Anti-Kriegs-Tag: Die gesundheitlichen Folgen von Krieg

Krieg verletzt nicht nur durch Schüsse und Explosionen. Er zerstört zugleich die Bedingungen, unter denen Menschen gesund bleiben oder wieder gesund werden können: medizinische Versorgung, sauberes Wasser, Nahrung, Schutz, soziale Beziehungen und Zukunftssicherheit. Die gesundheitlichen Folgen von Krieg reichen deshalb von akuten Traumata bis zu Erkrankungen, die noch Jahre nach dem Ende der Gewalt fortbestehen.

Was sind gesundheitliche Folgen von Krieg?

Medizinisch lassen sich drei Ebenen unterscheiden. Direkte Folgen entstehen durch Gewalt: Blutungen, Verbrennungen, Amputationen, Schädel-Hirn-Traumata, Rückenmarksverletzungen, Hörschäden und Tod. Eine WHO-Analyse schätzte allein für Gaza bis Juli 2024 mindestens 22.500 Menschen mit lebensverändernden Verletzungen und langfristigem Rehabilitationsbedarf; darunter waren Tausende Amputationen sowie zahlreiche schwere Verletzungen von Gehirn und Rückenmark [1]. Solche Zahlen beschreiben einen konkreten Konflikt und dürfen nicht pauschal auf andere Kriege übertragen werden. Sie zeigen jedoch, wie lange die medizinische Last nach der Notoperation weiterbesteht.

Indirekte Folgen entstehen, wenn Krankenhäuser, Rettungswege, Strom-, Wasser- und Abwassersysteme ausfallen. Dann werden eigentlich behandelbare Infektionen, Geburtskomplikationen, Diabetes oder Bluthochdruck lebensgefährlich. Langzeitfolgen betreffen Behinderung, chronische Schmerzen, psychische Erkrankungen, unterbrochene Bildung, Vertreibung, Armut und Umweltbelastungen. Ein aktueller Fachrahmen ordnet diese Kettenreaktion deshalb nicht nur nach Krankheiten, sondern auch nach sozialen und ökologischen Gesundheitsdeterminanten [2]. Krieg ist aus schulmedizinischer Sicht somit kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Verstärker vieler Risiken.

Was zeigt die Evidenz?

Gut belegt: Verletzungen, Versorgungsausfälle und Entwicklungsrisiken
Explosions- und Schussverletzungen erfordern häufig komplexe Chirurgie, Prothetik, Physiotherapie, Schmerzmedizin und psychologische Unterstützung. Fehlen Rehabilitationsangebote, können vermeidbare Kontrakturen, Immobilität, chronische Schmerzen und soziale Abhängigkeit entstehen. Besonders gravierend ist, dass der Bedarf wächst, während Personal, Material und erreichbare Einrichtungen abnehmen [1].

Für Kinder wirkt Krieg gleichzeitig auf Körper, Entwicklung und Lebensumfeld. Eine systematische Übersichtsarbeit wertete 155 Studien aus und fand Folgen durch Verletzungen, Infektionen, Umweltgefahren, Gewalt, Vertreibung sowie fehlenden Zugang zu Wasser, Sanitärversorgung, Medizin und Bildung. Die Forschenden betonen zugleich, dass geografische Abdeckung und Langzeitdaten begrenzt sind [3]. Mangelernährung und wiederkehrende Durchfallerkrankungen können sich gegenseitig verstärken; in sensiblen Entwicklungsphasen bedrohen sie Wachstum, Immunabwehr und kognitive Entwicklung.

Auch Schwangerschaft und frühe Kindheit werden indirekt getroffen. Eine Analyse von 181 Ländern für die Jahre 2000 bis 2019 verband Kriegsjahre mit 36,9 zusätzlichen Müttersterbefällen je 100.000 Lebendgeburten, 2,8 zusätzlichen Säuglingssterbefällen je 1.000 Lebendgeburten sowie sinkenden Impfquoten. Die statistischen Zusammenhänge hielten teilweise mehrere Jahre an [4]. Als ökologische Beobachtungsstudie kann die Untersuchung individuelle Ursachen nicht beweisen; sie zeigt aber, wie tief der Zusammenbruch organisierter Versorgung in die nächste Generation reicht.

Gut belegt: psychische Belastung – aber nicht jedes Trauma wird zur PTBS
Angst, Schlafstörungen, Trauer und erhöhte Wachsamkeit sind unter akuter Bedrohung zunächst nachvollziehbare Reaktionen. Eine posttraumatische Belastungsstörung, Depression oder Angststörung liegt erst vor, wenn definierte Beschwerden anhalten und Alltag sowie Beziehungen deutlich beeinträchtigen. Ein Review von 22 systematischen Übersichten und Meta-Analysen berichtet, dass Angst, Depression und PTBS bei Kriegsexponierten oder Vertriebenen etwa zwei- bis dreimal häufiger vorkommen als bei nicht exponierten Gruppen [5].

