Probiotika

Zum Antibiotikum ein Probiotikum, im Winter Kapseln für die Abwehr: Die Regale sind voll, die Belege dünner. Welche Stämme bei welchen Beschwerden geprüft sind, was Joghurt leistet und wie die EFSA die Werbeversprechen bewertet hat.

STECKBRIEF

  • Was: lebende Mikroorganismen, meist Milchsäurebakterien, Bifidobakterien oder die Hefe Saccharomyces boulardii, die in ausreichender Menge nachweislich gesundheitlich nützen [1]
  • Erhältlich als: Nahrungsergänzungsmittel, einzelne Arzneimittel; Joghurt, Kefir und Sauerkraut enthalten Kulturen, sind aber nicht automatisch Probiotika [3]
  • Menge: keine allgemeine Tagesdosis; Mengenangaben gelten jeweils für einen Stamm und eine Anwendung, gezählt in koloniebildenden Einheiten (KBE) [1]
  • Grenzen: keine amtliche Höchstmenge; Vorsicht bei Frühgeborenen [4], schwer Kranken, geschwächter Abwehr und zentralem Venenkatheter [5]
  • Rechtsstatus: Nahrungsergänzungsmittel werden nur angezeigt, nicht behördlich geprüft [6]; in der EU ist keine Werbeaussage zu „probiotisch“ zugelassen [7]
  • Studienlage: Ergebnisse gelten je Stamm, Beschwerde und Personengruppe. Am besten belegt ist die Vorbeugung von Durchfall unter Antibiotika bei Kindern mit zwei bestimmten Stämmen.

Das Kind bekommt ein Antibiotikum, und in der Apotheke liegt gleich ein Probiotikum daneben. Im Herbst werben Kapseln mit Milliarden Keimen für starke Abwehrkräfte. Ob sich das lohnt, lässt sich nicht pauschal sagen, denn „Probiotika“ ist ein Sammelname für sehr verschiedene Bakterien und Hefen.

Studien prüfen immer einen bestimmten Stamm in einer bestimmten Menge bei bestimmten Menschen. Gut belegt ist wenig: Kinder, die ein Antibiotikum brauchen, bekommen mit zwei bestimmten Stämmen seltener Durchfall [9]. Erkältungen traten in Studien etwas seltener auf, ein bester Stamm ergibt sich daraus aber nicht [10]. Für viele andere Versprechen fehlen die Belege. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat bisher keinen Antrag auf eine probiotische Gesundheitsaussage positiv bewertet [7].

Was belegt ist und was nicht

Die Stufen zeigen, wie gut eine Anwendung durch Leitlinien oder Studien belegt ist. „Solide“: Eine maßgebliche Leitlinie empfiehlt es, gestützt auf mehrere übereinstimmende gute Studien. „Mittel“: Es gibt gute Studien, aber mit uneinheitlichen Ergebnissen oder kleinen Effekten. „Schwach“: Gute Studien fehlen. „Kein Nutzen belegt“: Gute Studien zeigen keinen Unterschied zu Placebo. Kursiv stehen Gattung und Art; eine nachgestellte Kennung wie „GG“ bezeichnet den Stamm. Dieselbe Beschwerde steht manchmal in zwei Stufen, weil einzelne Stämme anders abschneiden als andere oder als Probiotika insgesamt. „Gemischt je Stamm“ heißt: Die Übersichten fassen verschiedene Stämme zusammen, ein einzelner Stamm lässt sich daraus nicht herauslesen.

