Was ist gesunde Sommerernährung?
Der Begriff klingt harmloser, als er ist. Gemeint ist die Anpassung von Speisen- und Getränkeauswahl an eine Situation, in der der Körper einen erheblichen Teil seiner Regulationsleistung für die Wärmeabgabe aufwendet. Um die Körperkerntemperatur konstant zu halten, verstärkt der Organismus den Blutfluss zur Haut; der größte Teil der Wärme wird über die Verdunstung von Schweiß abgegeben. Das Herz muss dafür stärker pumpen und benötigt mehr Sauerstoff [1]. Gleichzeitig wird der Magen-Darm-Trakt schlechter durchblutet, was seine Funktionskapazität einschränken kann [1].
Die Relevanz dieser Umstellung ist messbar. Das Robert Koch-Institut schätzt für den Sommer 2026 bis zur Kalenderwoche 31 rund 12.500 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland, der weitaus größte Teil in den Altersgruppen ab 75 Jahren [2]. Ein hitzebedingter Anstieg der Gesamtmortalität wird typischerweise ab einer Wochenmitteltemperatur von etwa 20 Grad Celsius sichtbar [2]. Ernährung ist dabei kein Nebenaspekt, sondern ein Hebel: Ausreichend Flüssigkeit, regelmäßige kleine Mahlzeiten und der Verzicht auf Alkohol gehören zu den Maßnahmen, mit denen sich hitzebedingte Dehydratationszustände verhindern lassen [1].
Bemerkenswert ist, wie wenig sich diese Empfehlung präzisieren lässt. Der Flüssigkeitsbedarf ist pauschal nicht bestimmbar, weil er von körperlicher Aktivität, Alter und Erkrankungen abhängt; die DGE aktualisiert ihre Zufuhrempfehlungen für Wasser derzeit [1]. Die europäischen Referenzwerte von 2,0 Litern Gesamtwasserzufuhr täglich für Frauen und 2,5 Litern für Männer gelten ausdrücklich nur für moderate Umgebungstemperaturen und moderate körperliche Aktivität [3]. Für Hitzeperioden existiert also gerade dort keine belastbare Zahl, wo Menschen sie am dringendsten suchen.
Was zeigt die Evidenz?
Gut belegt ist die Richtung, nicht die Dosis. Weil das Durstgefühl erst einsetzt, wenn bereits erhebliche Mengen Flüssigkeit verloren sind, empfehlen Fachgesellschaften eine Faustregel statt einer Rechnung: tagsüber alle ein bis zwei Stunden ein Glas Wasser von etwa 0,2 Litern, auch ohne Durst [1]. Das Umweltbundesamt formuliert es noch knapper mit stündlich einem Glas und nennt Leitungswasser, Mineralwasser sowie ungesüßten Kräutertee als geeignete Getränke [4]. Verluste von mehr als acht Prozent des Gesamtkörperwassers enden häufig tödlich; bereits leichte Defizite mindern Thermoregulation, Leistungsfähigkeit und Appetit [1].
Ebenfalls solide belegt ist der physiologische Grund für leichte Kost. Der thermische Effekt der Nahrung macht rund zehn Prozent des Gesamtenergieverbrauchs aus und steigt bei größeren sowie bei proteinreichen Mahlzeiten an [1]. Daraus folgt die Empfehlung mehrerer kleiner, überwiegend pflanzenbasierter Mahlzeiten. Wasserreiche Speisen wie Suppen, Salate, Obst und Joghurt tragen zusätzlich zur Flüssigkeitsversorgung bei [1]. Praktisch heißt das: mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse täglich, Gemüse sowohl gegart als auch roh, weil β-Carotin aus Karotten und Lycopin aus Tomaten aus gegarter Kost besser verwertbar sind [5].
Umstritten ist die Rolle des Eiweißes, und hier lohnt der genaue Blick. Der Hitzeknigge des Umweltbundesamts rät, eiweißreiche Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse bei Hitze zu meiden oder zu reduzieren, weil sie die Körperwärme erhöhen [4]. Die DGE begründet den gleichen Effekt differenzierter über den thermischen Effekt und empfiehlt vor allem weniger fleischlastige Mahlzeiten [1] – während sie Hülsenfrüchte, Nüsse und Fisch an anderer Stelle ausdrücklich als Bausteine einer gesunden Ernährung führt und ein bis zwei Fischportionen pro Woche nahelegt [6]. Wer die UBA-Formulierung wörtlich nimmt, streicht also über Wochen genau jene Lebensmittelgruppen, die ältere Menschen zum Muskelerhalt benötigen. Sinnvoller ist die Verschiebung: kleinere Portionen, pflanzliche Proteinquellen, nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche [6].