Entscheidend ist nicht nur das Erlebte während des Krieges. Unsichere Unterbringung, Familientrennung, Armut, Diskriminierung und ein unklarer Aufenthaltsstatus können die Belastung nach der Flucht fortsetzen [5]. Schutz entsteht dagegen durch Sicherheit, verlässliche Beziehungen, Zugang zu Bildung, Arbeit und kultursensibler Versorgung. Dabei greifen Herz und Hirn ineinander: Anhaltender Stress verändert Schlaf, vegetatives Nervensystem und Blutdruck. Psychische und körperliche Versorgung sollten deshalb nicht getrennt geplant werden.

Umstritten: Wie stark Herz-Kreislauf-Risiken steigen
Für Herz und Gefäße ist die Evidenz plausibel, jedoch weniger eindeutig als für Verletzungen oder psychische Belastungen. Ein systematischer Review von 65 Studien zu 23 Konflikten fand Hinweise auf mehr koronare Herzkrankheit, Schlaganfälle, erhöhten Blutdruck sowie ungünstigen Tabak- und Alkoholkonsum. Zwei Drittel der eingeschlossenen Studien waren allerdings von niedriger Qualität; mehrere Ergebnisse blieben gemischt oder unsicher [6]. Neben chronischem Stress dürften Medikamentenunterbrechungen, erschwerte Kontrollen und fehlende Akutversorgung wichtig sein. Seriös ist daher die Aussage: Krieg kann kardiovaskuläre Risiken erhöhen und die Behandlung bestehender Erkrankungen verschlechtern; eine einheitliche Effektgröße gibt es nicht.

Offen und schwer messbar: indirekte Todesfälle und Spätfolgen
Wie viele Menschen nicht unmittelbar durch Waffen, sondern später durch Hunger, Infektionen, Sepsis, fehlende Medikamente oder zerstörte Infrastruktur sterben, ist oft nur näherungsweise bestimmbar. Register brechen zusammen, Bevölkerungen fliehen und Vergleichsgruppen fehlen. Auch Umweltgifte aus Bränden und Trümmern, Blindgänger sowie generationenübergreifende Folgen benötigen lange Beobachtungszeiten [2] [3].

Antimikrobielle Resistenzen sind ein weiteres Warnsignal. Ein Review aus dem Nahen Osten dokumentierte hohe Resistenzraten, konnte aber wegen heterogener Daten häufig keine klaren Unterschiede zwischen Konflikt- und Nichtkonfliktstaaten zeigen [7]. Krieg schafft mit verschmutzten Wunden, überlasteten Einrichtungen und lückenhafter Diagnostik ungünstige Bedingungen; dennoch wäre es wissenschaftlich zu einfach, jede Resistenzentwicklung allein dem Konflikt zuzuschreiben.

Praxisbox: Was konkret helfen kann

  • Versorgung sichern: Medikamentenliste, Diagnosen, Allergien, Impfpass und wichtige Befunde möglichst zusätzlich digital oder als Foto verfügbar halten.
  • Kontinuität priorisieren: Bei Diabetes, Epilepsie, Herz-Kreislauf- oder psychischen Erkrankungen früh nach Ersatzrezepten und erreichbaren Anlaufstellen fragen.
  • Traumasensibel unterstützen: Zuhören, Sicherheit und Wahlmöglichkeiten anbieten; Betroffene nicht zum detaillierten Erzählen drängen.
  • Rehabilitation früh mitdenken: Nach schweren Verletzungen Mobilität, Schmerztherapie, Wundversorgung, Hilfsmittel und psychische Begleitung gemeinsam planen.

Sicherheitsbox: Wann sofort Hilfe nötig ist

  • Bei starker Blutung, Atemnot, Bewusstlosigkeit, Lähmung, Krampfanfall oder akuter Lebensgefahr sofort den Rettungsdienst unter 112 rufen.
  • Fieber, Verwirrtheit, schnelle Atmung, Kreislaufprobleme oder rasche Verschlechterung nach einer Wunde können auf eine schwere Infektion oder Sepsis hindeuten: unverzüglich medizinisch abklären lassen.
  • Bei akuten Suizidgedanken oder unmittelbarer Selbstgefährdung 112 rufen oder die nächste psychiatrische Notaufnahme aufsuchen; in Deutschland ist die TelefonSeelsorge zusätzlich unter 116 123 erreichbar.
  • Unterbrochene Dauermedikation nicht eigenmächtig durch unbekannte Präparate ersetzen; Apotheke, ärztliche Anlaufstelle oder Hilfsorganisation einbeziehen.

