Digital Detox: Abschalten im Urlaub

Ständige Erreichbarkeit macht den Urlaub zur Fortsetzung des Arbeitstages mit anderen Mitteln. Was die Erholungsforschung über echtes Abschalten weiß – und warum der komplette Handyverzicht nicht immer die beste Lösung ist.

Der Liegestuhl steht im Schatten einer Pinie, das Meer rauscht, die Luft riecht nach Salz und Sonnencreme. Es ist der dritte Urlaubstag – und die Hand wandert zum vierten Mal in dieser Stunde zum Smartphone. Nur kurz die Mails checken. Nur schnell schauen, ob im Team-Chat etwas Wichtiges gepostet wurde. Nur eben die Nachrichten überfliegen. Wer sich in dieser Szene wiedererkennt, ist in guter Gesellschaft: Ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland schafft es nach Daten der Techniker Krankenkasse nicht, abends, am Wochenende oder im Urlaub von der Arbeit abzuschalten [1]. Der Spätsommer mit seinen langen, warmen Abenden gilt als Einladung zur Entschleunigung – doch das Gerät in der Hosentasche hält viele Menschen in einem inneren Stand-by-Modus, der genau jene Erholung verhindert, für die der Urlaub eigentlich gedacht ist. Was passiert im Körper und im Kopf, wenn wir nie ganz offline sind? Und was sagt die Forschung dazu, ob ein „Digital Detox“ wirklich hält, was der Begriff verspricht?

Der innere Stand-by-Modus: Warum Erreichbarkeit selbst dann stresst, wenn niemand anruft

Die Zahlen zur Erreichbarkeit sind seit Jahren bemerkenswert stabil hoch. Bereits frühe Erhebungen zeigten, dass rund 88 Prozent der Berufstätigen auch außerhalb der Arbeitszeit über Mobiltelefon und E-Mail für dienstliche Belange erreichbar sind [2]. Interessant ist dabei eine Diskrepanz, die der iga.Report 23 der Initiative Gesundheit und Arbeit herausarbeitet: Die tatsächliche Inanspruchnahme ist deutlich geringer als die gefühlte Verpflichtung. Nur etwa jeder Fünfte liest häufiger als einmal pro Woche geschäftliche E-Mails in der Freizeit – doch die bloße Erwartung, erreichbar sein zu müssen, genügt bereits, um den Organismus in Bereitschaft zu halten [2].

Genau hier liegt der Kern des Problems, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrem Bericht zur arbeitsbezogenen erweiterten Erreichbarkeit beschreibt: Nicht erst der Anruf des Chefs am Strand beeinträchtigt das Befinden, sondern schon die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Diese Durchlässigkeit geht mit messbar mehr Erschöpfung, mehr Stresserleben und größeren Problemen beim Abschalten einher – unabhängig davon, ob tatsächlich Kontaktierungen stattfinden [3]. Der Psychologe würde sagen: Das Alarmsystem bleibt scharfgestellt. Wer im Urlaub das Diensthandy neben der Sonnenliege platziert, signalisiert dem eigenen Nervensystem, dass jederzeit eine Anforderung eintreffen könnte. Erholung setzt aber voraus, dass genau diese Anforderungsbereitschaft heruntergefahren wird.

Wie hoch der Preis der Dauerbereitschaft ist, zeigt die Untersuchung „Digitaler Stress in Deutschland“ der Universität Augsburg: Bei Erwerbstätigen mit hohem digitalem Stresslevel liegt der Anteil der von emotionaler Erschöpfung Betroffenen um 21 bis 27 Prozentpunkte höher als bei jenen mit niedrigem Stresslevel; auch Kopfschmerzen, Schlafstörungen und allgemeine Müdigkeit treten deutlich häufiger auf [4]. Schon ein mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit war im DAK-Gesundheitsreport mit einem erhöhten Risiko verbunden, wegen einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben zu werden [5].

