Was ist eine Polyneuropathie?
Unter dem Begriff Polyneuropathie (PNP) wird eine Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst, bei denen mehrere periphere Nerven im Körper geschädigt sind [2]. Das periphere Nervensystem umfasst alle Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks. Seine Aufgabe ist es, Signale zwischen dem zentralen Nervensystem und dem Rest des Körpers zu übermitteln. Ist diese Signalübertragung gestört, kann es zu vielfältigen sensiblen, motorischen und autonomen Störungen kommen.
Die Prävalenz der Polyneuropathie in der deutschen Bevölkerung wird auf etwa 5-8 % geschätzt, wobei die Häufigkeit mit dem Alter deutlich zunimmt [2]. Die Erkrankung kann nach dem zugrunde liegenden Schädigungsmuster in axonale (die Nervenfaser selbst ist betroffen) und demyelinisierende (die isolierende Myelinscheide der Nerven ist geschädigt) Formen unterteilt werden. Funktionell unterscheidet man zwischen sensiblen, motorischen und autonomen Polyneuropathien, je nachdem, welche Nervenfasertypen betroffen sind [1, 2].
Was zeigt die Evidenz?
Die wissenschaftliche Evidenz zur Polyneuropathie ist robust, insbesondere was die häufigsten Ursachen, die diagnostischen Verfahren und die symptomatische Therapie betrifft. Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf seltenere Formen und die Entwicklung spezifischer, krankheitsmodifizierender Behandlungen.
Ursachen und Risikofaktoren
Die häufigsten Ursachen für eine Polyneuropathie in Industrienationen sind Diabetes mellitus und chronischer Alkoholmissbrauch [4]. Etwa 30-50 % aller Polyneuropathien sind auf einen Diabetes zurückzuführen [2]. Weitere wichtige Ursachen sind:
- Medikamente: Insbesondere Chemotherapeutika können Nervenschäden verursachen (Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie, CIPN), wovon 30-40 % der betroffenen Patienten betroffen sind [4].
- Vitaminmangel: Ein Mangel an Vitamin B12 und B1 ist eine bekannte, aber behandelbare Ursache [4].
- Autoimmunerkrankungen: Hierzu zählen beispielsweise die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) [10].
- Hereditäre Formen: Genetische Veranlagungen wie die hereditäre Transthyretin-Amyloidose (hATTR) sind seltener, aber dank neuer Therapien zunehmend behandelbar [10].
- Toxische Substanzen: Neben Alkohol können auch andere Gifte das Nervensystem schädigen [4].
Trotz umfassender Diagnostik bleibt die Ursache in bis zu 30 % der Fälle unklar (idiopathische Polyneuropathie) [6].
Symptome und klinisches Bild
Die Symptome einer Polyneuropathie sind vielfältig und entwickeln sich meist schleichend. Typischerweise beginnen sie an den Füßen und breiten sich socken- oder handschuhförmig aus [6]. Man unterscheidet:
- Sensible Störungen: Diese umfassen Taubheitsgefühle, Kribbeln („Ameisenlaufen“), brennende oder stechende Schmerzen sowie eine veränderte Temperaturwahrnehmung [5, 6].
- Motorische Störungen: Muskelschwäche, Muskelzucken, Krämpfe und Gangstörungen (z. B. ein Steppergang) können auftreten [5, 6].
- Autonome Störungen: Diese betreffen das vegetative Nervensystem und können sich in trockener Haut, Schwindel, Magen-Darm-Problemen oder Blasenentleerungsstörungen äußern [5, 6].
Diagnostik
Die Diagnose basiert auf einer gründlichen Anamnese und einer klinisch-neurologischen Untersuchung, bei der Reflexe, Sensibilität und Muskelkraft geprüft werden [7, 8]. Zur Bestätigung und genaueren Einordnung dienen elektrophysiologische Untersuchungen wie die Elektroneurographie (ENG) und die Elektromyographie (EMG). Diese Verfahren können zwischen einer axonalen und einer demyelinisierenden Schädigung unterscheiden [7, 8]. Eine Labordiagnostik hilft, behandelbare Ursachen wie Vitaminmangel oder Diabetes aufzudecken. Spezialisierte Verfahren wie eine Nerven- oder Hautbiopsie kommen bei spezifischen Fragestellungen zum Einsatz [7, 8].
Therapie
Die Behandlung der Polyneuropathie verfolgt drei Hauptziele [9]:
- Kausale Therapie: Soweit möglich, wird die Grunderkrankung behandelt. Dies umfasst die optimale Einstellung des Blutzuckers bei Diabetes oder den Verzicht auf Alkohol [9, 12].