Solide

  • Durchfall unter Antibiotika bei Kindern mit Risikofaktoren vorbeugen: Lacticaseibacillus rhamnosus GG oder S. boulardii, mindestens 5 Milliarden KBE täglich ab dem ersten Antibiotikatag [9]

Mittel

  • Durchfall unter Antibiotika bei Erwachsenen: gemischt je Stamm; in den methodisch besten Studien kein sicherer Unterschied [11]
  • Durchfall durch Clostridioides difficile unter Antibiotika vorbeugen: gemischt je Stamm, Nutzen vor allem bei hohem Ausgangsrisiko [12]; Leitlinien uneins [13]
  • Infekten der oberen Atemwege vorbeugen: gemischt je Stamm [10]
  • Akuter Magen-Darm-Infekt bei Kindern: L. rhamnosus GG und S. boulardii [9]; Studien uneinheitlich, Fachgesellschaften uneins [15]
  • Reizdarm, Beschwerden lindern [17]: gemischt je Stamm, am ehesten Lactiplantibacillus plantarum 299v [16]
  • Verstopfung: gemischt je Stamm [18]
  • Colitis ulcerosa, Rückfällen vorbeugen: Escherichia coli Nissle 1917 [20]
  • Wiederkehrende Pouch-Entzündung nach Darmoperation: eine festgelegte Mischung aus acht Stämmen [21]
  • Gefährliche Darmentzündung bei sehr kleinen Frühgeborenen: gemischt je Stamm [22], nur in der Klinik [23]
  • Neurodermitis bei Kindern vorbeugen: gemischt je Stamm [24]

Schwach

  • Behandlung einer bestehenden C.-difficile-Infektion [13]
  • Morbus Crohn, Rückfällen vorbeugen [26]
  • Fieber bei Erkältung von Kleinkindern verkürzen: Mischung aus drei Stämmen, eine Studie [27]
  • Reisedurchfall vorbeugen [28]
  • Wiederkehrende Harnwegsinfekte [30]
  • „Darmsanierung“ nach Antibiotika [31]
  • Abwehrkräfte allgemein stärken: von der EFSA nicht als belegt anerkannt [32]
  • Stimmung und Stress [34]
  • Abnehmen [35]
  • Zahnfleisch und Parodontitis [36]

Kein Nutzen belegt

  • Akuter Magen-Darm-Infekt bei Kindern, Probiotika insgesamt [15]
  • Akuter Magen-Darm-Infekt bei Kindern: Kombination Lactobacillus helveticus R0052 mit L. rhamnosus R0011 [9]

Was ein Probiotikum ausmacht

Nach der Definition der Welternährungs- und der Weltgesundheitsorganisation (FAO/WHO) sind Probiotika lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen bringen [1]. Die Keime müssen also leben, und ihr Nutzen muss nachgewiesen sein. Eine hohe Keimzahl auf der Packung genügt nicht.

Entscheidend ist der Stamm, also eine genau bestimmte Linie innerhalb einer Art, etwa das „GG“ in Lacticaseibacillus rhamnosus GG. FAO/WHO verlangen deshalb Gattung, Art und Stamm auf dem Etikett, dazu die Zahl lebender Keime bis zum Ende der Haltbarkeit [1]. Was ein Stamm in Studien leistet, gilt nicht automatisch für andere Stämme derselben Art. Seit 2020 tragen viele Milchsäurebakterien neue Gattungsnamen [37]; aus Lactobacillus rhamnosus wurde Lacticaseibacillus rhamnosus. Ein neuer Name bedeutet keine neue Wirkung.

Präbiotika sind dagegen keine Keime. Es sind Stoffe, meist bestimmte Ballaststoffe, die nützliche Darmbakterien gezielt verwerten [38]. Synbiotika verbinden beides [39].

Die meisten Probiotika siedeln sich nicht dauerhaft an, sie ziehen durch. In einer Studie mit 21 Erwachsenen war L. rhamnosus GG zwei Wochen nach dem Absetzen in keiner Stuhlprobe mehr nachweisbar [40]. Wirken können Keime auch auf der Durchreise, etwa indem sie Krankheitserreger zurückdrängen; welche Mechanismen zählen, ist je Stamm verschieden [2].

Joghurt oder Kapsel?

