Krank zur Arbeit?

Krank zur Arbeit oder krank im Homeoffice? Was Forschung über Präsentismus, spätere Ausfälle und Ansteckung zeigt – ohne Schuldzuweisungen.

Neben der Tastatur liegt ein zerknülltes Taschentuch, auf dem Bildschirm beginnt die nächste Videokonferenz. Die Kamera bleibt aus, die Teetasse ist warm, und aus „nur kurz die Mails“ wird ein Arbeitstag.

Mit einem akuten Atemwegsinfekt krank zur Arbeit zu gehen, ist keine vernünftige Standardlösung: Das Robert Koch-Institut empfiehlt, drei bis fünf Tage und bis zur deutlichen Besserung zu Hause zu bleiben und direkte Kontakte möglichst zu vermeiden [1]. Homeoffice verhindert zwar den Kontakt im Büro, ist aber nicht automatisch Erholung. Bei anderen Erkrankungen lässt sich Arbeitsfähigkeit nicht allein daran erkennen, ob jemand den Laptop aufklappen kann.

Der Gedanke

Vielleicht beginnt der Blickwechsel damit, Kranksein nicht als Prüfung der eigenen Belastbarkeit zu betrachten. Wer trotz Krankheit arbeitet, zeigt nicht automatisch besondere Stärke; wer ausfällt, nicht mangelnde Verbundenheit. Dahinter stehen häufig verschiedene Bedürfnisse, die gleichzeitig berechtigt erscheinen: den eigenen Körper ernst nehmen, das Team nicht zusätzlich belasten und eine Aufgabe zu Ende bringen.

Präsentismus, also Arbeiten trotz Krankheit, entsteht deshalb nicht einfach durch eine persönliche Entscheidung unabhängig von den Umständen. Eine große Meta-Analyse, die Ergebnisse vieler Studien zusammenführt, verbindet ihn sowohl mit hoher Arbeitsbelastung und knapper Besetzung als auch mit Arbeitszufriedenheit und Bindung an den Betrieb [2]. Verantwortungsgefühl und Leistungsdruck können also zur gleichen Entscheidung beitragen, obwohl sie sich sehr unterschiedlich anfühlen.

Für Selbstständige kann ein ausgefallener Arbeitstag zugleich ein fehlender Einnahmetag sein. Das ist ein nachvollziehbarer Druck, keine Charakterfrage. Auch in der Meta-Analyse hängen finanzielle Sorgen mit Präsentismus zusammen [2]; Selbstständige wurden dort allerdings nicht eigens untersucht. Umgekehrt sind Arbeitgeber und Führungskräfte nicht automatisch die Verursacher jedes kranken Arbeitstags.

Was die Forschung dazu sagt

Homeoffice verändert diese Abwägung. Eine Untersuchung mit mehreren Teilstudien zeigte: Beschäftigte erwarteten beim kranken Arbeiten zu Hause weniger Schuldgefühle als beim Ausruhen; tatsächlich erlebten sie dabei gleich starke oder sogar stärkere Schuldgefühle [3]. Der vermeintliche Kompromiss kann das innere Ziehen zwischen Arbeit und Gesundheit also bestehen lassen.

Wie solche Abwägungen in Deutschland ausfallen, untersucht die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit erfundenen Alltagssituationen [4], die Befragte beurteilen, auch zum kranken Arbeiten im Homeoffice. Veröffentlicht ist bisher der Bericht über das Vorgehen; über Folgen für die Genesung sagt er nichts.

Für die Betroffenen selbst weist eine systematische Übersicht über Langzeitstudien überwiegend in eine ungünstige Richtung: Krankes Arbeiten hing mit späterer Arbeitsunfähigkeit und schlechter eingeschätzter Gesundheit zusammen [5]. Eine darin berücksichtigte schwedische Untersuchung fand bei Menschen, die wiederholt krank gearbeitet hatten, auch häufiger längere spätere Fehlzeiten [6]. Das sind Zusammenhänge, keine Beweise dafür, dass der einzelne Arbeitstag den späteren Ausfall verursacht hat; der vorherige Gesundheitszustand und die Arbeitsbedingungen spielen ebenfalls mit hinein.