Auffällig ist eine zweite Verschiebung. Die pauschale Empfehlung zu salzarmer Ernährung gilt bei Hitze nur eingeschränkt – bei starkem Schwitzen können natriumchloridreichere Mineralwässer oder eine Prise Salz sinnvoll sein, denn wer Flüssigkeitsverluste ausschließlich mit elektrolytarmem Wasser ausgleicht, riskiert eine hypotone Dehydratation mit intrazellulärem Wassereinstrom [1]. Die traditionelle Antwort darauf ist älter als jede Leitlinie: Ayran aus je einem Teil Joghurt und Wasser mit Salz und Minze [1].
Offen bleibt vieles. Die Vorstellung kühlender und wärmender Lebensmittel aus der traditionellen chinesischen Medizin und dem Ayurveda ist wissenschaftlich kaum belegt – lediglich der wärmende Effekt von Capsaicin aus Chilischoten wurde nachgewiesen. Bemerkenswert ist dennoch, dass viele der daraus abgeleiteten Empfehlungen mit westlichen übereinstimmen: Kräutertees, Buttermilch, Obst, Salat, Zurückhaltung bei Fleisch [1]. Auch der alte Streit um die Getränketemperatur löst sich unspektakulär auf: Kalte Getränke löschen den Durst durch orale Kühlungseffekte eher, auf die Magenentleerung wirkt die Temperatur kaum, und bei eisgekühlten Getränken wird tendenziell mehr getrunken [1]. Der Hitzeknigge rät trotzdem davon ab, eiskalt zu trinken [4] – eine Empfehlung, die eher auf Verträglichkeit als auf harte Daten gestützt ist.
Ein verlässlich saisonaler Befund betrifft nicht die Nährstoffe, sondern die Keime. Campylobacter-Erkrankungen treten in Deutschland vermehrt in der warmen Jahreszeit auf und sind mit 60.000 bis 70.000 übermittelten Fällen pro Jahr die häufigste bakterielle meldepflichtige Krankheit [7]. Der zeitliche Zusammenhang zwischen steigender Umgebungstemperatur und der Zahl der Salmonellen- und Campylobacter-Infektionen ist statistisch belegt; ein Grund liegt darin, dass beim Grillen und Picknicken Hygieneregeln unterlaufen werden und Erreger von rohem Fleisch auf Salate gelangen [8]. Jährlich werden in Deutschland rund 100.000 lebensmittelbedingte Erkrankungen gemeldet, die Dunkelziffer liegt weit höher [9].
Praxisbox
- Rhythmus statt Rechnung: Alle ein bis zwei Stunden ein Glas Wasser (0,2 Liter) trinken, ohne auf Durst zu warten; Leitungswasser, Mineralwasser, ungesüßte Tees oder Saftschorlen im Verhältnis ein Teil Saft zu drei Teilen Wasser [1] [4].
- Klein und bunt: Mehrere kleine, pflanzenbetonte Mahlzeiten mit hohem Wassergehalt – wasserreiche Saisonware wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Fenchel und Rettich, dazu mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse täglich [1] [5].
- Salz neu denken: Bei starkem Schwitzen natriumreicheres Mineralwasser, maßvolles Nachsalzen oder ein gesalzener Joghurtdrink; Flüssigkeitsverluste nicht ausschließlich mit elektrolytarmem Wasser ausgleichen [1].
- Abends entlasten: Alkohol meiden, weil er diuretisch wirkt und den Ausgleich eines Flüssigkeitsmangels stört; Kaffee bleibt in Maßen möglich, ab dem Nachmittag jedoch zugunsten des Schlafs reduzieren [1] [10].
Sicherheitsbox
- Kühlkette halten: Kühlschrank auf maximal 7 Grad Celsius, besser unter 5 Grad einstellen; geschnittenes Obst und Melonenstücke kühlen, Reste innerhalb weniger Stunden unter 7 Grad bringen und in zwei bis drei Tagen verbrauchen [9].
- Trennen und durchgaren: Rohes Fleisch, Geflügel, Fisch und Eier getrennt von roh verzehrten Speisen zubereiten, Grillgut gut durchgaren, verschiedene Zangen verwenden und im Sommer auf rohe Eier in Mayonnaise oder Desserts verzichten [11].
- Vergolden statt verkohlen: Grillgut nicht stärker und länger erhitzen als nötig, Grillschalen nutzen, damit kein Fett in die Glut tropft, und gepökelte Wurstwaren nicht grillen [11].
- Notruf 112 wählen bei plötzlicher Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung, wiederholtem heftigem Erbrechen, Körpertemperatur über 39 Grad Celsius, Krampfanfall oder Kreislaufschock; Medikamente nie eigenmächtig absetzen, sondern Dosis und Trinkmenge ärztlich klären [4] [10].
