Koronare Herzkrankheit: Wenn das Herz nicht mehr genug bekommt

Die koronare Herzkrankheit (KHK) ist die häufigste Todesursache in Deutschland [1]. Sie entwickelt sich schleichend über Jahre und bleibt oft lange unbemerkt. Doch was genau passiert in den Herzkranzgefäßen und – noch wichtiger – was können wir tun, um unser Herz zu schützen?

Was ist die Koronare Herzkrankheit?

Die koronare Herzkrankheit ist ein Überbegriff für Erkrankungen, die durch eine unzureichende Blut- und damit Sauerstoffversorgung des Herzmuskels entstehen. Die Ursache ist fast immer eine Verengung der Herzkranzgefäße (Koronararterien) durch die sogenannte Atherosklerose, umgangssprachlich auch als „Arterienverkalkung“ bekannt. Die aktuellen Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2024 sprechen vom chronischen Koronarsyndrom (CCS), um die verschiedenen klinischen Erscheinungsbilder zusammenzufassen [2]. Es beschreibt ein chronisches Ungleichgewicht zwischen dem Sauerstoffbedarf des Herzens und dem, was die verengten Gefäße noch liefern können. Dieses Missverhältnis tritt typischerweise bei Belastung auf und kann sich durch Symptome wie Brustschmerzen (Angina pectoris) oder Atemnot äußern, aber auch völlig unbemerkt bleiben.

Der Prozess der Atherosklerose ist ein schleichender, der sich über Jahrzehnte entwickelt. Am Anfang steht eine Funktionsstörung der innersten Gefäßwandschicht, des Endothels. Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte, Rauchen oder Diabetes schädigen diese Schutzschicht. Dadurch kann LDL-Cholesterin in die Gefäßwand eindringen und eine chronische Entzündungsreaktion auslösen. Dies führt zur Bildung von sogenannten atherosklerotischen Plaques, die die Arterien immer weiter verengen. Reißt eine solche Plaque auf, kann sich ein Blutgerinnsel bilden, das Gefäß schlagartig verschließen und einen Herzinfarkt auslösen [2].

Die gesellschaftliche Relevanz der KHK ist immens. Allein im Jahr 2023 war sie für 119.800 Todesfälle in Deutschland verantwortlich – davon 68.600 Männer und 51.200 Frauen [1]. Dabei zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen erkranken im Durchschnitt 7 bis 10 Jahre später als Männer, was unter anderem auf die schützende Wirkung von Östrogenen vor der Menopause zurückgeführt wird [4]. Nach der Menopause gleicht sich das Risiko jedoch an. Zudem äußert sich die KHK bei Frauen häufiger durch atypische Symptome wie Übelkeit, Oberbauchschmerzen oder Kurzatmigkeit statt durch den klassischen Brustschmerz, was die Diagnose erschweren kann [4]. Die durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachten Kosten beliefen sich 2020 auf rund 57 Milliarden Euro, was sie zur teuersten Krankheitsgruppe macht [3]. Auch der sozioökonomische Status spielt eine Rolle: Studien der Universitätsmedizin Mainz zeigen, dass Menschen mit niedrigem Bildungs- und Berufsstatus ein um 68 Prozent höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen [6].

Was zeigt die Evidenz?

Die wissenschaftliche Evidenz zur KHK ist robust und liefert klare Anhaltspunkte für Entstehung, Diagnose und Prävention. Man kann die Erkenntnisse in gesicherte, diskutierte und offene Forschungsfelder unterteilen.

Belegt: Die Säulen der KHK-Entstehung und Prävention

Unbestritten ist die zentrale Rolle der klassischen Risikofaktoren. Dazu zählen modifizierbare Faktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämie), Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel, aber auch nicht-modifizierbare wie Alter, männliches Geschlecht und eine familiäre Vorbelastung [4].

Die Diagnostik folgt einem klaren Stufenplan, wie ihn die Nationalen VersorgungsLeitlinien (NVL) und die ESC-Leitlinien vorgeben [2, 4]. Nach einer klinischen Erstbewertung und Risikoabschätzung kommen nicht-invasive bildgebende Verfahren wie die Koronar-CT-Angiographie zum Einsatz, um eine KHK sicher auszuschließen oder zu bestätigen. Der Herzkatheter dient dann der genauen Beurteilung und gegebenenfalls der sofortigen Behandlung durch einen Stent [2].

Die medikamentöse Therapie mit Thrombozytenaggregationshemmern (wie ASS) und Cholesterinsenkern (Statinen) ist der Goldstandard, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen und die Prognose zu verbessern [4]. Eine Revaskularisation mittels Stent oder Bypass-Operation wird bei schweren, medikamentös nicht behandelbaren Symptomen oder bei Hochrisiko-Konstellationen empfohlen [2].