Was Erholung eigentlich ist: Das Abschalten im Kopf

Die Arbeits- und Organisationspsychologie hat für das, was im Urlaub gelingen soll, einen präzisen Begriff: psychological detachment, das gedankliche Abschalten von der Arbeit. Die Mannheimer Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag, die dieses Konzept maßgeblich erforscht hat, beschreibt Erholung nicht als passiven Zustand, sondern als aktiven Prozess, bei dem die während der Arbeit beanspruchten psychischen und körperlichen Systeme vollständig zur Ruhe kommen müssen [6]. Die theoretische Grundlage liefert das Effort-Recovery-Modell: Jede Anstrengung erzeugt Beanspruchungsfolgen, die sich nur zurückbilden, wenn die Belastung tatsächlich pausiert. Bleibt die Erholung aus – etwa weil die Arbeit über das Smartphone in die Freizeit hineinreicht –, akkumulieren sich diese Folgen und können langfristig in chronische Erschöpfung münden [6] [7].

Eine Metaanalyse im Auftrag der BAuA bestätigt: Mentale Distanzierung ist das Bindeglied zwischen psychischen Arbeitsanforderungen und ermüdungsrelevanten Beanspruchungsfolgen. Wem das Abschalten nicht gelingt, der zeigt früher und stärker Anzeichen von Erschöpfung – die Forschung wertet mangelndes Detachment inzwischen als Frühindikator für gesundheitliche Beeinträchtigungen [7]. Nach Angaben der BAuA haben 18 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sehr starke Probleme, von der Arbeit abzuschalten, und 29 Prozent arbeiten mehrfach pro Monat oder häufiger in ihrer Freizeit [8]. Das Smartphone ist dabei nicht die Ursache des Problems, aber sein wirksamster Transmissionsriemen: Es trägt die Arbeit in Form von E-Mails, Chat-Nachrichten und Push-Benachrichtigungen bis an den Frühstückstisch der Ferienwohnung.

Der Urlaubseffekt: Kraftvoll, aber flüchtig

Dass Urlaub tatsächlich erholt, ist empirisch gut belegt – mit einer wichtigen Einschränkung. Die niederländische Arbeitspsychologin Jessica de Bloom hat in Längsschnittstudien gezeigt, dass sich Gesundheit und Wohlbefinden während einer Urlaubsreise deutlich verbessern und ihren Höhepunkt typischerweise um den achten Urlaubstag erreichen [9]. Bemerkenswert ist, was den Erholungswert bestimmt: nicht die Dauer der Reise, sondern die Qualität des Erlebens. Entspannung, aktives Genießen, das Gefühl von Kontrolle über die eigene Zeit und guter Schlaf hängen eng mit dem Erholungsgewinn zusammen [9]. Ebenso ernüchternd wie lehrreich ist der zweite Befund derselben Forschungsgruppe, prägnant zusammengefasst im Titel einer ihrer Studien: „Lots of fun, quickly gone“. Bereits innerhalb der ersten Woche nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz sinken Wohlbefinden und Erholung im Regelfall wieder auf das Ausgangsniveau [10].

Für die Frage des digitalen Abschaltens hat dieser Fade-out-Effekt eine doppelte Bedeutung. Erstens: Wer die ohnehin begrenzten Urlaubswochen durch berufliche Erreichbarkeit verwässert, beschneidet einen Erholungseffekt, der von vornherein flüchtig ist. Eine repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag der DAK-Gesundheit zum Sommerurlaub 2025 illustriert das eindrücklich: Von denjenigen, die sich im Urlaub schlecht erholten, gaben 61 Prozent an, nicht abschalten zu können, und ein Viertel nannte ausdrücklich die Notwendigkeit, über Handy oder Internet erreichbar sein zu müssen [11]. Umgekehrt berichtete ein Viertel der gut Erholten, dass gerade der Verzicht auf Handy und Internet maßgeblich zur Erholung beigetragen habe [11]. Zweitens: Weil der Urlaubseffekt schnell verblasst, kann die digitale Auszeit im August nur ein Anfang sein – die eigentliche Aufgabe besteht darin, Elemente des Abschaltens in den Alltag hinüberzuretten.