Fazit
Gesunde Sommerernährung ist kein eigenes Ernährungskonzept, sondern eine Verschiebung der Gewichte innerhalb eines bekannten. Weniger Masse pro Mahlzeit, mehr Wasser im Essen, mehr Pflanzen auf dem Teller, mehr Aufmerksamkeit für Salz und Kühlkette. Interessant ist weniger, was die Leitlinien sagen, als wo sie schweigen: Für die Trinkmenge bei Hitze existiert keine belastbare Zahl, beim Eiweiß widersprechen sich behördliche Empfehlungen, und die überlieferte Sommerküche des Mittelmeerraums traf mit Ayran, Gazpacho und Salat vieles richtig, ohne es begründen zu können. Für den Spätsommer, wenn die Hitze nachlässt und die Ernte üppig wird, ist das eine entspannende Erkenntnis: Der Körper verlangt keine Disziplin, sondern Aufmerksamkeit.
FAQ – Häufige Fragen zu Ernährung im Sommer
Wie viel sollte man bei Hitze trinken?
Eine pauschale Menge lässt sich nicht angeben. Die praktikable Faustregel lautet: tagsüber alle ein bis zwei Stunden ein Glas Wasser von 0,2 Litern, unabhängig vom Durstgefühl. Bei Herz- oder Nierenerkrankungen gilt ausschließlich die individuelle ärztliche Vorgabe.
Entzieht Kaffee dem Körper Wasser?
Nein, diese Annahme ist widerlegt. Ein bis vier Tassen täglich gelten als unbedenklich und tragen zur Flüssigkeitsversorgung bei. Weil Koffein den Kreislauf anregt und das Hitzegefühl verstärken kann, ist Kaffee bei Hitze allerdings kein Durstlöscher.
Was ist der Unterschied zwischen Rohkost und gegartem Gemüse?
Rohkost erhält hitzeempfindliche Vitamine, gegartes Gemüse macht andere Stoffe besser verfügbar, etwa β-Carotin aus Karotten und Lycopin aus Tomaten. Empfohlen wird deshalb beides im Wechsel, nicht die Entscheidung für eine Variante.
Wann steigt das Risiko für Lebensmittelinfektionen im Sommer?
Ab Temperaturen über 7 Grad Celsius vermehren sich Salmonellen in Lebensmitteln. Kritisch sind Speisen, die längere Zeit ungekühlt stehen: Salate, Grillsaucen und Desserts bei Grillfesten, Picknicks und langen Transportwegen ohne Kühltasche.
Hilft ein Elektrolytgetränk gegen Hitzeerschöpfung?
Für gesunde Erwachsene reicht in der Regel eine abwechslungsreiche Ernährung mit natriumhaltigem Mineralwasser. Spezielle Präparate sind vor allem bei extremen Schweißverlusten relevant. Bei Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung ist der Notruf 112 nötig, kein Getränk.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.
Quellen & Forschungsstand
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Kreuel K. Essen und Trinken bei Hitze. DGE-Blog, zuerst in DGEwissen 07/2023. 2025. https://www.dge.de/blog/2025/essen-und-trinken-bei-hitze/
- an der Heiden M, Zacher B, RKI-Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke M, Bremer V. Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 31/2026. Robert Koch-Institut. 2026. DOI 10.25646/14318. https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html
- EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA). Scientific Opinion on Dietary Reference Values for water. EFSA Journal 8(3):1459. 2010. https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2010.1459
- Grothmann T, Becker R, Sander K, Umweltbundesamt. Der Hitzeknigge. Tipps für das richtige Verhalten bei Hitze. Aktualisierte Fassung 2025. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/hitzeknigge
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Obst und Gemüse. DGE-Ernährungskreis. 2024. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-ernaehrungskreis/obst-und-gemuese/
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Fisch, Fleisch, Wurst und Eier. DGE-Ernährungskreis. 2024. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-ernaehrungskreis/fleisch-wurst-fisch-und-eier/
- Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Campylobacter-Enteritis. Stand 28.11.2019. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Campylobacter.html
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Hochsaison für Salmonellen und Campylobacter. Presseinformation Nr. 32/2016. 2016. https://www.bfr.bund.de/presseinformation/hochsaison-fuer-salmonellen-und-campylobacter/
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Korrektes Kühlen von Lebensmitteln im Privathaushalt. Fragen und Antworten. 2023. https://www.bfr.bund.de/fragen-und-antworten/thema/korrektes-kuehlen-von-lebensmitteln-im-privathaushalt/
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Am besten null Promille – neues DGE-Positionspapier zu Alkohol. Presseinformation. 2024. https://www.dge.de/presse/meldungen/2024/dge-positionspapier-zu-alkohol/
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Bedenkenlos Grillen – so lassen sich gesundheitliche Risiken minimieren. Fragen und Antworten. 2026. https://www.bfr.bund.de/fragen-und-antworten/thema/ausgewaehlte-fragen-und-antworten-zum-grillen/
