Augentrost: Das Kraut für strahlende Augen

Wenn die Sommersonne brennt, das Chlorwasser im Schwimmbad reizt oder die Klimaanlage im Flugzeug die Augen austrocknet, suchen viele Menschen nach Linderung. Genau hier setzt eine unscheinbare Wiesenpflanze an, die bereits seit Jahrhunderten in der traditionellen Heilkunde geschätzt wird: der Augentrost. Doch was ist dran an diesem alten Hausmittel, und wo stößt es an seine Grenzen?

Was ist Augentrost?

Der Gemeine Augentrost (Euphrasia officinalis, oft auch als Euphrasia rostkoviana bezeichnet) ist eine einjährige, krautige Wiesenpflanze aus der Familie der Sommerwurzgewächse [1]. Er erreicht eine Wuchshöhe von etwa fünf bis 25 Zentimetern und blüht von Juli bis Oktober mit charakteristischen weißen, oft violett geaderten Blüten, die einen markanten gelben Fleck auf der Unterlippe tragen [1]. Eine botanische Besonderheit: Augentrost ist ein Halbschmarotzer. Er zapft mit speziellen Saugwurzeln benachbarte Gräser an, um sich mit Wasser und Nährsalzen zu versorgen [1].

Die pharmakologische Wirkung der Pflanze, die traditionell während der Blütezeit gesammelt wird, basiert auf einem komplexen Gemisch sekundärer Pflanzenstoffe. Zu den wichtigsten zählen Iridoidglykoside (insbesondere Aucubin), Flavonoide, Gerbstoffe und Phenolcarbonsäuren [1] [2]. Diese Inhaltsstoffe verleihen dem Augentrost seine entzündungshemmenden, adstringierenden (zusammenziehenden) und antioxidativen Eigenschaften [2] [3].

Besonders im Sommer, wenn UV-Strahlung, trockene Luft und Pollenflug die Augenoberfläche strapazieren, ist die Relevanz hoch. In der traditionellen Volksmedizin und Phytotherapie wird Augentrost primär äußerlich bei leichten Augenbeschwerden eingesetzt. Dazu zählen Entzündungen der Augenbindehaut (Konjunktivitis) und des Lidrandes (Blepharitis) sowie Augenermüdung [1].

Was zeigt die Evidenz?

Trotz der langen Anwendungshistorie ist die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Augentrost nach modernen klinischen Standards begrenzt. In-vitro-Studien liefern jedoch plausible Erklärungsansätze für die traditionelle Nutzung. Untersuchungen an menschlichen Hornhautzellen zeigten, dass bestimmte Extrakte aus Euphrasia officinalis die Expression von entzündungsfördernden Zytokinen senken und antioxidative Eigenschaften aufweisen [3]. Eine weitere Laborstudie demonstrierte, dass Augentrost-Extrakte reaktive Sauerstoffspezies, die durch UVB-Strahlung induziert werden, effektiv reduzieren können, was auf ein schützendes Potenzial gegenüber UV-bedingten Zellschäden hinweist [4].

Klinische Studien am Menschen sind rar und weisen methodische Schwächen auf. Eine häufig zitierte, prospektive Kohortenstudie aus dem Jahr 2000 untersuchte die Wirkung von Euphrasia-Augentropfen bei Patienten mit Bindehautentzündung [5]. Die Ergebnisse zeigten bei der überwiegenden Mehrheit eine vollständige Genesung oder deutliche Besserung der Symptome. Da es sich jedoch um eine offene Studie ohne Kontrollgruppe handelte, ist die Aussagekraft eingeschränkt [5]. Eine neuere, randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie bei Frühgeborenen mit Augensekretion konnte keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Euphrasia-Tropfen und einem Placebo hinsichtlich des primären Endpunkts feststellen, deutete jedoch auf lindernde Effekte bei Rötung und Tränenfluss hin [6].

Aufgrund dieser Datenlage erteilte die deutsche Kommission E (Phytotherapie) dem Augentrost eine sogenannte Nullmonographie, da die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt ist [7]. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) veröffentlichte ein „Public Statement“, in dem festgestellt wird, dass keine EU-Kräutermonographie erstellt werden kann, da adäquate Daten zur sicheren Anwendung und Plausibilität fehlen [2]. In der Komplementärmedizin, insbesondere der Homöopathie und der anthroposophischen Medizin, behält der Augentrost dennoch seinen festen Platz als Ergänzung bei leichten, nicht-infektiösen Reizungen [8].

Praxisbox: Anwendung im Alltag

  • Sterile Fertigpräparate bevorzugen: Nutzen Sie ausschließlich zugelassene, sterile Augentropfen (oft homöopathisch oder anthroposophisch aufbereitet) aus der Apotheke [8].
  • Richtige Dosierung: Die übliche Dosierung für Augentropfen beträgt 1 bis 2-mal täglich 1 Tropfen in den Bindehautsack [8].
  • Sommer-Schutz: Ergänzen Sie die Anwendung von Augentropfen im Sommer durch präventive Maßnahmen wie das Tragen einer Sonnenbrille mit UV-Schutz und das Vermeiden direkter Zugluft.
  • Hygiene: Waschen Sie sich vor der Anwendung von Augentropfen gründlich die Hände und vermeiden Sie den direkten Kontakt der Tropferspitze mit dem Auge.