Was das Smartphone mit Aufmerksamkeit und Schlaf macht

Warum fällt das Weglegen so schwer? Ein Teil der Antwort liegt in der Architektur der Geräte und Anwendungen selbst. Soziale Medien und Messenger arbeiten mit dem Prinzip der variablen Belohnung: Ob die nächste Benachrichtigung eine belanglose Werbemail oder eine erfreuliche Nachricht enthält, ist unvorhersehbar – und genau diese Unvorhersehbarkeit hält das dopaminerge Belohnungssystem in Erwartungsspannung, ähnlich wie beim Glücksspielautomaten. Die Suchtforschung hat auf diese Mechanismen reagiert: Die Weltgesundheitsorganisation hat in der ICD-11 erstmals Verhaltenssüchte als eigenständige Diagnosekategorie anerkannt, darunter die Computerspielstörung; eine Störung durch soziale Netzwerknutzung wird als weitere spezifizierte Verhaltenssucht diskutiert [12]. Wichtig für die Einordnung: Eine „Smartphone-Sucht“ als eigenständige Erkrankung existiert nach Auffassung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen nicht – problematisch ist nicht das Gerät, sondern die abhängige oder schädliche Nutzung bestimmter Anwendungen darauf [13]. Phänomene wie die Angst, ohne Mobiltelefon nicht erreichbar zu sein (Nomophobie), oder die Furcht, etwas zu verpassen (Fear of Missing Out, FOMO), sind keine Diagnosen, können aber eine problematische Nutzung begleiten und das Abschalten im Urlaub spürbar erschweren [13].

Auch die kognitiven Kosten sind messbar. In einer vielzitierten Experimentalreihe zeigten Adrian Ward und Kollegen, dass allein die physische Anwesenheit des eigenen Smartphones – selbst ausgeschaltet und mit dem Display nach unten – die verfügbare kognitive Kapazität reduziert, weil das Gehirn Ressourcen dafür aufwendet, den Griff zum Gerät zu unterdrücken. Am stärksten war dieser „Brain Drain“ bei Personen mit hoher Smartphone-Bindung ausgeprägt [14]. Neuere Replikationen relativieren das Bild etwas und deuten darauf hin, dass vor allem komplexe Denkleistungen betroffen sind, während basale Aufmerksamkeitsleistungen robuster erscheinen [15] – ein gutes Beispiel dafür, dass auch populäre Befunde wissenschaftlicher Nachprüfung standhalten müssen.

Hinzu kommt der Schlaf, das vielleicht wichtigste Erholungsinstrument überhaupt. Das kurzwellige blaue Licht von Bildschirmen hemmt die abendliche Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin: In einer randomisierten Studie verzögerte die abendliche Smartphone-Nutzung mit Blaulichtanteil den Melatoninanstieg messbar und verringerte die Schläfrigkeit [16]. Forschende der Universität Salzburg weisen zudem darauf hin, dass Blaulichtfilter die Effekte zwar abmildern, aber nicht aufheben – auch die inhaltliche Aktivierung durch Nachrichten und soziale Medien stört den Schlaf [17]. Wer im Urlaub bis Mitternacht durch Feeds scrollt, sabotiert also genau jene Schlafqualität, die de Blooms Studien als einen der stärksten Prädiktoren gelungener Urlaubserholung ausweisen [9].

Was Digital Detox wirklich bringt: Die Evidenz

Der Begriff „Digital Detox“ suggeriert eine Entgiftungskur – und genau hier beginnt die wissenschaftliche Kritik, denn digitale Medien sind kein Toxin, das der Körper ausleiten müsste. Was sagt die Studienlage zur Wirksamkeit? Das Bild ist differenziert. Eine systematische Übersichtsarbeit von Theda Radtke und Kollegen, die 21 Studien auswertete, fand stark gemischte Ergebnisse: Manche Interventionen verbesserten das Wohlbefinden, andere zeigten keinen Effekt, einzelne sogar negative Konsequenzen – etwa wenn ein abrupter Komplettverzicht das Verlangen nach dem Gerät steigerte, ohne Stimmung oder Angst zu verbessern [18]. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass Digital-Detox-Interventionen depressive Symptome signifikant reduzieren können, auf allgemeine Lebenszufriedenheit und Stresserleben jedoch keinen nachweisbaren Einfluss haben [19]. Und eine aktuelle Meta-Analyse zur Social-Media-Abstinenz fand über 38 Effektstärken hinweg keine signifikanten Effekte des reinen Verzichts auf das affektive Wohlbefinden oder die Lebenszufriedenheit [20].

