Was ist Wolfstrapp?
Wolfstrapp, botanisch als Lycopus europaeus (Gemeiner Wolfstrapp) oder Lycopus virginicus (Virginischer Wolfstrapp) bekannt, ist eine mehrjährige Pflanze, die bevorzugt in Feuchtgebieten wächst und eine Höhe von 20 bis 80 Zentimetern erreicht. In der Volksmedizin trägt sie auch den Namen Zigeunerkraut, da fahrende Völker sie einst zum Färben ihrer Haut verwendeten [1].
Die pharmakologische Bedeutung des Wolfstrapps liegt in seinen Inhaltsstoffen: Phenolcarbonsäuren wie Lithospermsäure und Rosmarinsäure, ergänzt durch Flavonoide und Gerbstoffe. Diese Substanzen greifen an mehreren Stellen in den Schilddrüsenstoffwechsel ein. Sie hemmen die Bindung des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) an seine Rezeptoren in der Schilddrüse und verringern die periphere Umwandlung von Thyroxin (T4) in das aktivere Triiodthyronin (T3) durch Hemmung der Dejodase-Enzyme [2]. Bei Autoimmunerkrankungen wie Morbus Basedow können die Inhaltsstoffe zudem die Bindung von stimulierenden Autoantikörpern an die TSH-Rezeptoren blockieren.
Der Januar, traditionell ein Monat des Neustarts und der Entgiftung, bietet einen passenden Rahmen, um sich mit der Schilddrüsengesundheit auseinanderzusetzen. Gerade zum Tag der Schilddrüse lohnt sich ein differenzierter Blick auf komplementäre Behandlungsoptionen.
Was zeigt die Evidenz?
Die wissenschaftliche Datenlage zu Wolfstrapp ist differenziert zu betrachten. Die vorhandene Evidenz stützt sich vornehmlich auf Anwendungsbeobachtungen, tierexperimentelle Untersuchungen und traditionelle Erfahrungsheilkunde – randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien fehlen weitgehend.
Eine prospektive, offene Studie mit Patienten, die an einer leichten Schilddrüsenüberfunktion litten, zeigte eine signifikante Reduktion von Symptomen wie einer erhöhten Herzfrequenz [3]. Interessanterweise wurde in dieser Studie keine direkte Senkung der Schilddrüsenhormone im Blut festgestellt, jedoch eine erhöhte Ausscheidung von Thyroxin (T4) über den Urin, was auf einen peripheren Wirkmechanismus hindeutet.
Eine tierexperimentelle Studie an Ratten mit induzierter Hyperthyreose untermauert diese Beobachtung: Die Gabe eines Wolfstrapp-Extrakts führte zu einer Reduktion der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Körpertemperatur, ohne die Konzentrationen der Schilddrüsenhormone im Blut zu beeinflussen [4]. Die Wirkung auf das Herz war dabei vergleichbar mit der des Betablockers Atenolol.
Eine offene Post-Marketing-Überwachungsstudie mit über 400 Patienten bestätigte eine klinisch relevante Verbesserung der Symptome bei guter Verträglichkeit [5]. Die Responderrate war in den mit Wolfstrapp behandelten Gruppen signifikant höher als in der unbehandelten Kontrollgruppe.
Prospektive offene Studie
Ergebnis
Symptomreduktion (Herzfrequenz)
Evidenzgrad
Niedrig
Tierexperimentelle Studie
Ergebnis
Kardiovaskuläre Wirkung ohne Hormonveränderung
Evidenzgrad
Präklinisch
Post-Marketing-Studie
Ergebnis
Gute Verträglichkeit, hohe Responderrate
Evidenzgrad
Niedrig
Die Wirkung scheint primär auf einer Linderung der peripheren Symptome zu beruhen, weniger auf einer direkten Beeinflussung der Schilddrüsenhormonproduktion. In den offiziellen AWMF-Leitlinien zur Behandlung der Hyperthyreose findet Wolfstrapp keine Erwähnung [6]. Aus schulmedizinischer Sicht wird er daher als komplementäre, nicht als alternative Behandlungsoption eingestuft.
