Die TRT-Therapie bei Tinnitus

Wie die Tinnitus-Retraining-Therapie helfen kann, die Ohrgeräusche zu überhören.

Rund ein Viertel aller Deutschen hat mindestens einmal im Leben ein Ohrgeräusch wahrgenommen, bei etwa drei bis fünf Prozent wird der Tinnitus chronisch und behandlungsbedürftig [4]. Für Betroffene, die nach Entlastung suchen, gilt die Tinnitus-Retraining-Therapie als ein viel diskutierter Ansatz. Doch was kann sie wirklich leisten, und wo liegen ihre Grenzen?

Was ist die TRT-Therapie?

Die Tinnitus-Retraining-Therapie wurde in den 1990er-Jahren von dem Neurowissenschaftler Pawel Jastreboff entwickelt und basiert auf seinem neurophysiologischen Tinnitus-Modell [8]. Dieses Modell geht davon aus, dass nicht das Ohrgeräusch selbst das eigentliche Problem darstellt, sondern die Art, wie das Gehirn darauf reagiert. Durch fehlgeleitete Verbindungen zwischen dem auditorischen System, dem limbischen System und dem autonomen Nervensystem entsteht ein Teufelskreis aus Wahrnehmung, negativer Bewertung und emotionaler Belastung.

Die TRT-Therapie verfolgt das Ziel der Habituation, also der schrittweisen Gewöhnung an das Ohrgeräusch, bis es nicht mehr bewusst wahrgenommen oder als störend empfunden wird. Sie kombiniert dafür zwei Kernkomponenten: ein strukturiertes, direktives Counseling und eine begleitende Klangtherapie. Im Counseling erhalten Betroffene eine fundierte Aufklärung über die Entstehungsmechanismen des Tinnitus. Dieses Verständnis soll Ängste abbauen und die negative Bewertung des Geräuschs verändern. Die Klangtherapie arbeitet mit leisen Hintergrundgeräuschen, häufig über sogenannte Noiser oder Rauschgeneratoren, die das Ohrgeräusch nicht überdecken, sondern lediglich den Kontrast zwischen Tinnitus und Stille verringern sollen.

In Deutschland wird häufig eine erweiterte Variante praktiziert, die sogenannte TRT nach ADANO, die zusätzlich kognitiv-verhaltenstherapeutische Elemente integriert [1]. Die Therapie ist als Langzeitansatz konzipiert und erstreckt sich über mindestens zwölf, häufig bis zu vierundzwanzig Monate.

Was zeigt die Evidenz?

Die wissenschaftliche Bewertung der TRT-Therapie fällt differenziert aus. Ein Cochrane-Review identifizierte lediglich eine einzige randomisierte kontrollierte Studie, die die authentische TRT untersuchte [2]. Diese zeigte zwar eine Überlegenheit gegenüber reiner Tinnitus-Maskierung, doch die methodische Qualität war gering und lässt keine belastbaren Schlussfolgerungen zu.

Die bislang größte randomisierte Studie zur TRT, die sogenannte TRTT-Studie mit 151 Teilnehmenden, konnte keinen signifikanten Vorteil der vollständigen TRT gegenüber einem standardisierten Counseling nachweisen [3]. Alle Behandlungsgruppen zeigten nach achtzehn Monaten eine Verbesserung der tinnitusbezogenen Lebensqualität, ohne dass sich die TRT als Gesamtpaket statistisch abhob.

Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zum chronischen Tinnitus spricht daher lediglich eine offene Empfehlung für die langfristige Anwendung der TRT aus und betont, dass eine isolierte Noiserversorgung keinen nachweisbaren Zusatznutzen bringt [1]. Die kognitive Verhaltenstherapie wird hingegen mit dem höchsten Evidenzgrad als wirksamste Methode zur Reduktion der Tinnitusbelastung empfohlen, mit Effektstärken zwischen 0,54 und 0,91 [4]. Auch die britische NICE-Leitlinie erwähnt die TRT nicht explizit und spricht für isolierte Sound-Therapien mangels Evidenz keine Praxisempfehlung aus [9].

Gleichwohl betonen Fachgesellschaften, dass die einzelnen Bausteine der TRT durchaus wirksam sein können. Insbesondere das strukturierte Tinnitus-Counseling gilt als essenzielle Grundlage jeder Behandlung, und die Versorgung mit Hörgeräten bei begleitendem Hörverlust wird ausdrücklich empfohlen [1] [4]. Die Evidenzlage zur TRT als Gesamtkonzept bleibt somit umstritten, während ihre Einzelkomponenten als sinnvoll gelten.

Praxisbox

  • Die TRT-Therapie wird interdisziplinär von HNO-Ärzten, Hörakustikern und Psychotherapeuten durchgeführt. Erkundigen Sie sich bei Ihrer HNO-Praxis nach spezialisierten Tinnitus-Zentren.
  • Planen Sie einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten ein und setzen Sie realistische Erwartungen: Ziel ist nicht das Verschwinden des Geräuschs, sondern eine veränderte Wahrnehmung.
  • Ergänzen Sie die Therapie durch tägliche Entspannungsübungen wie progressive Muskelrelaxation oder Achtsamkeitsmeditation, die laut Leitlinie empfohlene Bestandteile der Tinnitus-Bewältigung sind [1].
  • Nutzen Sie gerade in den ruhigen Sommerabenden bewusst angenehme Naturgeräusche oder leise Hintergrundklänge, um den Kontrast zum Tinnitus zu mildern.