- Symptomatische Therapie: Zur Linderung neuropathischer Schmerzen werden Medikamente wie Antikonvulsiva (z. B. Pregabalin, Gabapentin) und Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Duloxetin) eingesetzt, die als Mittel der ersten Wahl gelten [9]. Topische Behandlungen mit Lidocain- oder Capsaicin-Pflastern können bei lokalisierten Schmerzen helfen [9].
- Nicht-medikamentöse Verfahren: Physiotherapie und Krafttraining können die Muskelfunktion verbessern und die Lebensqualität steigern [9, 10].
Praxisbox
- Achten Sie auf erste Anzeichen: Kribbeln, Taubheit oder unklare Schmerzen in den Füßen sollten ärztlich abgeklärt werden.
- Blutzucker im Blick behalten: Eine gute Diabetes-Einstellung ist die wichtigste Maßnahme zur Vorbeugung der diabetischen Polyneuropathie.
- Alkohol meiden: Reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum oder verzichten Sie ganz darauf, wenn bei Ihnen eine Polyneuropathie diagnostiziert wurde.
- Bleiben Sie in Bewegung: Regelmäßige Physiotherapie und angepasstes Training können die Funktion erhalten und die Lebensqualität verbessern.
Sicherheitsbox
- Keine Selbstdiagnose: Die Symptome einer Polyneuropathie können auch auf andere Erkrankungen hinweisen. Eine ärztliche Abklärung ist unerlässlich.
- Vorsicht bei Taubheitsgefühlen: Verminderte Schmerz- und Temperaturempfindung an den Füßen erhöht das Risiko für unbemerkte Verletzungen. Kontrollieren Sie Ihre Füße regelmäßig.
- Gangunsicherheit ernst nehmen: Bei Gangstörungen und Schwindel besteht erhöhte Sturzgefahr. Nutzen Sie bei Bedarf Hilfsmittel.
- Medikamente nur nach Absprache: Nehmen Sie Schmerzmittel oder andere Medikamente nur in Absprache mit Ihrem Arzt ein.
Fazit
Die Polyneuropathie ist eine komplexe Erkrankung mit vielfältigen Ursachen und Erscheinungsformen. Während die häufigsten Formen wie die diabetische und die alkoholische Polyneuropathie durch Prävention und die Behandlung der Grunderkrankung positiv beeinflusst werden können, stellen die idiopathischen Formen weiterhin eine Herausforderung dar. Die moderne Medizin bietet jedoch gute Möglichkeiten zur Diagnostik und zur symptomatischen Behandlung, um Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die aktuelle Forschung, insbesondere im Bereich seltener und immunvermittelter Polyneuropathien, gibt Anlass zur Hoffnung auf neue, zielgerichtete Therapieansätze.
FAQ – Häufige Fragen zu Polyneuropathie
Was sind die ersten Anzeichen einer Polyneuropathie? Typische erste Anzeichen sind symmetrisch auftretende sensible Störungen wie Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle, die meist an den Zehen oder Füßen beginnen und sich langsam ausbreiten.
Kann eine Polyneuropathie geheilt werden? Eine Heilung ist nur möglich, wenn die zugrunde liegende Ursache vollständig beseitigt werden kann, z.B. bei einem Vitaminmangel. Bei den meisten chronischen Formen, wie der diabetischen Polyneuropathie, zielt die Behandlung darauf ab, das Fortschreiten zu verlangsamen und die Symptome zu lindern.
Welche Medikamente helfen bei neuropathischen Schmerzen? Zur Behandlung von Schmerzen bei Polyneuropathie werden vorrangig Medikamente aus den Gruppen der Antikonvulsiva (z.B. Pregabalin) und Antidepressiva (z.B. Duloxetin) eingesetzt, da sie die Schmerzwahrnehmung im zentralen Nervensystem beeinflussen.
Ist Polyneuropathie erblich? Ja, es gibt eine Reihe von erblichen (hereditären) Polyneuropathien. Diese sind zwar seltener als die erworbenen Formen, sollten aber bei einer unklaren Ursache und familiärer Häufung in Betracht gezogen werden.
Was kann ich selbst tun, um die Symptome zu lindern? Neben der ärztlich verordneten Therapie können regelmäßige Bewegung, Physiotherapie, eine ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf Alkohol dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.
Quellen & Forschungsstand
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- Sommer, C., Geber, C., Young, P., Forst, R., Birklein, F., & Schoser, B. (2018). Polyneuropathien: Ursachen, Diagnostik und Therapieoptionen. Deutsches Ärzteblatt International, 115(6), 83–90.
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- Sommer, C., Geber, C., Young, P., Forst, R., Birklein, F., & Schoser, B. (2018). Polyneuropathies. Deutsches Arzteblatt international, 115(6), 83–90.
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- Heuß, D., et al. (2024). S1-Leitlinie Diagnostik bei Polyneuropathien. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.).
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- Schlereth T. et al., Diagnose und nicht interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen, S2k-Leitlinie, 2019, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie.
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