Praxisbox: Anwendung von Wolfstrapp
- Dosierung: Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 0,2–2 g des getrockneten Krauts oder 40 mg standardisierter Extrakt (z.B. ThyreoLoges® comp) [7]
- Einschleichen und Ausschleichen: Die Therapie sollte mit einer niedrigen Dosis beginnen und am Ende schrittweise reduziert werden, um einen Rebound-Effekt zu vermeiden
- Ärztliche Begleitung: Die Anwendung sollte immer mit einem Arzt abgesprochen werden, da eine individuelle Dosierung erforderlich ist
- Diagnostik: Wolfstrapp kann die Schilddrüsendiagnostik (z.B. Szintigraphie) beeinträchtigen – vor Untersuchungen Arzt informieren
Sicherheitsbox: Wichtige Hinweise
- Kontraindikationen: Nicht anwenden bei Schilddrüsenunterfunktion, Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Schilddrüsenvergrößerung ohne Funktionsstörung [8]
- Wechselwirkungen: Mögliche Interaktionen mit Thyreostatika, Schilddrüsenhormonen (Levothyroxin) und Antidiabetika
- Langzeitanwendung: Die Langzeitsicherheit ist nicht ausreichend erforscht; bei längerer Anwendung kann eine Vergrößerung der Schilddrüse auftreten
- Abruptes Absetzen vermeiden: Kann die Symptome verschlechtern
Fazit
Wolfstrapp stellt eine interessante komplementäre Option für Menschen mit leichter Schilddrüsenüberfunktion dar, die ihre Symptome auf pflanzlicher Basis lindern möchten. Die traditionelle Anwendung wird durch erste wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt, die eine Wirkung insbesondere auf vegetative Symptome wie Herzrasen nahelegen. Die Evidenzlage ist jedoch begrenzt, und qualitativ hochwertige klinische Studien fehlen. Wolfstrapp kann die schulmedizinische Behandlung ergänzen, aber nicht ersetzen. Eine ärztliche Begleitung ist unerlässlich, um Wechselwirkungen zu vermeiden und die richtige Diagnose sicherzustellen. Die drei Säulen der schulmedizinischen Therapie – Thyreostatika, Radiojodtherapie und Operation – bleiben der Goldstandard bei behandlungsbedürftiger Hyperthyreose.
FAQs – Häufige Fragen zu Wolfstrapp bei Schilddrüsenüberfunktion
Wie schnell wirkt Wolfstrapp bei Schilddrüsenüberfunktion? Eine Besserung der vegetativen Symptome wie Herzrasen kann innerhalb weniger Wochen eintreten. Die volle Wirkung entfaltet sich meist nach 4–12 Wochen regelmäßiger Einnahme.
Kann ich Wolfstrapp zusammen mit Thyreostatika einnehmen? Die gleichzeitige Einnahme wird nicht empfohlen, da sich die Wirkungen addieren können. Sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt, bevor Sie Wolfstrapp zusätzlich zu verschriebenen Medikamenten einnehmen.
Ist Wolfstrapp bei Morbus Basedow geeignet? Bei Morbus Basedow kann Wolfstrapp theoretisch die Bindung von Autoantikörpern hemmen. Die Evidenz ist jedoch begrenzt, und eine schulmedizinische Behandlung bleibt erforderlich.
Welche Nebenwirkungen hat Wolfstrapp? Wolfstrapp gilt als gut verträglich. Selten treten allergische Reaktionen oder Magen-Darm-Beschwerden auf. Bei längerer Anwendung kann eine Schilddrüsenvergrößerung auftreten.
Wo kann ich Wolfstrapp kaufen? Wolfstrapp ist als Fertigpräparat in Apotheken erhältlich. Auch getrocknetes Kraut für Tee oder Tinkturen wird angeboten. Achten Sie auf standardisierte Extrakte mit definiertem Wirkstoffgehalt.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.
Quellen & Forschungsstand
- Naturheilkunde Berlin: Wolfstrapp (Lycopus europaeus). https://www.naturheilkunde-berlin.eu/lexikon/wolfstrapp-lycopus-europaeus/
- Auf’mkolk M, Ingbar JC, Kubota K, et al. Extracts and auto-oxidized constituents of certain plants inhibit the receptor-binding and the biological activity of Graves‘ immunoglobulins. Endocrinology. 1985;116(5):1687-1693.
- Beer AM, Wiebelitz KR, Schmidt-Gayk H. Lycopus europaeus (Gypsywort): effects on the thyroidal parameters and symptoms associated with thyroid function. Phytomedicine. 2008;15(1-2):16-22. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18083505/
- Vonhoff C, Baumgartner A, Jeker L, et al. Extract of Lycopus europaeus L. reduces cardiac signs of hyperthyroidism in rats. Life Sci. 2006;78(10):1063-1070. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16182315/
- Eiling R, Wieland V, Niestroj I. Besserung der Symptome einer leichten Schilddrüsenüberfunktion mit einem Extrakt aus Wolfstrappkraut (Lycopus europaeus L.). Wien Med Wochenschr. 2013;163(3-4):95-101. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23247973/
- AWMF-Leitlinie „Operative Therapie benigner Schilddrüsenerkrankungen“ (Registernummer 088-007), Version 5.0, Stand: 05.12.2021.
- PTA heute: Wolfstrapp – Einfluss auf die Schilddrüse. https://www.ptaheute.de/serien/heimische-heilpflanzen/wolfstrapp-einfluss-auf-die-schilddruese
- Drugs.com: Bugleweed. https://www.drugs.com/npp/bugleweed.html