Fazit

Die gesundheitlichen Folgen von Krieg beginnen mit Verletzungen, enden dort aber nicht. Sie verlaufen über zerstörte Versorgung, Hunger, Infektionen, psychische Traumata, unterbrochene Therapien und soziale Entwurzelung. Besonders gefährdet sind Kinder, Schwangere, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und chronisch Erkrankte. Die Evidenz ist für viele Zusammenhänge stark, für genaue Opferzahlen und manche Langzeiteffekte jedoch lückenhaft. Medizinische Hilfe muss deshalb mehr leisten als akute Lebensrettung: Sie braucht Schutz von Gesundheitseinrichtungen, sauberes Wasser, Impfungen, Geburtshilfe, kontinuierliche Arzneimittelversorgung, Rehabilitation und psychische Unterstützung. Am Anti-Kriegs-Tag erinnert diese Perspektive daran, dass Frieden auch eine grundlegende Voraussetzung für Gesundheit ist.

FAQ – Häufige Fragen zu gesundheitlichen Kriegsfolgen

Was ist der Unterschied zwischen direkten und indirekten Kriegsfolgen?
Direkte Folgen entstehen unmittelbar durch Gewalt, etwa Verletzungen, Verbrennungen oder Tod. Indirekte Folgen entstehen durch zerstörte Versorgung, Hunger, verunreinigtes Wasser, Infektionen, fehlende Medikamente, Vertreibung und Armut; sie können zeitverzögert auftreten und lange anhalten.

Wie wirkt Krieg auf die psychische Gesundheit?
Krieg kann akute Stressreaktionen, Trauer, Schlafprobleme, Depression, Angststörungen und PTBS begünstigen. Ob Beschwerden chronisch werden, hängt auch von Sicherheit, sozialer Unterstützung, früheren Belastungen, Lebensbedingungen nach der Flucht und erreichbarer Behandlung ab.

Wann sollte nach einer Kriegsverletzung Rehabilitation beginnen?
Rehabilitation sollte beginnen, sobald der medizinische Zustand es erlaubt. Frühzeitige Mobilisation, Wund- und Schmerzbehandlung, Physio- und Ergotherapie, Hilfsmittelversorgung sowie psychologische Unterstützung können Komplikationen begrenzen und Selbstständigkeit fördern.

Kann man gesundheitliche Langzeitfolgen von Krieg verhindern?
Nicht vollständig. Schutz medizinischer Infrastruktur, sichere Fluchtwege, Wasser- und Nahrungsversorgung, Impfprogramme, kontinuierliche Behandlung chronischer Erkrankungen, Rehabilitation und psychosoziale Angebote können Krankheitslast und vermeidbare Todesfälle jedoch deutlich reduzieren.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. World Health Organization. WHO analysis highlights vast unmet rehabilitation needs in Gaza. WHO News Release. 2024. https://www.who.int/news/item/12-09-2024-who-analysis-highlights-vast-unmet-rehabilitation-needs-in-gaza
  2. Jayasinghe S. The 12 dimensions of health impacts of war (the 12-D framework): a novel framework to conceptualise impacts of war on social and environmental determinants of health and public health. BMJ Global Health. 2024. https://doi.org/10.1136/bmjgh-2023-014749
  3. Kadir A, Shenoda S, Goldhagen J. Effects of armed conflict on child health and development: A systematic review. PLOS ONE. 2019. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0210071
  4. Jawad M, Hone T, Vamos EP, Cetorelli V, Millett C. Implications of armed conflict for maternal and child health: A regression analysis of data from 181 countries for 2000–2019. PLOS Medicine. 2021. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1003810
  5. Carpiniello B. The Mental Health Costs of Armed Conflicts—A Review of Systematic Reviews Conducted on Refugees, Asylum-Seekers and People Living in War Zones. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2023. https://doi.org/10.3390/ijerph20042840
  6. Jawad M, Vamos EP, Najim M, Roberts B, Millett C. Impact of armed conflict on cardiovascular disease risk: a systematic review. Heart. 2019. https://doi.org/10.1136/heartjnl-2018-314459
  7. Truppa C, Abo-Shehada MN. Antimicrobial resistance among GLASS pathogens in conflict and non-conflict affected settings in the Middle East: a systematic review. BMC Infectious Diseases. 2020. https://doi.org/10.1186/s12879-020-05503-8