Am wichtigsten ist jedoch die Prävention. Lebensstiländerungen sind die mit Abstand wirksamsten Maßnahmen. Die PREDIMED-Studie zeigte, dass eine mediterrane Ernährung das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse um bis zu 30 Prozent senken kann [4]. Regelmäßiges aerobes Training von mindestens zwei Stunden pro Woche verbessert Blutdruck, Blutfettwerte und Insulinsensitivität. Der konsequente Rauchstopp kann die Mortalität von KHK-Patienten um bis zu 36 Prozent reduzieren [4]. Auch die kardiologische Rehabilitation nach einem Herzinfarkt oder einer Bypass-Operation senkt die Gesamtmortalität signifikant und unterstützt die langfristige Adhärenz an einen herzgesunden Lebensstil [4].

Umstritten / In der Diskussion: Neue Risikofaktoren und Therapieerweiterungen

Die Forschung rückt zunehmend auch neue Risikofaktoren in den Fokus. Psychosozialer Stress, Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung und Lärm sowie Schlafstörungen werden als unabhängige Risikofaktoren anerkannt [5, 6]. Ihr genauer Beitrag zur Krankheitslast wird intensiv erforscht.

Ein vielversprechender neuer Therapieansatz ist die anti-inflammatorische Therapie. Da chronische Entzündungen eine Schlüsselrolle in der Atherosklerose spielen, wurde der Einsatz von niedrig-dosiertem Colchicin untersucht. Große Studien zeigten, dass es das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse signifikant senken kann, was zur Zulassung in den USA führte [7].

Die Rolle von Nahrungsergänzungsmitteln wie Omega-3-Fettsäuren oder Coenzym Q10 wird kontrovers diskutiert. Während einige Studien positive Effekte andeuten, warnen andere vor potenziellen Nebenwirkungen wie einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern bei hochdosierten Omega-3-Präparaten. Eine generelle Empfehlung gibt es daher nicht [8].

Offen: Die Zukunft der personalisierten KHK-Medizin

Die Zukunft der KHK-Behandlung liegt in der Personalisierung. Genetische Risikoscores (Polygenic Risk Scores, PRS) könnten künftig helfen, Hochrisikopersonen frühzeitig zu identifizieren und präventive Maßnahmen gezielter einzusetzen [9].

Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert bereits die Diagnostik. KI-Algorithmen können EKGs oder CT-Bilder mit beeindruckender Genauigkeit analysieren und so helfen, unnötige invasive Untersuchungen zu vermeiden [10]. Die breite Implementierung in den klinischen Alltag steht jedoch noch bevor.

Auch die systematische Integration von komplementären Verfahren wird intensiv erforscht. Programme, die Yoga, Meditation und Achtsamkeit beinhalten, zeigen in Studien positive Effekte auf Risikofaktoren und Lebensqualität [11]. Um sie fest in den Leitlinien zu verankern, bedarf es jedoch weiterer großer Studien.

Praxisbox: 4 Schritte zu einem gesünderen Herz

  • Kennen Sie Ihre Werte: Lassen Sie regelmäßig Blutdruck, Blutzucker und Blutfette kontrollieren. Ein einfacher Check kann Ihr persönliches Risiko aufdecken.
  • Essen Sie mediterran: Mehr Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und gesunde Fette (Olivenöl, Nüsse, Fisch). Weniger rotes Fleisch und verarbeitete Produkte.
  • Bewegen Sie sich täglich: Mindestens 30 Minuten moderate Bewegung an den meisten Tagen der Woche. Das senkt den Blutdruck, verbessert die Blutfettwerte und hilft beim Stressabbau.
  • Sagen Sie Nein zum Rauch: Der Rauchstopp ist die wirksamste Einzelmaßnahme, um das Herzinfarktrisiko drastisch zu senken. Holen Sie sich bei Bedarf professionelle Unterstützung.

Sicherheitsbox: Wann müssen Sie sofort handeln?

  • Akuter Brustschmerz: Plötzlicher, starker Schmerz in der Brust, der länger als 5 Minuten anhält und in Arme, Schulterblätter, Hals oder Oberbauch ausstrahlen kann.
  • Atemnot: Plötzliche, unerklärliche Luftnot, oft in Verbindung mit Brustschmerzen oder einem Engegefühl.
  • Atypische Symptome (besonders bei Frauen): Übelkeit, Erbrechen, Kurzatmigkeit, Schmerzen im Oberbauch oder Rücken können ebenfalls auf einen Herzinfarkt hindeuten.
  • Zögern Sie nicht, 112 zu wählen: Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt zählt jede Minute. Rufen Sie sofort den Notarzt.

