Augengesundheit im Sommer

Die Haut cremen wir ein, die Augen vergessen wir. Dabei sammelt die Augenlinse UV-Dosis über Jahrzehnte, und die Tränenfilm-Balance kippt im Spätsommer besonders leicht – zwischen Klimaanlage, Zugluft und trockener Hitze. Dieser Beitrag ordnet ein, was schulmedizinisch belegt ist, was umstritten bleibt und welche Maßnahmen im August tatsächlich etwas bewirken.

Was ist Augengesundheit im Sommer?

Zwei Themen laufen im Spätsommer zusammen. Das eine ist eine Strahlungsfrage: Ultraviolettes Licht trifft nicht nur die Haut, sondern auch Lider, Bindehaut, Hornhaut und Linse. Das andere ist eine Feuchtigkeitsfrage: Der Tränenfilm, ein nur wenige Mikrometer dünner Verbund aus Lipid-, Wasser- und Muzinanteilen, verliert bei Hitze, Wind und klimatisierter Luft schneller seine Stabilität.

Akut kann UV-Strahlung hoher Intensität innerhalb von Stunden die vordersten Augenpartien schädigen; es entstehen Entzündungen der Hornhaut (Photokeratitis) und der Bindehaut (Photokonjunktivitis). Die Beschwerden melden sich erst sechs bis acht Stunden später mit starken Schmerzen und Sandkorngefühl, heilen aber innerhalb von ein bis zwei Tagen ab. Bergsteiger kennen das als „Schneeblindheit“, Schweißer als „Verblitzen“ [1].

Relevanter ist der chronische Teil. Die Augenlinse absorbiert einen großen Anteil der eindringenden UV-Strahlung, und übermäßige UV-Belastung gilt als einer der auslösenden Faktoren für den Grauen Star [2]. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit rund 15 Millionen Menschen durch Katarakt erblindet sind und etwa zehn Prozent dieser Fälle auf UV-Exposition zurückgehen könnten [3]. Hinzu kommen das Pterygium – eine Gewebewucherung der Bindehaut, die Hornhautverkrümmung, Sehminderung und übrigens auch trockene Augen auslösen kann – sowie Tumoren an Lidern und Bindehaut [4].

Das Trockene Auge, fachlich Keratokonjunktivitis sicca, ist nach der Leitlinie von Berufsverband der Augenärzte und Deutscher Ophthalmologischer Gesellschaft eine multifaktorielle Erkrankung der Augenoberfläche mit Verlust der Tränenfilm-Homöostase, Hyperosmolarität und Entzündung [5]. In einer repräsentativen deutschen Stichprobe mit 2.495 Teilnehmenden zeigten 21,6 Prozent ein positives Symptomscreening, Frauen mit 26,5 Prozent häufiger als Männer mit 16,7 Prozent [6].

Was zeigt die Evidenz?

Als belegt gilt die Wirksamkeit des mechanischen Schutzes. Auf die Kennzeichnung „UV 400“ ist nach Messungen des Bundesamts für Strahlenschutz relativ gut Verlass: Solche Brillen filtern die UV-Strahlung bis 400 Nanometer ausreichend heraus. Zwei Eigenschaften werden dabei oft verwechselt: Den Blendschutz kann man selbst prüfen – die UV-Filterwirkung sieht man einer Brille nicht an [7]. Sonnenbrillen aus dem deutschen Handel tragen die CE-Zertifizierung nach EU-Norm DIN EN ISO 12312; von den Tönungskategorien 1 bis 4 taugt Kategorie 1 nur für bewölkte Tage, Kategorie 3 wird für Meer und Berge empfohlen, Kategorie 4 ist dem Hochgebirge vorbehalten und im Straßenverkehr nicht zugelassen [4] [7]. Weil UV-Strahlung stark streut, gehört Seitenschutz durch große Gläser oder gebogene Formgebung zur Grundausstattung, nicht zum Styling [7].