Joghurt entsteht durch zwei Starterkulturen, Streptococcus thermophilus und Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus; wird er nach der Gärung erhitzt, leben die Kulturen nicht mehr [41]. Fermentierte Lebensmittel wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut sind nach der wissenschaftlichen Vereinigung ISAPP nicht automatisch Probiotika. Dafür müssten die Keime genau bestimmt und ihr Nutzen belegt sein [3].

Eine einzige Werbeaussage zu lebenden Kulturen hat die EU zugelassen. Lebende Joghurtkulturen verbessern bei Menschen mit Problemen bei der Laktoseverdauung die Verdauung der Laktose im Joghurt selbst [42]. Voraussetzung sind mindestens 100 Millionen KBE je Gramm der beiden Starterkulturen. Ein Darm- oder Abwehrversprechen folgt daraus nicht. Bei gesunden Erwachsenen fanden Studien mit fermentierten Lebensmitteln etwas regelmäßigeren Stuhlgang und weniger Bauchbeschwerden, bei sehr uneinheitlichen Ergebnissen [43]. Ob ein Joghurt ein Studienpräparat ersetzen kann, hat bisher keine Studie direkt verglichen.

Präparate sind in Deutschland meist Nahrungsergänzungsmittel. Sie werden beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nur angezeigt; das Amt prüft oder genehmigt sie nicht [6]. Die Qualität schwankt. Die europäische Fachgesellschaft für Kinder-Gastroenterologie (ESPGHAN) beschreibt falsch bestimmte Stämme, zu wenige lebende Keime und vereinzelt Verunreinigungen [44]. In einer internationalen Stichprobe enthielten 13 von 28 Produkten weniger Keime als angegeben [45]. Als Arzneimittel zugelassen ist zum Beispiel die Hefe S. boulardii [46].

Durchfall unter Antibiotika

Antibiotika treffen auch nützliche Darmbakterien, und manche Menschen bekommen davon Durchfall. Hier liegen die stärksten Belege. Wann Antibiotika nötig sind, behandelt der Leitartikel „Antibiotika: Wann sie helfen, wann sie schaden“.

Kinder (Evidenz: Solide). Eine Cochrane-Übersicht fasste 33 Studien mit 6.352 Kindern zusammen. Ohne Probiotikum bekamen 19 von 100 Kindern Durchfall, mit Probiotikum 8 von 100 [8]. Deutlich war der Effekt vor allem bei hohen Mengen ab 5 Milliarden koloniebildenden Einheiten (KBE) täglich. KBE zählen die lebenden, vermehrungsfähigen Keime. Die ESPGHAN empfiehlt deshalb für Kinder mit Risikofaktoren, wenn ein Probiotikum erwogen wird, L. rhamnosus GG oder S. boulardii in dieser Menge, beginnend zusammen mit dem Antibiotikum [9]. Bei S. boulardii stammen die meisten Daten vom Stamm CNCM I-745. Andere Stämme oder beliebige Mischungen deckt die Empfehlung nicht ab.

Erwachsene (Evidenz: Mittel). Eine Auswertung von 42 Studien mit gut 11.000 Erwachsenen fand rund ein Drittel weniger Durchfall [11]. In den sechs methodisch besten Studien war der Unterschied aber nicht mehr sicher. Welcher Stamm hilft, lässt sich nicht ablesen, denn die Studien mischen Arten und Kombinationen.

Clostridioides difficile (Evidenz: Mittel). Gefährlicher ist ein Durchfall durch das Bakterium Clostridioides difficile, vor allem im Krankenhaus. Ein Cochrane-Update von 2025 fand mit Probiotika weniger Erkrankungen [12]. Über alle Studien gerechnet müssen etwa 65 Menschen vorbeugend Probiotika nehmen, damit einer weniger erkrankt. Der Nutzen hängt am Ausgangsrisiko. Bei hohem Ausgangsrisiko erkrankten ohne Probiotikum 12 von 100, mit Probiotikum 3 von 100. Bei niedrigem Risiko, wie es in der Regelversorgung üblich ist, zeigte sich kein klarer Unterschied.

