Süßholzwurzel bei Gastritis: Evidenz, Anwendung und Schutz der Magenschleimhaut

Die Süßholzwurzel birgt ein bemerkenswertes pharmakologisches Potenzial zum Schutz der Magenschleimhaut. Während die konventionelle Medizin bei Gastritis primär auf Säureblocker und Antibiotika setzt, bietet die fundierte Pflanzenheilkunde komplementäre Ansätze, die darauf abzielen, die körpereigenen Barrierefunktionen zu stärken und die Resilienz des Gewebes zu erhöhen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage, zeigt die sicheren Anwendungsmöglichkeiten von deglycyrrhiziniertem Lakritz (DGL) auf und benennt als integrativer Wegweiser klar die Grenzen und Risiken dieser komplementären Therapie.

Was ist Süßholzwurzel und warum ist sie bei Gastritis relevant?

Wenn im April der Gründonnerstag naht, erinnern traditionelle Bräuche wie die Neunkräutersuppe an die revitalisierende Kraft der Frühlingskräuter. Die darin enthaltenen Bitterstoffe regen die Verdauungssäfte an und bereiten den Magen-Darm-Trakt nach der winterlichen Ernährung auf das kommende Jahr vor. In eine ähnlich tief verwurzelte, jahrtausendealte Tradition reiht sich die Süßholzwurzel (Glycyrrhiza glabra) ein. Sie gilt sowohl in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als auch im indischen Ayurveda als ein zentrales, magenstärkendes und harmonisierendes Heilmittel.

Gerade im April, der international als Stress Awareness Month begangen wird, rückt die Verbindung zwischen mentaler Belastung und Magengesundheit verstärkt in den Fokus. Chronischer psychologischer Stress ist ein wissenschaftlich anerkannter, eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung von Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüren. Eine umfassende dänische Kohortenstudie mit über 3.300 Teilnehmern, die über ein Jahrzehnt lief, zeigte eindrucksvoll, dass ein hohes Stressniveau das Ulkusrisiko unabhängig von anderen Faktoren mehr als verdoppelt [1]. In Deutschland ist die Gastritis ein überaus häufiges Krankheitsbild; die Lebenszeitprävalenz einer ärztlich diagnostizierten Gastritis betrifft etwa jeden fünften Erwachsenen [2]. Die Hauptursachen für diese entzündlichen Prozesse sind neben chronischem Stress vor allem Infektionen mit dem Bakterium Helicobacter pylori sowie die regelmäßige Einnahme bestimmter Schmerzmittel (NSAR), die die schützende Schleimschicht des Magens angreifen.

Während die Schulmedizin gemäß aktueller S2k-Leitlinien bei der Therapie primär auf die Eradikation von Helicobacter pylori mittels Antibiotika und die Unterdrückung der Magensäure durch Protonenpumpeninhibitoren (PPI) setzt [3], gerät die aktive Stärkung der physiologischen Magenschleimhautbarriere im klinischen Alltag oft in den Hintergrund. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Süßholzwurzel an. Ihre pharmakologisch aktiven Substanzen – das Triterpensaponin Glycyrrhizin und Flavonoide wie Liquiritigenin – hemmen gezielt entzündungsfördernde Enzyme und regen gleichzeitig die lokale Produktion von schützenden Prostaglandinen (insbesondere Prostaglandin E2) sowie Muzin, dem eigentlichen Magenschleim, an [4]. Die Magenschleimhaut wird dadurch widerstandsfähiger gegen die aggressive Magensäure, ohne dass deren für die Verdauung essenzielle Produktion unterbunden wird. Um die mit Glycyrrhizin verbundenen systemischen Risiken wie Bluthochdruck zu umgehen, wird in der komplementären Praxis heute fast ausschließlich deglycyrrhiziniertes Lakritz (DGL) eingesetzt, bei dem dieser Stoff weitgehend entfernt wurde.

Was zeigt die Evidenz? Belegtes, Umstrittenes und offene Fragen

Die wissenschaftliche Untersuchung der Süßholzwurzel bei Magenbeschwerden liefert ein differenziertes Bild, das die Brücke zwischen jahrhundertealter Erfahrung und moderner pharmakologischer Forschung schlägt.