Sicherheitsbox: Was Sie beachten müssen

  • Keine Selbstzubereitung für das Auge: Verzichten Sie unbedingt auf selbstgemachte Tee-Aufgüsse, Kompressen oder Waschungen am Auge. Diese sind nicht steril und bergen ein hohes Risiko für gefährliche Augeninfektionen [2].
  • Grenzen der Selbstmedikation: Tritt nach zwei Tagen keine Besserung ein, oder verschlimmern sich die Symptome (z.B. starke Schmerzen, eitriger Ausfluss, Sehstörungen), muss umgehend ein Arzt aufgesucht werden.
  • Vorsicht bei Diabetes: Bei innerlicher Anwendung (z.B. als Tee) kann Augentrost den Blutzuckerspiegel senken. Diabetiker sollten dies beachten und Rücksprache mit ihrem Arzt halten [9].
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Aufgrund fehlender Sicherheitsdaten wird von der Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit abgeraten [9].

Fazit

Augentrost ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie eine Pflanze die Lücke zwischen jahrhundertealter Erfahrung und dem Bedarf an moderner Evidenz überbrückt. Während die Laborforschung die entzündungshemmenden und antioxidativen Eigenschaften der Pflanze stützt – was sie besonders in den sonnenreichen, augenbelastenden Sommermonaten interessant macht –, fehlen groß angelegte klinische Studien. Als sterile Augentropfen aus der Apotheke bietet Augentrost eine sanfte, komplementäre Option bei leichten Reizungen. Er bleibt jedoch eine Ergänzung und kein Ersatz für eine fachärztliche Abklärung bei ernsthaften oder anhaltenden Beschwerden.

FAQ – Häufige Fragen zu Augentrost

Was ist Augentrost?
Augentrost (Euphrasia officinalis) ist eine kleine Wiesenpflanze, die traditionell zur Linderung von Augenbeschwerden eingesetzt wird. Sie enthält entzündungshemmende und antioxidative Pflanzenstoffe.

Wie wirkt Augentrost am Auge?
Laborstudien zeigen, dass Extrakte der Pflanze entzündungsfördernde Botenstoffe hemmen und antioxidativ wirken. Klinische Beweise am Menschen sind jedoch begrenzt.

Kann man Augentrost-Tee für Augenkompressen verwenden?
Nein. Von selbstgemachten Aufgüssen am Auge wird dringend abgeraten, da diese nicht steril sind und schwere Infektionen verursachen können.

Wann sollte man mit Augenbeschwerden zum Arzt gehen?
Wenn sich die Symptome nach zwei Tagen nicht bessern, bei starken Schmerzen, eitrigem Ausfluss oder Sehstörungen ist ein Arztbesuch zwingend erforderlich.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Wszelaki N, Melzig MF. Augentrost – Euphrasia officinalis L. Zeitschrift für Phytotherapie. 2011. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0030-1262418
  2. European Medicines Agency (EMA). Assessment report on Euphrasia officinalis L. and Euphrasia rostkoviana Hayne, herba. EMA/HMPC/246799/2009. 2010. https://www.fitoterapia.net/archivos/201611/wc500100385.pdf?1
  3. Paduch R, Woźniak A, Niedziela P, Rejdak R. Assessment of eyebright (Euphrasia officinalis L.) extract activity in relation to human corneal cells using in vitro tests. Balkan Med J. 2014. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4115993/
  4. Liu Y, Hwang E, Ngo HTT, Perumalsamy H, Kim YJ, Li L, Yi TH. Protective Effects of Euphrasia officinalis Extract against Ultraviolet B-Induced Photoaging in Normal Human Dermal Fibroblasts. International Journal of Molecular Sciences. 2018. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6275060/
  5. Stoss M, Michels C, Peter E, Beutke R, Gorter RW. Prospective cohort trial of Euphrasia single-dose eye drops in conjunctivitis. J Altern Complement Med. 2000. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11152054/
  6. Meier-Girard D, Gerstenberg G, Stoffel L, Kohler T, Klein SD, Eschenmoser M, Mitter VR, Nelle M, Wolf U. Euphrasia Eye Drops in Preterm Neonates With Ocular Discharge: A Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Trial. Front Pediatr. 2020. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32850558/
  7. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Liste der Monographien der Kommission E (Phytotherapie). Bundesanzeiger. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Zulassung/zulassungsarten/besTherap/amPflanz/mono.pdf?__blob=publicationFile
  8. Weleda AG. Fachinformation / Packungsbeilage VISIODORON EUPHRASIA® Augentropfen. 2021. https://assets.weleda.com/binaries/content/assets/pdf/de/packungsbeilage/visiodoron_euphrasia_augentropfen_525100_packungsbeilage.pdf
  9. RxList. Eyebright: Health Benefits, Side Effects, Uses, Dose & Precautions. https://www.rxlist.com/supplements/eyebright.htm