Die Leitlinien ziehen daraus verschiedene Schlüsse. Die US-Gastroenterologen (AGA) schlagen S. boulardii oder bestimmte Mischungen vor [13]. Die deutsche Leitlinie der Gastroenterologen (DGVS) gibt keine Empfehlung [14], die US-Infektiologen sehen zu wenige Daten [47]. Ist die Infektion schon da, fehlen gute Studien [25]. Etwas ganz anderes ist die Stuhltransplantation, bei der Darmbakterien eines gesunden Spenders übertragen werden [48]: eine ärztliche Behandlung bei wiederholten Rückfällen, kein Probiotikum [14].

„Darmsanierung“ nach der Kur (Evidenz: Schwach). In der Naturheilkunde ist die Idee verbreitet, nach einem Antibiotikum die Darmflora mit Probiotika wieder aufzubauen. Belegt ist das nicht. In einer kleinen Studie erholte sich die Darmflora von 21 Gesunden unter einer Mischung aus elf Stämmen sogar langsamer als ohne Behandlung [31]; Beschwerden wurden nicht gemessen. Eine Regel „nach jedem Antibiotikum ein Probiotikum“ stützt keine Leitlinie.

Erkältungen und Infekte

Atemwegsinfekte vorbeugen (Evidenz: Mittel). Für den Winter am wichtigsten ist eine Cochrane-Übersicht von 2022 mit 23 Studien und fast 7.000 Kindern und Erwachsenen ohne geschwächte Abwehr [10]. Unter Probiotika erkrankten rund ein Viertel weniger Menschen mindestens einmal an einem Infekt der oberen Atemwege, also an Schnupfen, Halsweh oder Nasennebenhöhlenentzündung. Wer krank wurde, war im Mittel gut einen Tag kürzer krank. Die Autoren stufen die Verlässlichkeit als niedrig ein, und von der Industrie finanzierte Studien fielen häufiger positiv aus. Geprüft wurden verschiedene Stämme, meist über drei Monate oder länger. Einen besten Stamm nennt die Übersicht nicht.

Antibiotika wurden in diesen Studien seltener verordnet [10]. Dass Probiotika Resistenzen verhindern, ist nicht gezeigt. Den sorgsamen Umgang mit Antibiotika, um den es in der Weltwoche gegen antimikrobielle Resistenzen im November geht, ersetzen sie nicht.

Bei einer schon laufenden Erkältung gibt es nur einzelne Hinweise. In einer italienischen Studie mit 128 Kleinkindern fieberten Kinder mit einer Mischung aus Bifidobacterium breve M-16V, B. animalis subsp. lactis HN019 und L. rhamnosus HN001 meist zwei Tage kürzer [27]. Fast ein Drittel der Kinder schied aber vorzeitig aus, und ein Unternehmen war an der Finanzierung beteiligt [49]. Bestätigt ist das Ergebnis nicht.

„Abwehrkräfte stärken“ ist kein messbares Ziel. Die EFSA sah Anträge zur Abwehr gegen Erreger nicht als belegt an, etwa für B. animalis subsp. lactis Bb-12 [32] und L. paracasei CBA L74 [33]. Was die Abwehr tatsächlich stützt, beschreibt der Leitartikel „Abwehrkräfte“.

Magen-Darm-Infekt bei Kindern (Evidenz: Mittel für einzelne Stämme, Kein Nutzen belegt für Probiotika insgesamt). Nach Cochrane verkürzen Probiotika insgesamt einen akuten Durchfall bei Kindern wahrscheinlich nicht [15]. Die ESPGHAN empfiehlt dennoch schwach einige Stämme, darunter L. rhamnosus GG und S. boulardii. Von der Kombination L. helveticus R0052 mit L. rhamnosus R0011 rät sie ausdrücklich ab [9]. AGA und DGVS raten bei akutem Magen-Darm-Infekt von Probiotika ab [14]. Gegen Reisedurchfall wurden Probiotika nur in kleinen Studien ohne klares Ergebnis geprüft; die US-Gesundheitsbehörde CDC sieht keine ausreichenden Daten für eine Empfehlung [28].