Deutlich konsistenter fällt die Evidenz aus, wenn statt Abstinenz eine dosierte Reduktion untersucht wird. Die Arbeitsgruppe um Julia Brailovskaia an der Ruhr-Universität Bochum zeigte in experimentellen Studien, dass eine Verringerung der täglichen Smartphone-Nutzung um etwa 60 Minuten über zwei Wochen problematische Nutzungsmuster, FOMO und depressive Symptome messbar senkt – mit Effekten, die noch Monate nach der Intervention nachweisbar waren [21]. Besonders stabil waren die Verbesserungen, wenn die reduzierte Bildschirmzeit mit täglich 30 Minuten zusätzlicher körperlicher Aktivität kombiniert wurde [22]. Ein Review im Fachjournal Pediatrics zieht daraus den übergreifenden Schluss, dass Reduktion dem Totalverzicht in ihren Wirkungen auf das Wohlbefinden überlegen ist [23]. Für den Urlaub übersetzt heißt das: Es geht weniger um das heroische Offline-Gelübde als um eine spürbare, realistische Verringerung – das Smartphone als Werkzeug behalten, aber ihm die Rolle des ständigen Begleiters entziehen.

Die Natur als Verbündete: Warum der Ort des Abschaltens zählt

Der Urlaub bietet gegenüber dem Alltag einen entscheidenden Vorteil: Er verändert die Umgebung. Die Attention Restoration Theory der Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan beschreibt, warum das hilft: Natürliche Umgebungen beanspruchen nicht die gerichtete, willentlich gesteuerte Aufmerksamkeit, die im Arbeitsalltag – und beim Abarbeiten von Benachrichtigungen – permanent gefordert ist, sondern binden die Aufmerksamkeit mühelos und lassen die erschöpften kognitiven Systeme regenerieren. Die empirische Basis dafür wächst: Eine Meta-Analyse zu Naturspaziergängen belegt Verbesserungen der psychischen Gesundheit einschließlich einer Reduktion von Angst- und Depressionssymptomen [24], und eine aktuelle Meta-Analyse zur Stressphysiologie zeigt, dass Naturkontakt den Cortisolspiegel im Mittel um rund ein Fünftel senkt [25].

Hier schließt sich der Kreis zum Sommer: Die DAK-Befragung nennt Sonne und Natur als wichtigsten Erholungsfaktor überhaupt – 88 Prozent der gut Erholten führten ihre Regeneration darauf zurück [11]. Wer die Wanderung ohne ständigen Blick aufs Display unternimmt, das Abendessen aus regionaler Sommerküche ohne parallelen Newsfeed genießt und den Spätsommerabend am Wasser statt am Bildschirm verbringt, kombiniert zwei erholungswirksame Faktoren: die kognitive Entlastung durch die Natur und die Distanz zum digitalen Anforderungsstrom. Achtsames Essen, langsame Bewegung, echte Gespräche – all das sind keine Verzichtsübungen, sondern die Aktivitäten, die in de Blooms Daten mit dem größten Erholungsgewinn einhergehen [9].

Vom Detox zur Selbstregulation: Realistische Wege ins Offline

Wie gelingt der Übergang praktisch? Die Forschung legt einen gestuften, vorbereiteten Ansatz nahe – der kalte Entzug am ersten Urlaubstag ist selten der beste Weg, weil er Craving und Unruhe provozieren kann [18]. Wirksamer ist es, die Rahmenbedingungen vor der Abreise zu gestalten: eine klare Abwesenheitsnotiz mit Vertretungsregelung, eine explizite Absprache im Team, wer im echten Notfall wie erreichbar ist, und die konsequente Deaktivierung beruflicher Push-Benachrichtigungen [3] [26]. Solche Vereinbarungen entlasten doppelt – sie reduzieren tatsächliche Unterbrechungen und, mindestens ebenso wichtig, die Erwartungsanspannung, die laut BAuA schon für sich genommen das Befinden beeinträchtigt [3].