Fazit

Die koronare Herzkrankheit ist eine ernstzunehmende, aber durch einen gesunden Lebensstil und moderne medizinische Therapien gut behandelbare Erkrankung. Die Wissenschaft liefert stetig neue Erkenntnisse, die von der Entzündungshemmung bis zur KI-gestützten Diagnostik reichen. Der Schlüssel liegt jedoch in der Prävention und der aktiven Mitwirkung jedes Einzelnen. Indem wir die Schnittmengen zwischen Schulmedizin und einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit erkennen – die Verbindung von Körper, Geist und Umwelt – kartographieren wir den Weg zu einer nachhaltigen Herzgesundheit.

Häufige Fragen zur Koronaren Herzkrankheit

Was ist der Unterschied zwischen KHK und Herzinfarkt? Die KHK ist die chronische Erkrankung, die durch Verengung der Herzkranzgefäße entsteht. Ein Herzinfarkt ist ein akutes Ereignis, das passiert, wenn ein solches Gefäß plötzlich komplett verschlossen wird und ein Teil des Herzmuskels abstirbt. Die KHK ist die häufigste Ursache für einen Herzinfarkt.

Können auch junge Menschen eine KHK bekommen? Ja, auch wenn das Risiko mit dem Alter steigt. Besonders bei einer starken familiären Vorbelastung oder bei Vorliegen mehrerer Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes oder stark erhöhtem Cholesterin kann die Atherosklerose schon in jungen Jahren beginnen und zu einer frühen KHK führen.

Ist eine KHK heilbar? Nein, die Atherosklerose als Ursache der KHK ist ein chronischer Prozess, der nicht vollständig rückgängig gemacht werden kann. Durch einen gesunden Lebensstil und Medikamente lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung aber sehr effektiv verlangsamen oder sogar stoppen und die Prognose deutlich verbessern.

Hilft Stress­abbau bei einer KHK? Ja, psychosozialer Stress ist ein anerkannter Risikofaktor für die KHK. Studien zeigen, dass Verfahren wie Meditation, Yoga und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion den Blutdruck senken und die Herzgesundheit verbessern können. Die Leitlinien empfehlen multimodale Verhaltensinterventionen.

Wann sollte man sich auf eine KHK untersuchen lassen? Bei typischen Beschwerden wie belastungsabhängigen Brustschmerzen oder Atemnot sowie bei Vorliegen mehrerer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Rauchen. Ab dem 40. Lebensjahr ist ein regelmäßiger Herz-Kreislauf-Check beim Hausarzt empfehlenswert.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Steppuhn, H., Baumert, J., Rücker, V., Günther, K., Wengler, A., Tetzlaff, F., & Neuhauser, H. (2025). Zeitliche Entwicklung der Mortalität der koronaren Herzkrankheit in Deutschland von 1998 bis 2023. Journal of Health Monitoring, 10(2). doi:10.25646/13127
  2. Vrints, C., & Andreotti, F. (2024). 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. European Heart Journal, ehae177. doi:10.1093/eurheartj/ehae177
  3. Bundesministerium für Gesundheit (2024). Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Herzgesundheit (Gesundes-Herz-Gesetz – GHG). Referentenentwurf. Stand: 14.06.2024.
  4. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). (2024). Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK, Langfassung, Version 7.0. doi: 10.6101/AZQ/000500
  5. Hahad, O., Münzel, T., & Daiber, A. (2023). Noise and Air Pollution as Risk Factors for Hypertension: Part I—Epidemiology. Hypertension, 80(5), 947-957. https://doi.org/10.1161/HYPERTENSIONAHA.122.18732
  6. Hahad, O., et al. (2024). Cumulative social disadvantage and cardiovascular disease burden and mortality. European Journal of Preventive Cardiology, 31(1), 40-49. https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwad325
  7. Tawfik, J. A., & Budoff, M. (2026). Colchicine in Coronary Artery Disease: A Contemporary Review of Evidence From Clinical Outcomes and Imaging Trials. The American Journal of Cardiology, 259, 1-7. https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2025.09.041
  8. Hu, Y., et al. (2023). Marine Omega-3 Supplementation and Cardiovascular Disease: An Updated Meta-Analysis of 13 Randomized Controlled Trials Involving 127 477 Participants. Journal of the American Heart Association, 12(1), e025779. https://doi.org/10.1161/JAHA.122.025779
  9. Marston, N. et al. (2025). Endothelial Cell Genetic Risk Variants Identify LDL Cholesterol-Sensitive Patients Who Benefit from Aggressive Lipid Lowering Therapy. Nature Medicine. https://doi.orgorg/10.1038/s41591-025-03533-w
  10. Use of Electrocardiograms to Identify Coronary Artery Disease: Cross-Validation of an Artificial Intelligence Model. (2026). JACC: Advances, 5(3). https://doi.org/10.1016/j.jacadv.2025.102573
  11. Cramer, H., et al. (2021). Yoga for secondary prevention of coronary heart disease: a systematic review and meta-analysis. European Journal of Preventive Cardiology, 28(1), 101-110. https://doi.org/10.1177/2047487319882781