Reizdarm und entzündliche Darmerkrankungen

Reizdarm (Evidenz: Mittel). Das Reizdarmsyndrom (RDS) bedeutet wiederkehrende Bauchschmerzen mit veränderter Verdauung ohne erkennbare organische Ursache. Eine Auswertung von 82 Studien fand für manche Mischungen und einzelne Stämme weniger Beschwerden, bei sehr geringer Verlässlichkeit; am ehesten gilt das für L. plantarum 299v [16]. Andere Kombinationen zeigten keinen Unterschied. Die deutsche Leitlinie empfiehlt ausgewählte Probiotika, den Stamm passend zu den Beschwerden [17]; ihre Gültigkeit ist laut Register abgelaufen [50]. Die AGA sieht Probiotika beim Reizdarm nur in Studien vor [13], das American College of Gastroenterology rät ab [51]. Von Heilung spricht keine Studie.

Verstopfung (Evidenz: Mittel). In 17 Studien hatten Menschen mit Verstopfung unter Probiotika knapp eine Stuhlentleerung mehr pro Woche, bei sehr uneinheitlichen Ergebnissen und ohne herausragenden Stamm [18].

Colitis ulcerosa und Pouchitis (Evidenz: Mittel). Colitis ulcerosa ist eine chronische Entzündung des Dickdarms. In einer Studie mit 327 Erkrankten hielt der Stamm E. coli Nissle 1917 die Krankheit über ein Jahr ähnlich gut in Ruhe wie das Standardmittel Mesalazin [19]. Ein Mitautor arbeitete beim Hersteller. Die deutsche Leitlinie nennt den Stamm als Alternative, wenn Mesalazin nicht vertragen wird [20]; die AGA sieht Probiotika bei Colitis nur in Studien vor [13]. Nach einer Darmoperation kann sich ein aus Dünndarm gebildeter Beutel, der Pouch, immer wieder entzünden (Pouchitis). Mit einer festgelegten Mischung aus acht Stämmen hatten in drei kleinen Studien 6 von 45 Behandelten binnen eines Jahres einen Rückfall, ohne sie 36 von 41 [21]. Bei Morbus Crohn zeigten kleine Studien keinen sicheren Nutzen [26].

Frühgeborene, Allergien und weitere Versprechen

Bei sehr kleinen Frühgeborenen senkten Probiotika in Studien das Risiko einer gefährlichen Darmentzündung (nekrotisierende Enterokolitis) etwa um die Hälfte; bei den kleinsten ist der Nutzen nicht gesichert [22]. Die ESPGHAN nennt nur zwei bestimmte Zubereitungen mit strengen Qualitätskontrollen [23]. Das entscheidet die Neugeborenenmedizin.

Erhielten Schwangere oder Säuglinge Probiotika, hatten die Kinder später etwa ein Fünftel seltener Neurodermitis; einen einzelnen empfohlenen Stamm gibt es nicht [24]. Säuglingsnahrung mit Probiotika ist laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für gesunde Säuglinge nicht besser geeignet als herkömmliche [52].

Bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten fand Cochrane keinen sicheren Nutzen [29]; die europäische Urologen-Leitlinie empfiehlt trotzdem schwach geprüfte Stämme für die Vaginalflora [30]. Für Stimmung, Gewicht und Zahnfleisch zeigen Studien kleine oder unsichere Effekte [34], etwa im Mittel weniger als ein halbes Kilo Gewichtsabnahme in einer vom Hersteller finanzierten Auswertung [35].

Fermentierte Lebensmittel haben in der Naturheilkunde und in vielen Esskulturen einen festen Platz. Als Lebensmittel sind sie bewährt, als Heilmittel kaum geprüft [43]. Eine durch Studien gestützte energiemedizinische Position zu Probiotika ist nicht bekannt.

