Wechseljahre – Ende oder Übergang?

„Wechseljahre“ enthält bereits eine Bewegung: Etwas verändert sich, aber das Wort sagt nicht, was aus einem Menschen wird. Im Alltag klingt trotzdem oft eine andere Erzählung mit – nachlassende Hormone, nachlassende Leistungsfähigkeit, nachlassende Weiblichkeit. Zwischen einem körperlichen Vorgang und der Geschichte, die wir über ihn erzählen, liegt ein Unterschied.

Der Gedanke

Das Bild der Wechseljahre als Mangelzustand hat eine Geschichte. In den 1960er-Jahren behauptete der Gynäkologe Robert Wilson, Frauen verlören durch unbehandelte Wechseljahre ihre Weiblichkeit; in seinem viel gelesenen Buch von 1966 beschrieb er die Wechseljahre als Krankheit, verursacht durch einen Mangel am Geschlechtshormon Östrogen [1]. Dass sich die Hormonlage verändert, ist real. Doch daraus folgt nicht, dass eine ganze Lebensphase nur als Defizit verstanden werden muss oder jede Frau dieselben Beschwerden haben wird.

Der erste Beitrag einer vierteiligen Serie zur Menopause in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet stellte 2024 dem reinen Mangelbild eine andere Sichtweise gegenüber: Wie Frauen die Wechseljahre erleben, hängt nicht nur von körperlichen Beschwerden ab, sondern auch von seelischen, sozialen und alltäglichen Lebensumständen [2]. Daraus lässt sich eine Möglichkeit ableiten, keine Pflicht zum Optimismus: Frauen können mitentscheiden, welche Hilfe sie nutzen und wie sie diese Lebensphase verstehen, ohne für ihre Beschwerden verantwortlich gemacht zu werden. Ein Übergang kann belastend sein und dennoch mehr bedeuten als einen Verlust.

Auch die Evolutionsbiologie bietet eine Deutung an, die dem Bild vom bloßen Ende widerspricht. Die sogenannte Großmutter-Hypothese besagt: Ältere Frauen könnten ihre Enkel mit Nahrung versorgt und es ihren Töchtern dadurch ermöglicht haben, mehr Kinder zu bekommen. Die Jahre nach der Fruchtbarkeit wären dann kein Rest, sondern ein Teil des Ganzen [9]. Das ist eine Erklärungsidee, kein gesicherter Befund; sie erinnert aber daran, dass Frauen nach den Wechseljahren seit den Anfängen des modernen Menschen zu menschlichen Gemeinschaften gehören [3].

Was die Forschung dazu sagt

Die Anthropologin Margaret Lock verglich Befragungen in Japan mit Erhebungen in Nordamerika. Japanische Teilnehmerinnen berichteten seltener von Hitzewallungen und Nachtschweiß; auch die Bedeutung der Lebensphase unterschied sich [3]. Das ist keine Aussage über „die japanische Frau“ und erst recht kein Beleg, dass eine bestimmte Einstellung Beschwerden verhindert.

Eine spätere Untersuchung in Japan zeigt, wie vorsichtig solche Vergleiche zu lesen sind. Gut die Hälfte der Frauen in der späten Übergangsphase berichtete von Hitzewallungen oder Nachtschweiß. Über zwei Jahrzehnte waren die Angaben gestiegen, lagen aber weiterhin unter denen westlicher Bevölkerungen. Wie häufig Frauen Hitzewallungen angaben, hing vom Wort ab, mit dem danach gefragt wurde [4]. Was eine Statistik sichtbar macht, hängt also auch davon ab, wie gefragt wird. Ernährung, Lebensumstände und körperliche Unterschiede lassen sich ebenfalls nicht einfach herausrechnen [3] [4].

Auch innerhalb der USA gibt es Unterschiede. In der mehrjährigen SWAN-Studie (Study of Women’s Health Across the Nation) berichteten Schwarze Teilnehmerinnen häufiger von Hitzewallungen und Nachtschweiß als weiße Teilnehmerinnen. Bei den übrigen Unterschieden zwischen den untersuchten Gruppen blieb das Bild unklar, sobald weitere Einflüsse mit einbezogen wurden. Am engsten hing die Häufigkeit der Beschwerden mit der Phase der hormonellen Umstellung zusammen [5]. Aus der Studie lässt sich weder ableiten, dass solche Unterschiede biologisch festgelegt sind, noch dass Kultur sie allein erklärt.