Sicherheitsbox

  • Die TRT-Therapie gilt als nebenwirkungsarm. Schwerwiegende Risiken sind nicht bekannt.
  • Die Kostenübernahme durch gesetzliche Krankenkassen ist nicht einheitlich geregelt. Psychotherapie und ärztliches Counseling werden in der Regel übernommen, spezifische TRT-Programme können jedoch
  • Selbstzahlerleistungen sein. Klären Sie dies vorab mit Ihrer Kasse.
  • Nahrungsergänzungsmittel wie Ginkgo biloba oder Zink werden von der S3-Leitlinie mangels Wirksamkeitsnachweis ausdrücklich nicht empfohlen [1].
  • Bei starkem Leidensdruck, Schlafstörungen oder depressiven Symptomen sollte eine psychotherapeutische Mitbehandlung erfolgen, nicht allein eine apparative Versorgung.

Fazit

Die TRT-Therapie verkörpert einen integrativen Gedanken: Sie verbindet Aufklärung, Klangtherapie und die Bereitschaft, dem Gehirn Zeit für Veränderung zu geben. Gerade in einer Phase der Entschleunigung, wie sie der Spätsommer bieten kann, liegt eine Chance darin, den Umgang mit dem eigenen Körper neu zu gestalten. Die wissenschaftliche Evidenz für das Gesamtkonzept bleibt begrenzt, doch die Kernelemente, insbesondere das fundierte Counseling und die kognitive Verhaltenstherapie, sind gut belegt. Die TRT-Therapie ist kein Heilsversprechen, aber ein möglicher Baustein auf dem Weg zu weniger Belastung. Sie ergänzt, ersetzt aber nicht eine umfassende medizinische und psychotherapeutische Betreuung.

FAQ – Häufige Fragen zur TRT-Therapie

Wie lange dauert eine TRT-Therapie? Die Behandlung erstreckt sich über mindestens zwölf bis vierundzwanzig Monate. Erste Verbesserungen können nach einigen Wochen eintreten, die vollständige Habituation erfordert jedoch Geduld und konsequente Mitarbeit.

Kann die TRT-Therapie den Tinnitus heilen? Nein, die TRT zielt nicht auf das Verschwinden des Geräuschs ab. Sie trainiert das Gehirn, den Tinnitus als unbedeutend einzustufen, sodass er nicht mehr bewusst wahrgenommen oder als belastend empfunden wird.

Was ist der Unterschied zwischen TRT und kognitiver Verhaltenstherapie? Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet gezielt an Denkmustern und Verhaltensweisen, die den Leidensdruck aufrechterhalten. Die TRT kombiniert Counseling mit Klangtherapie und setzt stärker auf die neurophysiologische Gewöhnung. Beide Ansätze können sich ergänzen.

Werden die Kosten für die TRT-Therapie von der Krankenkasse übernommen? Psychotherapeutische Sitzungen und ärztliches Counseling werden meist von gesetzlichen Kassen getragen. Noiser und Hörgeräte unterliegen Festbeträgen. Spezifische TRT-Kompaktprogramme erfordern oft eine individuelle Klärung mit der Krankenkasse.

Hilft Entspannung bei Tinnitus? Ja, Entspannungsverfahren wie progressive Muskelrelaxation und Achtsamkeitsübungen sind laut S3-Leitlinie empfohlene Bestandteile der Tinnitus-Therapie. Sie reduzieren die Aufmerksamkeitsfokussierung auf das Geräusch und senken den Stresspegel.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Mazurek B, Hesse G, Sattel H, Kratzsch V, Lahmann C, Dobel C. S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus. HNO. 2022;70(11):795–827. (AWMF-Registernummer 017/064, Version 4.1, Stand 15.09.2021). https://doi.org/10.1007/s00106-022-01207-4
  2. Phillips JS, McFerran DJ. Tinnitus Retraining Therapy (TRT) for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2010;(3):CD007330. (Update 2022). https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD007330.pub2/full
  3. Scherer RW, Formby C; Tinnitus Retraining Therapy Trial Research Group. Effect of Tinnitus Retraining Therapy vs Standard of Care on Tinnitus-Related Quality of Life: A Randomized Clinical Trial. JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery. 2019;145(7):597–608. https://jamanetwork.com/journals/jamaotolaryngology/fullarticle/2734346
  4. Mazurek B, Hesse G, Dobel C, Kratzsch V, Lahmann C, Sattel H. Chronic Tinnitus – Diagnosis and Treatment. Deutsches Ärzteblatt International. 2022;119(13):219–225. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2022.0135
  5. Jastreboff PJ. Phantom auditory perception (tinnitus): mechanisms of generation and perception. Neuroscience Research. 1990;8(4):221–254.
  6. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Tinnitus: assessment and management (NG155). 2020. https://www.nice.org.uk/guidance/ng155