Praxisbox: Abschalten im Urlaub – evidenzbasiert vorbereitet

  • Vor der Abreise: Abwesenheitsnotiz mit klarer Vertretungsregelung einrichten; im Team definieren, was ein echter Notfall ist und über welchen Kanal er gemeldet wird
  • Diensthandy aus oder zu Hause lassen; berufliche E-Mail-Konten und Chat-Apps vom privaten Gerät abmelden oder Benachrichtigungen deaktivieren
  • Reduktion statt Totalverzicht: Bildschirmzeit um mindestens eine Stunde täglich senken – dieser Umfang zeigte in Studien nachhaltige Effekte auf Stimmung und FOMO
  • Feste Offline-Fenster einplanen (z. B. bis nach dem Frühstück und ab dem Abendessen); das Gerät dabei räumlich entfernt lagern, nicht nur umgedreht
  • Bildschirmfreie Schlafumgebung: Smartphone nachts außerhalb des Schlafzimmers laden, klassischen Wecker nutzen
  • Ersatzaktivitäten konkret verabreden: Wanderung, Schwimmen, gemeinsames Kochen mit Sommergemüse, Lesen – Reduktion wirkt am besten in Kombination mit Bewegung
  • Nach dem Urlaub Elemente beibehalten: ein benachrichtigungsfreier Abend pro Woche verlängert den Erholungseffekt in den Alltag

Sicherheitsbox: Wann mehr als Selbsthilfe nötig ist

  • Wenn Unruhe, Gereiztheit oder Angst beim Offline-Sein über die ersten Urlaubstage hinaus anhalten, kann das auf eine problematische Nutzung hinweisen
  • Warnzeichen ernst nehmen: Kontrollverlust über die Nutzungsdauer, Vernachlässigung anderer Interessen, Weiternutzung trotz negativer Folgen
  • Anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen oder depressive Verstimmung auch nach dem Urlaub ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen
  • Beratung bieten Hausarztpraxen, Suchtberatungsstellen und die Angebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
  • Digital Detox ersetzt keine Behandlung: Bei einer diagnostizierten Internetnutzungsstörung ist professionelle Therapie der geeignete Weg

Langfristig deutet die Forschung über den Detox-Gedanken hinaus auf ein anderes Leitbild: digitale Selbstregulation. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Mediennutzung bewusst und situationsangemessen zu steuern – das Smartphone gezielt als Werkzeug für Navigation, Übersetzung oder den Anruf nach Hause einzusetzen und es ebenso gezielt beiseitezulegen, wenn es der Erholung im Weg steht [18] [23]. Das Gerät ist im Urlaub schließlich auch Landkarte, Wörterbuch und Verbindung zu den Daheimgebliebenen; ein unreflektierter Komplettverzicht kann Unsicherheit und soziale Isolation erzeugen, statt sie zu lindern [20]. Autonomie, nicht Askese, ist das Ziel.

Fazit

Vielleicht liegt der eigentliche Wert der digitalen Auszeit im Urlaub gar nicht in den zwei oder drei Wochen selbst – der Fade-out-Effekt lehrt ja, wie schnell selbst die beste Erholung verblasst. Ihr Wert könnte darin liegen, dass sie ein Erfahrungsraum ist: Wer einmal erlebt hat, wie sich ein Nachmittag anfühlt, an dem niemand etwas will, wie ein Abendessen schmeckt, das von keinem Bildschirm begleitet wird, und wie ein Morgen beginnt, der nicht mit fremden Dringlichkeiten anfängt, der hat einen Referenzpunkt gewonnen. Die Erholungsforschung zeigt, dass Abschalten kein Zustand ist, der sich verordnen lässt, sondern eine Fähigkeit, die Bedingungen braucht – Grenzen, Umgebungen, Alternativen. Der Spätsommer mit seinen langen Abenden ist ein guter Ort, diese Fähigkeit zu erproben. Was daraus wird, entscheidet sich danach: in der ersten Arbeitswoche, am ersten freien Abend, beim ersten Griff zum Gerät, der auch unterbleiben könnte.