Belegt ist ebenso, dass die Umgebung mitrechnet. Gras oder Wasser steigern den UV-Wert um bis zu zehn Prozent, Sand am Meer um etwa 15, Schnee um rund 50 Prozent; pro 1.000 Höhenmeter kommen zehn Prozent hinzu. In Deutschland werden im Sommer UV-Index-Werte von 8 bis 9 erreicht, in süddeutschen Hochlagen bis 11. Ab Index 3 sind Schutzmaßnahmen angezeigt, ab Index 8 gilt: in den zwei Stunden um den Sonnenhöchststand – Anfang August je nach Land zwischen knapp 13.00 und 14.30 Uhr – möglichst nicht draußen sein [4]. Bei Kindern ist die Dringlichkeit größer: Im ersten Lebensjahr erreichen 90 Prozent der UV-A- und über 50 Prozent der UV-B-Strahlen die Netzhaut, zwischen 10 und 13 Jahren noch 60 beziehungsweise 25 Prozent; erst mit 18 bis 20 Jahren hält die Linse UV-Strahlen fast vollständig zurück [8].

Umstritten bleibt die Netzhaut. Ein bis zwei Prozent der UV-A-Strahlung dringen bis zur Retina vor, in jungen Jahren möglicherweise bis zu zehn Prozent. Ob dieser geringe Anteil zur altersabhängigen Makuladegeneration beiträgt, ist bislang nicht auszuschließen – und eben auch nicht bewiesen [2]. Die WHO formuliert vorsichtig, UV-Exposition könne an der AMD-Entwicklung beteiligt sein [3]. Bemerkenswert ist, was die Leitlinien nicht sagen: Netzhautschutz durch Sonnenbrillen wird nirgends versprochen.

Umstritten ist zweitens die Nahrungsergänzung. Ein Cochrane-Review mit 34 randomisierten Studien und 4.314 Teilnehmenden fand für langkettige Omega-3-Fettsäuren gegenüber Placebo bei geringer Evidenzsicherheit kaum eine Symptomreduktion; die Tränenproduktion stieg im Schirmer-Test um 0,68 Millimeter, was die Autoren nicht als klinisch bedeutsam einordneten [9]. Für die Makula gilt Vergleichbares: Studien mit über 75.000 Teilnehmenden zeigten für Vitamin E und Betacarotin keine Risikosenkung. Die AREDS-2-Kombination kann das Fortschreiten bei deutlich erhöhtem Risiko verzögern – Verschlechterung bei etwa 37 statt 43 von 100 Personen in sechs Jahren – und gehört in ärztliche Hand [10].

Offen bleibt das Zusammenspiel von Alkohol, Hitze und Augenoberfläche im Detail. Dass Alkohol ein Risikofaktor ist, listet die Leitlinie unter den Umweltfaktoren des Trockenen Auges auf, neben Klimaanlagen, trockener Luft und Bildschirmarbeit [5]. Eine Meta-Analyse über zehn Studien mit mehr als 2,4 Millionen Personen fand ein erhöhtes Risiko mit einer Odds Ratio von 1,15 – unabhängig von Rauchen, Blutdruck und Diabetes. Bemerkenswert ist ein leicht fehlgedeutetes Muster: Bei Starktrinkern war der Effekt statistisch nicht signifikant, was die Autoren mit alkoholbedingter peripherer Neuropathie und verminderter Hornhautsensibilität erklären – die Beschwerden werden schlechter wahrgenommen, nicht seltener. Ethanol ist im Tränenfilm nachweisbar, reduziert dessen Volumen, erhöht die Osmolarität und regt entzündliche Zytokine an [11]. Wer an einem heißen Augusttag zum Aperitif greift, addiert einen diuretischen Effekt zu einer belasteten Augenoberfläche. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat 2024 ihren Referenzwert ersetzt und empfiehlt den Verzicht; als risikoarm gelten weniger als 27 Gramm pro Woche [12]. Die WHO betont, dass sich kein Schwellenwert nachweisen lässt, unterhalb dessen kein Risiko besteht [13].