Was wissenschaftlich belegt ist: Präklinische Studien belegen eindrucksvoll die schleimhautschützenden und antioxidativen Eigenschaften der Süßholzwurzel. Die enthaltenen Flavonoide reduzieren zellulären oxidativen Stress erheblich und hemmen die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine wie TNF-alpha und Interleukin-6, die bei einer Gastritis das Gewebe schädigen [4]. Zudem besitzt Glycyrrhiza glabra eine direkte, gut dokumentierte antibakterielle Aktivität gegen Helicobacter pylori. Die aktiven Inhaltsstoffe hemmen essenzielle Enzyme des Bakteriums wie die Urease und erschweren seine schädliche Anhaftung an die Magenschleimhaut [5]. Auch von institutioneller Seite ist die Pflanze anerkannt: Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) stuft die Süßholzwurzel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von Dyspepsie und Magenbrennen ein [6]. Die deutsche Kommission E und die ESCOP befürworten die Anwendung darüber hinaus explizit zur adjuvanten Therapie von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren.

Was umstritten oder im aktuellen Forschungstrend ist: Klinische Studien am Menschen zeigen durchweg positive Tendenzen, erreichen jedoch nicht immer die methodische Strenge, die für eine primäre Leitlinienempfehlung erforderlich wäre. Eine aktuelle systematische Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 untersuchte die Effekte von Süßholzwurzel auf peptische Ulzera anhand mehrerer randomisierter Studien. Die Ergebnisse wiesen auf einen positiven Trend bei der Schmerzlinderung und der Ulkusheilung hin, verfehlten jedoch aufgrund der hohen methodischen Heterogenität – bedingt durch unterschiedliche Dosierungen und Präparate – knapp die statistische Signifikanz [7]. Im Bereich der Eradikationstherapie von Helicobacter pylori zeigte eine randomisierte kontrollierte Studie, dass Süßholzwurzel als gleichwertige Alternative zu Bismut in der Vierfachtherapie dienen kann, mit einer Eradikationsrate von 67 Prozent gegenüber 57 Prozent [8]. Eine weitere placebokontrollierte Studie mit dem standardisierten Extrakt GutGard belegte eine signifikante Linderung dyspeptischer Beschwerden nach nur 30 Tagen Einnahme [9]. Aktuelle Forschung untersucht zudem den Einfluss der Süßholzwurzel auf das Darmmikrobiom: Glycyrrhiza-Polysaccharide scheinen das Wachstum nützlicher Bakterien zu fördern und die Produktion kurzkettiger Fettsäuren zu steigern, was die Darmbarriere zusätzlich stärkt [4].

Wo signifikante Evidenzlücken bestehen: Trotz der vielversprechenden Ergebnisse fehlen bis heute groß angelegte, multizentrische Doppelblindstudien, die DGL isoliert gegen moderne PPI bei spezifischen Gastritis-Subtypen vergleichen. Die Evidenz basiert überwiegend auf älteren klinischen Beobachtungen und kleineren modernen Studien. Es muss transparent benannt werden: Die Süßholzwurzel kann die moderne medikamentöse Therapie bei akuten, blutenden Ulzera oder einer massiven Helicobacter-Besiedlung nicht ersetzen. Sie ist vielmehr als sinnvolle komplementäre Ergänzung zu betrachten, die den Heilungsprozess flankiert.

Praxisbox: Anwendung von DGL bei Gastritis

  • Präparat: Ausschließlich deglycyrrhiziniertes Lakritz (DGL) als Kautablette oder Pulver verwenden. Die Entfernung des Glycyrrhizins macht das Präparat sicher für eine mehrwöchige Anwendung.
  • Speichelkontakt: DGL intensiv kauen oder im Mund zergehen lassen. Die Vermischung mit Speichel regt die Freisetzung von Wachstumsfaktoren (EGF) an, die die Schleimhautheilung im oberen Gastrointestinaltrakt signifikant fördern.
  • Dosierung: 380 bis 760 Milligramm DGL pro Einzeldosis, zwei- bis dreimal täglich.
  • Zeitpunkt: Etwa zwanzig Minuten vor den Hauptmahlzeiten einnehmen, damit die Wirkstoffe einen schützenden Film aufbauen können, bevor die nahrungsinduzierte Säureproduktion ihren Höhepunkt erreicht.

Sicherheitsbox: Risiken und Kontraindikationen

  • Pseudoaldosteronismus: Reine Süßholzwurzel kann in hohen Dosen den normalen Cortisolabbau in der Niere hemmen. Dies führt zu einem Pseudoaldosteronismus mit gefährlichem Kaliumverlust (Hypokaliämie), Wassereinlagerungen und massivem Blutdruckanstieg.
  • Wechselwirkungen: Besondere Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von Diuretika, Herzglykosiden (Digoxin) oder Kortikosteroiden – die Kombination kann den Kaliumverlust lebensbedrohlich verstärken und zu schweren Herzrhythmusstörungen führen.
  • Kontraindikationen: Reine Süßholzwurzel ist kontraindiziert bei bestehendem Bluthochdruck, Niereninsuffizienz, schweren Lebererkrankungen, in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Personen unter 18 Jahren.
  • Anwendungsdauer: Teeaufgüsse aus normaler Süßholzwurzel laut EMA-Monographie ohne ärztlichen Rat maximal vier Wochen anwenden [6].