FAQ – Häufige Fragen zu Digital Detox im Urlaub

Was ist Digital Detox?
Digital Detox bezeichnet den bewussten, zeitlich begrenzten Verzicht auf Smartphone, soziale Medien oder Internet. Der Begriff ist wissenschaftlich umstritten, weil er digitale Medien fälschlich als „Gift“ rahmt; Fachleute sprechen lieber von Nutzungsreduktion oder digitaler Selbstregulation.

Wie lange dauert es, im Urlaub wirklich abzuschalten?
Studien zeigen, dass Wohlbefinden und Erholung im Urlaub ansteigen und um den achten Tag ihren Höhepunkt erreichen. Die ersten Tage ohne gewohnte Erreichbarkeit können mit Unruhe verbunden sein, die typischerweise abklingt.

Kann man süchtig nach dem Smartphone werden?
Eine eigenständige „Smartphone-Sucht“ ist keine anerkannte Diagnose. Die ICD-11 kennt jedoch Verhaltenssüchte wie die Computerspielstörung; eine Störung durch soziale Netzwerknutzung wird diskutiert. Entscheidend sind Kontrollverlust, Priorisierung der Nutzung und Weiternutzung trotz Schäden.

Hilft Digital Detox bei Stress und Burnout?
Die Evidenz ist gemischt: Meta-Analysen zeigen, dass Detox-Interventionen depressive Symptome verringern können, auf allgemeines Stresserleben und Lebenszufriedenheit aber kaum wirken. Nachhaltiger ist eine dauerhafte Reduktion der Nutzungszeit, idealerweise kombiniert mit Bewegung.

Was ist der Unterschied zwischen Abstinenz und Reduktion?
Abstinenz bedeutet vollständigen Verzicht, Reduktion eine dosierte Verringerung der Nutzungszeit. Studien der Ruhr-Universität Bochum zeigen: Bereits 60 Minuten weniger Smartphone-Nutzung täglich verbessern die mentale Gesundheit nachhaltiger als ein kompletter, oft schwer durchhaltbarer Verzicht.

Wann sollte man wegen der eigenen Mediennutzung professionelle Hilfe suchen?
Wenn Kontrollverlust, Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche und Weiternutzung trotz negativer Folgen über Monate bestehen und Leidensdruck verursachen. Erste Anlaufstellen sind Hausarztpraxen, Suchtberatungsstellen und psychotherapeutische Sprechstunden.

Stört das Handy den Schlaf auch mit Blaulichtfilter?
Ja, teilweise. Blaulichtfilter mildern die Unterdrückung des Schlafhormons Melatonin ab, heben sie aber nicht auf. Zusätzlich stört die mentale Aktivierung durch Inhalte wie Nachrichten oder soziale Medien das Einschlafen – unabhängig vom Lichtspektrum.

Muss das Smartphone im Urlaub komplett ausbleiben?
Nein. Das Gerät erfüllt sinnvolle Funktionen wie Navigation, Übersetzung und Kontakt nach Hause. Forschung spricht für bewusste Offline-Fenster und deaktivierte berufliche Benachrichtigungen statt Totalverzicht, der Unsicherheit oder soziale Isolation auslösen kann.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

Die Studienlage zu digitalem Stress und Erholung ist umfangreich, zur Wirksamkeit von Digital-Detox-Interventionen jedoch heterogen: Gut belegt sind die gesundheitlichen Folgen ständiger Erreichbarkeit und der Nutzen dosierter Nutzungsreduktion; für den pauschalen Nutzen kompletter Abstinenz fehlt dagegen konsistente Evidenz. Die folgenden Quellen sind in der Reihenfolge ihrer Erstnennung im Text nummeriert.

  1. Techniker Krankenkasse (TK). Ein Drittel der Beschäftigten kann nicht von der Arbeit abschalten (Stressreport). 2026. https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesunder-arbeitsplatz/stressreport-techniker-krankenkasse-arbeitsplatz-2211406
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  5. IGES Institut / DAK-Gesundheit. DAK-Gesundheitsreport 2013. 2013. https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/48416/data/1d8cf56b2d4fe6740ceabfe42f7dff3c/130226-download-praesentation-dak-gesundheitsreport-2013.pdf
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