Reisedurchfall – Ursachen, Therapie

Ein plötzlicher Beginn, häufige Toilettengänge und das abrupte Ende der Urlaubsentspannung: Reisedurchfall ist die häufigste gesundheitliche Störung bei Fernreisen. Doch während die meisten Fälle harmlos verlaufen, erfordern bestimmte Warnzeichen schnelles Handeln und eine gezielte Diagnostik.

Was ist Reisedurchfall?

Reisedurchfall, medizinisch als Reisediarrhö bezeichnet, ist definiert als das Auftreten von drei oder mehr ungeformten Stühlen pro Tag während oder kurz nach einer Reise, oft begleitet von Symptomen wie Bauchkrämpfen, Übelkeit oder Erbrechen [1]. Er ist die mit Abstand häufigste reiseassoziierte Infektionskrankheit. Je nach Reiseziel, Jahreszeit und individuellem Risikoprofil erkranken zwischen 30 und 70 Prozent der Reisenden innerhalb eines zweiwöchigen Aufenthalts [2]. Besonders in Hochrisikogebieten wie dem tropischen Afrika, Südasien oder Teilen Lateinamerikas ist die Inzidenz hoch. Weltweit geht man von rund 40 Millionen Erkrankungen pro Jahr aus, wobei Jugendliche und junge Erwachsene überdurchschnittlich oft betroffen sind [3].

Die Ursache liegt in der Regel in einer Infektion des Magen-Darm-Trakts durch Erreger, die über verunreinigte Nahrungsmittel oder Trinkwasser aufgenommen werden. Das Erregerspektrum unterscheidet sich dabei signifikant von den typischen Auslösern einer Gastroenteritis in Mitteleuropa. In 75 bis 90 Prozent der Fälle sind Bakterien verantwortlich. Die wichtigste Rolle spielen hierbei diarrhögene Escherichia coli, insbesondere enterotoxische E. coli (ETEC), gefolgt von Campylobacter jejuni, Shigella spp. und Salmonella spp. [3]. Viren, allen voran Noroviren, verursachen etwa 10 bis 25 Prozent der Erkrankungen und treten häufig auch in Koinfektionen auf [4]. Parasiten wie Giardia oder Cryptosporidium sind seltener und eher für länger anhaltende Beschwerden bei Langzeitreisenden verantwortlich [1].

Gerade in den Sommermonaten, wenn die Temperaturen steigen und die Reisezeit ihren Höhepunkt erreicht, finden Bakterien ideale Bedingungen zur Vermehrung vor. Die Kombination aus Hitze, ungewohnter Ernährung und oft unzureichenden hygienischen Standards in den Zielländern begünstigt die Ausbreitung. Auch wenn die klassische Regel „boil it, cook it, peel it, or forget it“ weiterhin ihre Berechtigung hat, bietet sie keinen absoluten Schutz, da Hygienemängel in der Gastronomie vor Ort oft außerhalb der Kontrolle des Reisenden liegen [1].

Was zeigt die Evidenz?

Die medizinische Herangehensweise an den Reisedurchfall hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Während früher häufig großzügig Antibiotika zur Prophylaxe oder frühen Therapie eingesetzt wurden, ist die aktuelle Evidenzlage deutlich differenzierter.

Prophylaxe: Eine generelle medikamentöse Prophylaxe mit Antibiotika wird von den Fachgesellschaften heute aufgrund der Nebenwirkungen und der massiven Gefahr der Resistenzentwicklung (beispielsweise von ESBL-bildenden Bakterien) nicht mehr empfohlen [1]. Sie bleibt absoluten Ausnahmefällen vorbehalten, etwa bei Patienten mit schweren Grunderkrankungen, für die eine Dehydratation lebensbedrohlich wäre. Auch für den prophylaktischen Einsatz von Probiotika gibt es laut der aktuellen S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) keine ausreichende Evidenz, um eine generelle Empfehlung auszusprechen [1].

Akut-Therapie: Die meisten Fälle von Reisedurchfall verlaufen mild bis moderat und sind selbstlimitierend; sie klingen nach drei bis fünf Tagen spontan ab. Die unangefochtene Basistherapie ist der Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten durch orale Rehydratationslösungen (ORL), wie sie auch von der WHO empfohlen werden [5]. Dies ist besonders bei Kindern, Senioren und bei starker Hitze im Sommer essenziell, um einer Exsikkose vorzubeugen.

Der Einsatz von Motilitätshemmern wie Loperamid zur symptomatischen Therapie wird in den Leitlinien differenziert betrachtet. Sie können bei leichtem bis mittelschwerem Durchfall kurzfristig (maximal 48 Stunden) eingesetzt werden, um die Stuhlfrequenz zu reduzieren und beispielsweise eine Weiterreise zu ermöglichen [1]. Allerdings sind sie bei schweren Verläufen, insbesondere bei Fieber oder blutigen Stühlen, streng kontraindiziert, da sie die Ausscheidung invasiver Erreger verzögern und zu schweren Komplikationen führen können [1]. Für traditionelle Hausmittel wie medizinische Kohle, Tannin oder Pektin fehlt der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis [6].