Fazit

Die Integration der Süßholzwurzel in die Behandlung der Gastritis veranschaulicht das Potenzial einer Medizin, die das Beste aus verschiedenen Welten vereint. Während konventionelle Säureblocker akute Symptome schnell lindern und notwendige Heilungsprozesse initiieren, adressiert die Phytotherapie mit DGL die grundlegende Resilienz und Regenerationsfähigkeit der Magenschleimhaut. Sie fördert die körpereigene Muzinproduktion und schützt die empfindliche Barrierefunktion, ohne die physiologisch wichtige Magensäure, die für Nährstoffaufnahme und Infektabwehr unerlässlich ist, dauerhaft zu neutralisieren. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit, in der chronischer Stress den Magen-Darm-Trakt zunehmend belastet, bietet DGL einen sanften, unterstützenden Weg – eine Ergänzung, kein Ersatz, eingebettet in ein ganzheitliches Therapiekonzept aus angepasster Ernährung und aktivem Stressmanagement.

FAQ – Häufige Fragen zu Süßholzwurzel bei Gastritis

Was ist der Unterschied zwischen Süßholzwurzel und DGL? Normale Süßholzwurzel enthält Glycyrrhizin, das in höheren Dosen den Blutdruck steigern kann. Bei DGL (deglycyrrhiziniertes Lakritz) wurde dieser Stoff entfernt. DGL behält die schleimhautschützenden Eigenschaften, ist aber deutlich sicherer für die regelmäßige Anwendung.

Wie wirkt Süßholzwurzel bei einer Magenschleimhautentzündung? Die Inhaltsstoffe regen die Produktion von schützendem Magenschleim (Muzin) und entzündungshemmenden Prostaglandinen an. Anstatt die Magensäure zu blockieren, stärkt die Pflanze die körpereigene Barrierefunktion und fördert die Durchblutung des Gewebes.

Kann man Süßholzwurzeltee jeden Tag trinken? Tee aus normaler Süßholzwurzel sollte ohne ärztlichen Rat maximal vier Wochen getrunken werden. Übermäßiger Konsum kann zu Kaliummangel und Bluthochdruck führen. Für eine langfristige Anwendung eignen sich DGL-Präparate besser.

Hilft Süßholzwurzel gegen Helicobacter pylori? Studien zeigen antibakterielle Eigenschaften gegen H. pylori. Die Extrakte erschweren die Anhaftung der Bakterien an die Magenschleimhaut und werden komplementär zur Antibiotika-Eradikationstherapie eingesetzt, um die Heilungsraten zu verbessern.

Wann sollte man bei Gastritis zum Arzt gehen? Bei anhaltenden Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen von Blut oder schwarzem Stuhl ist eine ärztliche Abklärung dringend erforderlich. Pflanzliche Mittel wie DGL ersetzen keine Diagnostik und keine verschriebene medikamentöse Therapie.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Levenstein, S. et al. (2015). Psychological stress increases risk for peptic ulcer, regardless of Helicobacter pylori infection or use of nonsteroidal anti-inflammatory drugs. Clinical Gastroenterology and Hepatology, 13(3), 498-506.e1.
  2. Robert Koch-Institut (RKI). (2009). Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA) – Prävalenz von Gastritis und Duodenitis.
  3. Fischbach, W. et al. (2023). S2k-Leitlinie Helicobacter pylori und gastroduodenale Ulkuskrankheit. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).
  4. Wu, Y. et al. (2023). Licorice flavonoid alleviates gastric ulcers by producing changes in gut microbiota and promoting mucus cell regeneration. Biomedicine & Pharmacotherapy, 165, 115082.
  5. Suresh, V. et al. (2025). Therapeutic advances and future directions in Helicobacter pylori eradication. Frontiers in Microbiology, 16.
  6. European Medicines Agency (EMA) / HMPC. (2024). European Union herbal monograph on Glycyrrhiza glabra L., radix (Revision 1). EMA/HMPC/108399/2024.
  7. Khorasani, E. Z. et al. (2025). Efficacy of Glycyrrhiza glabra on peptic ulcer disease: A systematic review and meta-analysis. Advances in Integrative Medicine, 12(4).
  8. Momeni, A. et al. (2014). Effect of licorice versus bismuth on eradication of Helicobacter pylori in patients with peptic ulcer disease. Pharmacognosy Research, 6(4), 341-345.
  9. Raveendra, K. R. et al. (2012). An Extract of Glycyrrhiza glabra (GutGard) Alleviates Symptoms of Functional Dyspepsia: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Study. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, 2012, 216970.