Ein systematischer Überblick fand in den meisten untersuchten Arbeiten einen Zusammenhang zwischen negativeren Einstellungen und mehr berichteten Beschwerden [6]. In fast allen diesen Studien wurde allerdings nur einmal erfasst, wie die Frauen über die Wechseljahre dachten und welche Beschwerden sie hatten. Deshalb bleibt offen, was Ursache und was Folge ist: Erwartungen könnten das Erleben beeinflussen, belastende Symptome könnten die Einstellung verändern, oder beides wirkt zusammen. Wer schlecht schläft und wiederholt Hitzewallungen erlebt, denkt möglicherweise gerade deshalb anders über die Wechseljahre; der Zusammenhang kann also auch in diese Richtung verlaufen.

In einer Studie mit zufälliger Gruppenzuteilung fühlten sich Frauen nach einer speziell auf die Wechseljahre zugeschnittenen kognitiven Verhaltenstherapie durch Hitzewallungen und Nachtschweiß weniger belastet als Frauen ohne Behandlung [7]. Diese Therapie arbeitet mit Gedanken und Reaktionen auf Belastungen; das Ergebnis macht die körperlichen Symptome nicht unwirklich. Die britische NICE-Leitlinie führt sie als mögliche Option auf, auch ergänzend zu einer Hormontherapie [8]. Nutzen und Risiken der Hormontherapie behandelt der Leitartikel „Hormontherapie in den Wechseljahren: Was sich an der Bewertung geändert hat“; dieser Blickwechsel bewertet keine Behandlungen.

Evidenz-Kompass

Belegt: Körperliche Veränderungen und Lebensumstände prägen das Erleben; Kulturvergleiche zeigen Unterschiede in berichteten Beschwerden [2] [3] [5].

Umstritten: Wie viel des Zusammenhangs zwischen Einstellung und Beschwerden auf Erwartungen zurückgeht und wie viel auf die Beschwerden selbst, ist nicht geklärt [6].

Offen: Welche Sprache die tatsächliche Vielfalt abbildet, ohne Leid zu verharmlosen oder einen Mangel zur ganzen Identität zu machen.

Die offene Frage

Vielleicht liegt der Blickwechsel nicht darin, „positiv“ über die Wechseljahre zu denken, sondern mehrere Erfahrungen zugleich gelten zu lassen. Wer leidet, braucht ernsthafte Unterstützung; wer wenig Beschwerden hat, muss keinen Mangel in sich suchen. Welche Worte für diese Lebensphase lassen beides zu, ohne einer Frau vorzuschreiben, was sie empfinden soll?

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Houck JA. “What Do These Women Want?” Feminist Responses to Feminine Forever, 1963–1980. Bulletin of the History of Medicine. 2003;77(1):103–132. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12649555/
  2. Hickey M et al. An empowerment model for managing menopause. The Lancet. 2024;403(10430):947–957. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38458214/
  3. Lock M. Menopause: lessons from anthropology. Psychosomatic Medicine. 1998;60(4):410–419. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9710286/
  4. Melby MK. Vasomotor symptom prevalence and language of menopause in Japan. Menopause. 2005;12(3):250–257. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15879913/
  5. Gold EB et al. Longitudinal analysis of the association between vasomotor symptoms and race/ethnicity across the menopausal transition: Study of Women’s Health Across the Nation. American Journal of Public Health. 2006;96(7):1226–1235. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1483882/
  6. Ayers B, Forshaw M, Hunter MS. The impact of attitudes towards the menopause on women’s symptom experience: A systematic review. Maturitas. 2010;65(1):28–36. https://doi.org/10.1016/j.maturitas.2009.10.016
  7. Ayers B, Smith M, Hellier J, Mann E, Hunter MS. Effectiveness of group and self-help cognitive behavior therapy in reducing problematic menopausal hot flushes and night sweats (MENOS 2): a randomized controlled trial. Menopause. 2012;19(7):749–759. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22336748/
  8. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Menopause: identification and management. NICE guideline NG23. 2015, aktualisiert November 2024. https://www.nice.org.uk/guidance/ng23/chapter/recommendations
  9. Hawkes K, O’Connell JF, Blurton Jones NG, Alvarez H, Charnov EL. Grandmothering, menopause, and the evolution of human life histories. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA. 1998;95(3):1336–1339. https://doi.org/10.1073/pnas.95.3.1336