Die unbequeme Frage: Was die EFSA bewertet hat

Wer in der EU ein Lebensmittel mit einer gesundheitsbezogenen Aussage bewirbt, braucht dafür eine Zulassung [53]. Die EFSA prüft, ob die eingereichten Studien eine Wirkung belegen; zulassen dürfen dann Kommission und Mitgliedstaaten [54]. Schon das Wort „probiotisch“ wertet die EU-Kommission dabei als Gesundheitsaussage, weil es einen Nutzen unterstellt.

Das Ergebnis ist eindeutig. Keiner der Anträge zu probiotischen Keimen erhielt eine positive Bewertung der EFSA, zugelassen ist keine einzige Aussage [7]. Im EU-Register stehen zum Stichwort „probiotic“ 129 Einträge, alle nicht zugelassen [55]. Abgelehnt wurde etwa ein Antrag zu L. rhamnosus GG gegen Durchfall unter Antibiotika: Von sieben Studien an Menschen erlaubten fünf keine Bewertung, zwei zeigten keinen Effekt [56].

Die EFSA hat also keinen Antrag positiv bewertet, manche Leitlinien empfehlen dagegen bestimmte Stämme. Ein Widerspruch ist das nur auf den ersten Blick. Beide prüfen Verschiedenes. Die EFSA bewertet Werbung für Lebensmittel anhand der Unterlagen, die ein Antragsteller einreicht. Leitlinien bewerten Behandlungen für bestimmte Patientengruppen über viele Studien hinweg. Hinzu kommt die Herkunft der Daten. Viele Studien stammen von Herstellern, und manche Ergebnisse beruhen auf wenigen Studien zu einem einzigen Stamm, etwa bei E. coli Nissle 1917 oder der Fiebermischung für Kleinkinder. Bei Atemwegsinfekten fielen industriefinanzierte Studien häufiger positiv aus [10], beim Durchfall unter Antibiotika fand eine ältere Auswertung keinen solchen Unterschied [57].

Fehlender Beleg ist kein Gegenbeweis

Lehnt die EFSA einen Antrag ab, heißt das: Die eingereichten Studien reichten nicht, um eine Wirkung zu belegen. Es heißt nicht, dass der Stamm sicher wirkungslos ist. Umgekehrt wirkt ein Präparat nicht schon deshalb, weil es einen erfolgreich geprüften Stamm enthält. Menge, Zubereitung und Personengruppe müssen zur Studie passen.

Sicherheitsbox

  • Verträglichkeit: Bei Menschen ohne schwere Vorerkrankung waren Nebenwirkungen in Studien nicht häufiger als unter Placebo [12], meist Blähungen oder Bauchgrummeln [58]. Seltene schwere Infektionen wurden kaum gezielt erfasst.
  • Geschwächte Abwehr, schwere Krankheit: In Einzelfällen gelangen die Keime ins Blut [59]. Arzneimittel mit S. boulardii sind laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bei schwer kranken oder immungeschwächten Menschen nicht anzuwenden (Gegenanzeige) [5]. Auch bakterielle Präparate nur nach ärztlicher Rücksprache.
  • Zentraler Venenkatheter: Auch hier ist S. boulardii nicht anzuwenden; in Krankenzimmern sollen Kapseln und Beutel nicht geöffnet werden [5]. Auf Intensivstationen traten bei etwa 4 von 1.000 Behandelten Katheterinfektionen durch Probiotika-Keime auf [60].
  • Frühgeborene: Laut US-Arzneimittelbehörde FDA droht eine schwere, möglicherweise tödliche Infektion durch die Keime [4]. Nur unter Aufsicht der Neugeborenenmedizin.
  • Schwere Bauchspeicheldrüsenentzündung: In einer Studie starben unter einer Probiotika-Mischung 16 von 100 Erkrankten, unter Placebo 6 von 100 [61].
  • Hefe und Pilzmittel: Mittel gegen Pilze, die im Darm wirken, können die Wirkung von S. boulardii beeinträchtigen [46]. Eine allgemeine Abstandsregel zwischen Antibiotikum und bakteriellen Präparaten ist nicht belegt; maßgeblich ist die Packungsbeilage.
  • Schwangerschaft, Stillzeit, Kleinkinder: Das S.-boulardii-Arzneimittel soll in Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet werden, bei Kindern unter zwei Jahren nur nach ärztlicher Rücksprache [46].
  • Warnzeichen: Durchfall länger als zwei Tage oder Blut im Stuhl gehören ärztlich abgeklärt [46]; ein Probiotikum ersetzt das nicht.

