Was ist Migräne?
Migräne zählt zu den primären Kopfschmerzerkrankungen. Typisch sind wiederkehrende Attacken, die unbehandelt meist vier bis 72 Stunden dauern und häufig einseitige, pulsierende, mittelstarke bis starke Schmerzen verursachen. Bewegung kann die Beschwerden verstärken; Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit kommen oft hinzu. Die Diagnose wird vor allem anhand der Krankengeschichte und international definierter Kriterien gestellt [1].
Bei einem Teil der Betroffenen geht dem Schmerz eine Aura voraus. Dazu gehören vollständig rückbildungsfähige Sehphänomene, Gefühls- oder Sprachstörungen, die sich meist allmählich entwickeln. Andere bemerken Stunden zuvor Müdigkeit, häufiges Gähnen, Heißhunger, Stimmungsschwankungen oder Nackenbeschwerden. Auch nach dem Abklingen des Schmerzes kann eine Erschöpfungsphase folgen. Das erklärt, weshalb eine Attacke nicht mit der Kopfschmerzphase allein gleichzusetzen ist [1].
In einer repräsentativen deutschen Befragung erfüllten 14,8 Prozent der Frauen und 6,0 Prozent der Männer die vollständigen Kriterien für Migräne [2]. Weltweit betrafen Kopfschmerzerkrankungen 2021 rund 3,1 Milliarden Menschen; Migräne stand bei der altersstandardisierten neurologischen Krankheitslast, gemessen in behinderungsbereinigten Lebensjahren, an dritter Stelle [3].
Was zeigt die Evidenz?
Belegt: Wirksame Akuttherapie ist abgestuft und individuell
Leichte bis mittelstarke Attacken können häufig mit Acetylsalicylsäure, nichtsteroidalen Antirheumatika oder geeigneten Kombinationen behandelt werden. Bei starken Attacken oder unzureichender Wirkung kommen Triptane infrage; unter ihnen zählen Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan zu den wirksamsten Optionen. Antiemetika können Übelkeit und Erbrechen lindern. Opioide werden für die Migräneattacke nicht empfohlen [4].
Neuere Wirkprinzipien erweitern die Auswahl. Rimegepant blockiert den CGRP-Rezeptor, Lasmiditan aktiviert den Serotonin-1F-Rezeptor, ohne Gefäße zu verengen. Das kann für Menschen bedeutsam sein, bei denen Triptane nicht wirken, nicht vertragen werden oder wegen Gefäßerkrankungen ungeeignet sind. „Neu“ bedeutet jedoch nicht automatisch „besser“: Direkte Vergleichsstudien mit Triptanen fehlen teilweise, Verfügbarkeit und Erstattung unterscheiden sich, und Lasmiditan schließt wegen möglicher Müdigkeit und Benommenheit das Autofahren für acht Stunden aus [4].
Belegt: Vorbeugung ist mehr als ein tägliches Medikament
Eine Prophylaxe wird erwogen, wenn Attacken häufig, lang, besonders belastend oder schwer behandelbar sind. Bewährte Arzneimittel sind unter anderem Metoprolol, Propranolol, Topiramat, Flunarizin und Amitriptylin. Bei chronischer Migräne kann OnabotulinumtoxinA eingesetzt werden. Antikörper gegen CGRP oder seinen Rezeptor sowie die Gepante Rimegepant und Atogepant greifen gezielter in die Migränebiologie ein und können die Zahl der Migränetage verringern [4].
Die Leitlinie empfiehlt zugleich einen multimodalen Ansatz. Regelmäßiger Ausdauer- oder Kraftsport, Entspannungsverfahren, Biofeedback, kognitive Verhaltenstherapie und ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus sind keine dekorative Ergänzung, sondern evidenzbasierte Bausteine [4]. Ein Kopfschmerzkalender macht Häufigkeit, Medikamenteneinnahme und Behandlungserfolg sichtbar. Er sollte Orientierung schaffen, nicht das Leben in eine permanente Suche nach vermeintlichen Auslösern verwandeln.
Umstritten: Die Vorstellung klarer, vermeidbarer Trigger
Schlafmangel, ausgelassene Mahlzeiten, Alkohol, Stress oder hormonelle Veränderungen können Attacken begünstigen. Dennoch ist die Gleichung „ein Trigger gleich eine Attacke“ meist zu schlicht. Manche als Auslöser gedeuteten Beobachtungen, etwa Heißhunger, können bereits Teil der Vorbotenphase sein. Zu strikte Vermeidung kann Alltag und Lebensqualität unnötig einengen. Sinnvoller ist es, persönliche Muster über mehrere Wochen zu prüfen und Veränderungen einzeln statt gleichzeitig zu testen.
Offen: Wie Herz und Hirn die Risiken genau teilen
Beobachtungsstudien zeigen einen Zusammenhang zwischen Migräne, besonders mit Aura, und bestimmten Herz-Kreislauf-Ereignissen. In einer großen dänischen Kohorte lagen nach 19 Jahren beispielsweise 45 statt 25 ischämische Schlaganfälle pro 1.000 Personen vor; auch Herzinfarkte waren häufiger. Die absoluten Risiken blieben wegen des jungen Durchschnittsalters dennoch niedrig, und eine Beobachtungsstudie kann keine Ursache beweisen [5].
