorid können die Augenoberfläche zusätzlich reizen und sollten vermieden werden.
Hilft Omega-3 gegen trockene Augen?
Die wissenschaftliche Evidenz ist gemischt. Die große DREAM-Studie fand keinen signifikanten Vorteil von Omega-3-Nahrungsergänzungsmitteln gegenüber einem Placebo bei moderatem bis schwerem trockenem Auge.
Wann sollte ich mit trockenen Augen zum Arzt?
Ein Augenarztbesuch ist dringend angeraten bei starken Schmerzen, plötzlicher Sehverschlechterung, extremer Lichtempfindlichkeit oder wenn das Auge dauerhaft einseitig gerötet ist.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.
Quellen & Forschungsstand
- Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA) und Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft e.V. (DOG). Leitlinie Nr. 11 „Trockenes Auge“. Stand: 08.03.2019. https://bva.dog/leitlinien/leit/leit11.pdf
- Craig JP, Nichols KK, Akpek EK, et al. TFOS DEWS II Definition and Classification Report. Ocul Surf. 2017;15(3):276-283. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28736335/
- Bron AJ, de Paiva CS, Chauhan SK, et al. TFOS DEWS II Pathophysiology Report. Ocul Surf. 2017;15(3):438-510. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28736340/
- Abusharha AA, Pearce EI. The effect of low humidity on the human tear film. Cornea. 2013;32(4):429-434. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23023409/
- Pucker AD, Ng SM, Nichols JJ. Over the counter (OTC) artificial tear drops for dry eye syndrome. Cochrane Database Syst Rev. 2016;2(2):CD009729. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD009729.pub2/full
- Downie LE, Ng SM, Lindsley KB, Akpek EK. Omega-3 and omega-6 polyunsaturated fatty acids for dry eye disease. Cochrane Database Syst Rev. 2019;12(12):CD011016. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD011016.pub2/full
- Dry Eye Assessment and Management Study Research Group, Asbell PA, Maguire MG, et al. n-3 Fatty Acid Supplementation for the Treatment of Dry Eye Disease. N Engl J Med. 2018;378(18):1681-1690. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29652551/
- Ervin AM, Law A, Pucker AD. Punctal occlusion for dry eye syndrome. Cochrane Database Syst Rev. 2017;6(6):CD006775. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD006775.pub3/full