Antibiotikatherapie: Eine empirische, also auf Verdacht begonnene Antibiotikatherapie wird heute sehr restriktiv gehandhabt. Sie ist nur bei schweren Verläufen indiziert, die mit hohem Fieber, blutigen Stühlen (Dysenterie) oder einer starken Beeinträchtigung des Allgemeinzustands einhergehen [1]. In diesen Fällen werden häufig Makrolide wie Azithromycin eingesetzt, insbesondere bei Reisen nach Südostasien, wo Resistenzen von Campylobacter gegen Fluorchinolone weit verbreitet sind [5]. Der unkritische Einsatz von Antibiotika bei milden Verläufen birgt nicht nur das Risiko von Resistenzen, sondern erhöht auch die Gefahr von Folgeinfektionen, etwa durch Clostridioides difficile [5].

Praxisbox

  • Flüssigkeit ist das Wichtigste: Trinken Sie ausreichend, idealerweise orale Rehydratationslösungen (Elektrolytpulver aus der Apotheke), um den Verlust von Wasser und Salzen auszugleichen.
  • Hygiene beachten: Waschen Sie sich regelmäßig die Hände mit Seife, besonders vor dem Essen und nach dem Toilettengang. Nutzen Sie im Zweifel Handdesinfektionsmittel.
  • Nahrungsmittelwahl: Bevorzugen Sie frisch gekochte, heiße Speisen. Verzichten Sie auf rohes Fleisch, ungeschältes Obst, Salate und Eiswürfel in Getränken.
  • Symptomatische Linderung: Bei milden Verläufen ohne Fieber kann Loperamid kurzfristig (max. 2 Tage) helfen, die Toilettengänge zu reduzieren.

Sicherheitsbox

  • Blut im Stuhl: Blutige oder schleimige Beimengungen sind ein absolutes Warnsignal und erfordern sofortige ärztliche Abklärung.
  • Hohes Fieber: Tritt der Durchfall zusammen mit Fieber (über 38,5 °C) auf, muss ein Arzt aufgesucht werden – in Endemiegebieten auch zum Ausschluss einer Malaria.
  • Anhaltende Beschwerden: Dauert der Durchfall länger als fünf Tage an oder tritt keine Besserung ein, ist eine professionelle Diagnostik notwendig.
  • Zeichen der Austrocknung: Schwindel, starker Durst, dunkler Urin oder ein trockener Mund sind Alarmzeichen für eine Dehydratation, die medizinisch behandelt werden muss.

Fazit

Reisedurchfall ist ein häufiger, meist harmloser Begleiter auf Fernreisen, der durch ungewohnte Erreger, Hitze und Hygienemängel ausgelöst wird. Die Schulmedizin setzt heute primär auf den Ausgleich von Flüssigkeit und Elektrolyten sowie auf Prävention durch strikte Lebensmittelhygiene. Der Einsatz von Antibiotika und starken Durchfallstoppern ist schweren Fällen vorbehalten und sollte nicht unkritisch erfolgen. Wer die Warnzeichen wie Fieber oder Blut im Stuhl kennt und rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt, kann Komplikationen vermeiden und die Reise bald wieder unbeschwert fortsetzen.

FAQ – Häufige Fragen zu Reisedurchfall

Was ist die häufigste Ursache für Reisedurchfall?
In den meisten Fällen (75-90 %) wird Reisedurchfall durch Bakterien verursacht, die über verunreinigte Nahrung oder Wasser aufgenommen werden. Am häufigsten sind bestimmte Stämme von Escherichia coli (ETEC) verantwortlich.

Wann sollte man bei Reisedurchfall zum Arzt gehen?
Ein Arztbesuch ist dringend erforderlich bei blutigem oder schleimigem Stuhl, hohem Fieber, starken Bauchschmerzen, Zeichen einer Austrocknung oder wenn die Beschwerden länger als fünf Tage anhalten.

Hilft Loperamid bei jedem Reisedurchfall?
Loperamid lindert die Symptome bei leichtem bis mittelschwerem Durchfall, indem es die Darmbewegung bremst. Bei Fieber oder blutigem Stuhl darf es jedoch nicht eingenommen werden, da es die Ausscheidung gefährlicher Erreger behindert.

Kann man Reisedurchfall mit Medikamenten vorbeugen?
Eine vorbeugende Einnahme von Antibiotika wird wegen möglicher Nebenwirkungen und Resistenzbildung nicht empfohlen. Auch für Probiotika gibt es keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege für eine sichere Schutzwirkung.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen. AWMF. 2023. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/021-024
  2. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Travelers‘ Diarrhea. CDC Yellow Book 2026. 2026. https://www.cdc.gov/yellow-book/hcp/preparing-international-travelers/travelers-diarrhea.html
  3. Robert Koch-Institut (RKI). Patienten-Informationsblätter zu Reisediarrhö und Erwerb multiresistenter Erreger auf Fernreisen. RKI. 2017. https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Antibiotikaresistenz/Weitere-Informationen/Patienten-Informationsblaetter_Reisediarrhoe.html
  4. Anderson MS et al. Etiology and Epidemiology of Travelers‘ Diarrhea among US Military and Adult Travelers, 2018–2023. Emerging Infectious Diseases. 2024. https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/30/14/24-0308_article
  5. Mark S Riddle et al. Guidelines for the prevention and treatment of travelers‘ diarrhea: a graded expert panel report. Journal of Travel Medicine. 2017. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5731448/
  6. Gnegel, G. Diarrhö bei Fernreisenden – leitliniengerechte Empfehlungen für die Reiseapotheke. Deutsche Apotheker Zeitung. 2023. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2023/12/01/diarrhoe-bei-fernreisenden-leitliniengerechte-empfehlungen-fuer-die-reiseapotheke