Praxisbox

  • Brille prüfen, nicht nur tragen: Auf „UV 400“ oder „100 Prozent UV-Schutz“, CE-Zeichen und Tönungskategorie 2 oder 3 achten; bei Sehstärkengläsern den Optiker gezielt auf den Erhalt der UV-Filterung ansprechen [4] [7].
  • Seitlich denken: Große Gläser oder gebogene Form plus breitkrempige Kopfbedeckung; ab UV-Index 3 konsequent, ab 8 die Mittagsstunden meiden [3] [4].
  • Luftstrom umlenken: Klimaanlagengebläse in Auto, Büro und Flugzeug nie aufs Gesicht richten; die 20-20-20-Regel senkte in einer kontrollierten Untersuchung Beschwerden, allerdings ohne messbare Veränderung objektiver Tränenfilmwerte und ohne Nachhaltigkeit nach Absetzen [14].
  • Basistherapie richtig wählen: Tränenersatzmittel sind Mittel der ersten Wahl; bei häufiger Anwendung und bei Allergie bevorzugt konservierungsmittelfrei, bei Lidrandbeteiligung zusätzlich Wärme, Massage und Lidkantenreinigung [5].

Sicherheitsbox

  • Dunkel ist nicht geschützt: Getönte Gläser ohne UV-Filter erweitern die Pupille und lassen mehr Strahlung ins Auge; Kontaktlinsen mit UV-Schutz decken Lider und Bindehaut nicht ab und ersetzen keine Sonnenbrille [4] [7].
  • Kontaktlinsen und Wasser trennen: Beim Schwimmen vermeiden, dass Wasser ins Auge gelangt, oder Einweglinsen nutzen – Akanthamöben können bei Mikroläsionen der Hornhaut eine schwer behandelbare Keratitis auslösen; Leitungswasser ist zur Aufbewahrung ungeeignet [15].
  • Rote Flaggen erkennen: Zunehmende Schmerzen, Lichtscheu, krampfartiger Lidschluss und verschwommenes Sehen über Tage bis Wochen gehören augenärztlich abgeklärt, nicht selbst behandelt [15].
  • Keine „Weißmacher“ auf Dauer: Lokale Sympathomimetika und Konservierungsmittel führt die Leitlinie selbst unter den Risikofaktoren des Trockenen Auges [5].

Fazit

Die Kartierung ergibt ein klares Relief. Sehr gut belegt ist der vordere Augenabschnitt: Photokeratitis, Katarakt, Pterygium, Lidtumoren – hier wirken eine normgerechte Sonnenbrille mit Seitenschutz und ein Hut, gemessen am UV-Index statt am Wolkenbild. Weniger gesichert ist, was tiefer liegt oder aus der Dose kommt: Der Netzhautschutz bleibt eine Hypothese, Nahrungsergänzungsmittel sind für gesunde Augen keine Vorsorge. Unterbelichtet bleibt die unscheinbarste Größe: die Feuchtigkeit – zugleich jene, die sich am leichtesten beeinflussen lässt, über Zugluft, Bildschirmpausen, Trinkverhalten und den Umgang mit Alkohol. Entschleunigung ist hier kein Lifestyle-Motiv, sondern physiologisch plausibel: Wer im August den Schatten wählt, Wasser statt Wein trinkt und alle zwanzig Minuten in die Ferne blickt, entlastet eine Struktur, die nur wenige Mikrometer dick ist und den ganzen Sommer arbeitet.

FAQ – Häufige Fragen zur Augengesundheit im Sommer

Was ist der Unterschied zwischen Blendschutz und UV-Schutz?
Der Blendschutz beschreibt die Tönung und damit die Lichtdurchlässigkeit, angegeben in Kategorien von 1 bis 4. Der UV-Schutz ist eine unsichtbare Filtereigenschaft. Beides ist unabhängig voneinander; die Kennzeichnung „UV 400“ belegt den Filter, die Tönung nicht.

Wann sollte man ab welchem UV-Index eine Sonnenbrille tragen?
Ab UV-Index 3 sind Schutzmaßnahmen angezeigt, unabhängig von der Bewölkung. In Deutschland werden im Sommer Werte von 8 bis 9 erreicht, in süddeutschen Hochlagen bis 11. Der tagesaktuelle Wert lässt sich beim Deutschen Wetterdienst abrufen.