Woran geforscht wird

Neue Studien prüfen einzelne, genau bezeichnete Stämme. Eine Studie mit 268 Kindern untersucht, ob der Stamm L. rhamnosus CRL1505 Atemwegsinfekten vorbeugt; ihr Abschluss ist für 2027 geplant [62]. In Südkorea prüft eine Studie bei Erwachsenen mit Lungenentzündung, ob eine Mischung Durchfall unter Antibiotika verhindert [63]. Viele neue Studien finanzieren Hersteller. Offen bleibt vor allem, welche Stämme Erwachsenen unter Antibiotika und bei Infekten verlässlich helfen; dafür fehlen große, unabhängige Studien.

Häufige Fragen zu Probiotika

Was sind Probiotika, was Präbiotika?
Probiotika sind lebende Bakterien oder Hefen, die in ausreichender Menge nachweislich gesundheitlich nützen; entscheidend ist der genaue Stamm. Präbiotika sind Stoffe, meist Ballaststoffe, die nützliche Darmbakterien gezielt verwerten.

Soll man zum Antibiotikum ein Probiotikum nehmen?
Nicht automatisch. Bei Kindern mit Risikofaktoren beugen L. rhamnosus GG oder S. boulardii in ausreichender Menge Durchfall vor. Bei Erwachsenen ist der Nutzen unsicherer. Eine Regel für jedes Antibiotikum gibt es nicht.

Helfen Probiotika gegen Erkältungen?
In Studien erkrankten unter Probiotika etwas weniger Menschen an Infekten der oberen Atemwege. Die Ergebnisse sind wenig verlässlich, und ein bester Stamm lässt sich nicht nennen. Eine laufende Erkältung heilen sie nicht.

Ist Joghurt ein Probiotikum?
Nicht automatisch. Joghurt enthält lebende Starterkulturen. Zugelassen ist nur die Aussage, dass sie Menschen mit Problemen bei der Laktoseverdauung helfen, die Laktose im Joghurt zu verdauen. Ein Präparat aus Studien ersetzt er nicht nachweislich.

Woran erkenne ich ein Präparat mit Studienbelegen?
Am Etikett. FAO/WHO verlangen dort Gattung, Art und Stamm, etwa L. rhamnosus GG, und die Zahl lebender Keime bis Ende der Haltbarkeit. Damit lässt sich abgleichen, ob genau dieser Stamm in dieser Menge bei der eigenen Beschwerde untersucht wurde. Fehlt der Stamm auf der Packung, geht das nicht.

Sind Probiotika für jeden sicher?
Gesunde vertragen sie in Studien meist gut. Bei Frühgeborenen, schwer Kranken, geschwächter Abwehr oder einem zentralen Venenkatheter können die Keime gefährliche Infektionen auslösen. Hier entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Warum gibt es keine zugelassene Werbeaussage zu Probiotika?
Kein Antrag konnte die EFSA überzeugen, dass ein Lebensmittel mit diesen Keimen die versprochene Wirkung hat. Das heißt nicht, dass jeder Stamm wirkungslos ist, wohl aber, dass die Werbeversprechen nicht belegt sind.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

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