Mögliche Brücken zwischen Hirn und Gefäßsystem sind gemeinsame genetische Faktoren, Entzündungsprozesse, Veränderungen der Gefäßinnenwand, Gerinnungsneigung und die sogenannte kortikale Streudepolarisation. Welche Mechanismen entscheidend sind und ob eine erfolgreiche Migräneprophylaxe das kardiovaskuläre Risiko senkt, ist offen. Praktisch folgt daraus keine Panik, sondern Präzision: Blutdruck, Rauchen, Blutfette, Bewegung und individuelle Verhütungsfragen verdienen bei Aura besondere Aufmerksamkeit. So wird aus dem Leitmotiv „Herz und Hirn“ eine gemeinsame Präventionsaufgabe.
Praxisbox
- Einen Kopfschmerzkalender führen: Migränetage, Dauer, Begleitsymptome und Akutmedikation dokumentieren.
- Akutmittel entsprechend dem persönlichen ärztlichen Behandlungsplan früh in der Kopfschmerzphase einsetzen.
- Schlaf, Mahlzeiten, Flüssigkeitszufuhr und Bewegung möglichst regelmäßig gestalten, ohne starre Verbotslisten.
- Bei häufigen oder stark beeinträchtigenden Attacken eine prophylaktische Therapie ärztlich besprechen.
Sicherheitsbox
- Bei plötzlich maximal starkem Kopfschmerz, neuen Lähmungen, Sprachstörungen, Bewusstseinsstörung oder Krampfanfall sofort den Notruf wählen [6].
- Fieber mit Nackensteife, ein neuer Kopfschmerz in Schwangerschaft oder Wochenbett sowie ein deutlich verändertes Muster müssen dringend abgeklärt werden [6].
- Triptane sind bei bestimmten Herz- und Gefäßerkrankungen ungeeignet; Schwangerschaft und Stillzeit erfordern für jedes Mittel eine individuelle Prüfung [4].
- Triptane oder Kombinationsanalgetika ab zehn, einfache Analgetika ab 15 Einnahmetagen pro Monat können einen Übergebrauchskopfschmerz begünstigen [4].
Fazit
Der Internationale Tag der Migräne erinnert daran, dass eine häufige Erkrankung nicht banal ist. Die moderne Therapie bietet eine breite Palette: gut geprüfte Akutmittel, etablierte und zielgerichtete Prophylaktika sowie wirksame Verhaltens- und Bewegungsansätze. Entscheidend ist nicht die modischste Einzelmaßnahme, sondern ein Plan, der Diagnose, Attackenprofil, Begleiterkrankungen, Lebenssituation und Sicherheit zusammenführt. Wo die Evidenz Grenzen hat, sollte Medizin diese offen benennen – und dennoch handlungsfähig bleiben.
FAQ – Häufige Fragen zu Migräne
Was ist der Unterschied zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz?
Migräne ist häufiger pulsierend, mittelstark bis stark und mit Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit verbunden. Spannungskopfschmerz fühlt sich meist drückend oder ziehend an, ist oft beidseitig und wird durch normale Bewegung nicht deutlich verstärkt [1].
Wie wirkt ein Triptan bei Migräne?
Triptane aktivieren bestimmte Serotoninrezeptoren und hemmen dadurch migränetypische Signalwege im trigeminovaskulären System. Sie sind für akute Attacken gedacht, nicht für die tägliche Vorbeugung, und müssen bei Herz- oder Gefäßerkrankungen ärztlich geprüft werden [4].
Wann sollte Migräne vorbeugend behandelt werden?
Eine Prophylaxe kommt bei häufigen, langen, stark beeinträchtigenden oder unzureichend behandelbaren Attacken infrage. Die Entscheidung richtet sich nicht nur nach der Zahl der Migränetage, sondern auch nach Alltagseinschränkung, Aura, Begleiterkrankungen und Präferenzen [4].
Kann man Migräne durch Triggervermeidung verhindern?
Nicht zuverlässig. Persönliche Auslöser können eine Rolle spielen, doch einzelne Beobachtungen beweisen keine Ursache; manche vermeintlichen Trigger sind bereits Frühsymptome. Ein zeitlich begrenztes, systematisches Protokoll ist hilfreicher als umfassende Verbotslisten.
Hilft Sport bei Migräne?
Regelmäßiger Ausdauer- und Kraftsport kann zur Vorbeugung beitragen [4]. Entscheidend sind ein verträglicher Einstieg und Kontinuität; während einer akuten Attacke verstärkt körperliche Aktivität den Schmerz bei vielen Betroffenen.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.
Quellen & Forschungsstand
- Headache Classification Committee of the International Headache Society. The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1–211. https://doi.org/10.1177/0333102417738202
- Porst M, Wengler A, Leddin J, Neuhauser H, Katsarava Z, von der Lippe E, Anton A, Ziese T, Rommel A. Migräne und Spannungskopfschmerz in Deutschland. Prävalenz und Erkrankungsschwere im Rahmen der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020. Journal of Health Monitoring. 2020;5(S6):3–26. https://doi.org/10.25646/6988
- World Health Organization. Migraine and other headache disorders. WHO Fact Sheet. 2025. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/headache-disorders
- Diener H-C, Förderreuther S, Kropp P, Reuter U et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030/057. Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. 2025. https://www.dgn.org/leitlinie/therapie-der-migraneattacke-und-prophylaxe-der-migrane
- Adelborg K, Szépligeti SK, Holland-Bill L, Ehrenstein V, Horváth-Puhó E, Henderson VW, Sørensen HT. Migraine and risk of cardiovascular diseases: Danish population based matched cohort study. BMJ. 2018;360:k96. https://doi.org/10.1136/bmj.k96
- Do TP, Remmers A, Schytz HW, Schankin C, Nelson SE, Obermann M, Hansen JM, Sinclair AJ, Gantenbein AR, Schoonman GG. Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology. 2019;92(3):134–144. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000006697