Hilft Trinken bei trockenen Augen?
Ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist pathophysiologisch plausibel, ersetzt aber keine Basistherapie. Randomisierte Belege für Trinkmengen fehlen. Klarer ist die Gegenrichtung: Alkohol gilt als eigenständiger Risikofaktor des Trockenen Auges.

Kann man mit Kontaktlinsen schwimmen?
Besser nicht. Wer Linsen trägt, sollte vermeiden, dass Wasser ins Auge gelangt, oder Einweglinsen verwenden. In Mitteleuropa entstehen etwa zehn Prozent der Amöbenkeratitis-Fälle ohne Kontaktlinsen, meist über kontaminiertes Wasser bei verletztem Auge.

Was ist ein Pterygium?
Ein Pterygium, umgangssprachlich Flügelfell, ist eine UV-assoziierte Gewebeveränderung der Bindehaut, die auf die Hornhaut vorwachsen kann. Folgen können Hornhautverkrümmung, Sehminderung und trockene Augen sein.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Bundesamt für Strahlenschutz. Akute Schädigungen der Augen. Stand 20.06.2025. https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/wirkung/akut/augen.html
  2. Bundesamt für Strahlenschutz. Langfristige Wirkungen von UV-Strahlung. Stand 20.06.2024. https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/wirkung/langfristig/langfristig.html
  3. World Health Organization. Ultraviolet radiation. Fact sheet. 2022. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/ultraviolet-radiation
  4. Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft. Sommerurlaub – Wie man die Augen vor Schäden durch UV-Strahlung schützt. Pressemitteilung. 2022. https://dog.org/wp-content/uploads/sites/11/2022/08/PM-DOG-_UV-Schutz_Juli_2022_F.pdf
  5. Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft. Leitlinie Nr. 11: Trockenes Auge. Stand 08.03.2019. https://bva.dog/leitlinien/leit/leit11.pdf
  6. Münch K, Nöhre M, Westenberger A, Akkus D, Morfeld M, Brähler E, Framme C, de Zwaan M. Prevalence and Correlates of Dry Eye in a German Population Sample. Cornea. 2023;43(6):685–692. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11073563/
  7. Bundesamt für Strahlenschutz. UV-Schutz für die Augen. Stand 26.06.2025. https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/schutz/augen/augen.html
  8. Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft. Frühe Sonnenschäden zählen doppelt: Warum UV-Schutz für Kinderaugen besonders wichtig ist. Pressemeldung. 2024. https://dog.org/pressemeldungen/kinderaugen-warum-uv-schutz-wichtig-ist
  9. Downie LE, Ng SM, Lindsley KB, Akpek EK. Omega-3 and omega-6 polyunsaturated fatty acids for dry eye disease. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019, Issue 12, CD011016. https://www.cochrane.org/CD011016/EYES_omega-3-and-omega-6-nutritional-supplements-treating-dry-eye
  10. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Schützen Nahrungsergänzungsmittel vor einer AMD? gesundheitsinformation.de. 2024. https://www.gesundheitsinformation.de/schuetzen-nahrungsergaenzungsmittel-vor-einer-amd.html
  11. You YS, Qu NB, Yu XN. Alcohol consumption and dry eye syndrome: a Meta-analysis. International Journal of Ophthalmology. 2016;9(10):1487–1492. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5075667/
  12. Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Alkohol – Zufuhr in Deutschland, gesundheitliche sowie soziale Folgen und Ableitung von Handlungsempfehlungen. DGE-Positionspapier. Ernährungs Umschau. 2024;71(10):125–139. https://www.dge.de/wissenschaft/stellungnahmen-und-positionspapiere/positionen/alkohol/
  13. World Health Organization Regional Office for Europe. No level of alcohol consumption is safe for our health. 2023. https://www.who.int/europe/news/item/28-12-2022-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health
  14. alens-Estarelles C, Cerviño A, García-Lázaro S, Fogelton A, Sheppard A, Wolffsohn JS. The effects of breaks on digital eye strain, dry eye and binocular vision: Testing the 20-20-20 rule. Contact Lens and Anterior Eye. 2023;46(2):101744. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35963776/
  15. Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Amöbenkeratitis. Stand 05.01.2026. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Amoebenkeratitis.html