Bei Infekten kommt etwas hinzu, das über die eigene Belastbarkeit hinausgeht. Eine Übersicht zur Influenza, der echten Grippe, beschreibt den Arbeitsplatz als relevanten Übertragungsort [7]. Ihre Schätzungen zur dortigen Ansteckung beruhen allerdings vor allem auf Modellrechnungen, nicht auf einer direkten Zählung der von kranken Beschäftigten angesteckten Personen. Die eigene Fähigkeit, weiterzuarbeiten, sagt jedenfalls nichts darüber aus, ob andere dabei geschützt sind.

Eine weitere Meta-Analyse verbindet gedankliches Abschalten nach der Arbeit mit weniger Erschöpfung und besserem Schlaf [8]. Sie untersucht Erholung von Arbeitsbelastung, nicht die Heilungsdauer einer Erkältung. Aus energiemedizinischer Sicht gehören Ruhe, Rhythmus und Erholung zur Gesundheit dazu. Gemeint ist hier eine Haltung, keine Behandlung: Erholung bekommt einen Platz neben Leistung, ohne dass ihr eine besondere Heilwirkung zugeschrieben wird.

Als Deutung legt das nahe, nicht nur den kranken Menschen anzusehen, sondern auch die Bedingungen, unter denen eine Pause möglich erscheint. Darum geht es auch im Beitrag „Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz: Wenn Leistung auf Erschöpfung trifft“. Erholung wäre dann nicht bloß Privatsache, sondern etwas, das im Arbeitsalltag mitgedacht wird.

Die offene Frage

Zwischen „Ich schaffe das noch“ und „Ohne mich bleibt alles liegen“ liegt oft mehr als eine medizinische Einschätzung. Welche Bedeutung hätte Kranksein in Ihrem Arbeitsalltag, wenn eine Pause weder als mangelnder Einsatz noch als stillschweigende Pflicht zum Weiterarbeiten zu Hause verstanden würde?

Evidenz-Kompass

  • Belegt: Persönliche Motivation und Arbeitsbedingungen hängen mit Präsentismus zusammen; wiederholtes krankes Arbeiten ist mit späteren Ausfällen verbunden.
  • Umstritten: Die pauschale Annahme, jeder kranke Arbeitstag sei schädlich, geht über die Daten hinaus; Erkrankung, Tätigkeit und Belastung unterscheiden sich.
  • Offen: Wie stark krankes Arbeiten selbst spätere Ausfälle verursacht und welches Maß angepasster Arbeit im Einzelfall vertretbar ist, lässt sich nicht pauschal bestimmen. Belastbare Studien zu energiemedizinischen oder anderen komplementären Ansätzen bei dieser Frage fanden sich bei der Recherche nicht.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Robert Koch-Institut. Surveillance akuter Atemwegserkrankungen. RKI, Abschnitt „Um sich und andere vor Ansteckung durch Atemwegserreger zu schützen“, Stand 15.09.2026. 2026. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/ARE-Surveillance/ARE_gesamt.html
  2. Miraglia, Mariella; Johns, Gary. Going to work ill: A meta-analysis of the correlates of presenteeism and a dual-path model. Journal of Occupational Health Psychology, 21(3), 261–283. 2016. https://doi.org/10.1037/ocp0000015
  3. Brosi, Prisca; Gerpott, Fabiola H. Stayed at home—But can’t stop working despite being ill?! Guilt as a driver of presenteeism at work and home. Journal of Organizational Behavior, 44(6), 853–870. 2023; online zuerst 2022. https://doi.org/10.1002/job.2601
  4. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Faktorieller Survey zum Präsentismusverhalten 2024: Methodenbericht. baua: Bericht, 1. Auflage, Dortmund, Projekt F 2561. 2025. https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2561
  5. Skagen, Kristian; Collins, Alison Mary. The consequences of sickness presenteeism on health and wellbeing over time: A systematic review. Social Science & Medicine, 161, 169–177. 2016. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2016.06.005
  6. Bergström, Gunnar; Bodin, Lennart; Hagberg, Jan; Aronsson, Gunnar; Josephson, Malin. Sickness presenteeism today, sickness absenteeism tomorrow? A prospective study on sickness presenteeism and future sickness absenteeism. Journal of Occupational and Environmental Medicine, 51(6), 629–638. 2009. https://doi.org/10.1097/JOM.0b013e3181a8281b
  7. Edwards, Christina Hansen; Tomba, Gianpaolo Scalia; de Blasio, Birgitte Freiesleben. Influenza in workplaces: transmission, workers’ adherence to sick leave advice and European sick leave recommendations. European Journal of Public Health, 26(3), 478–485. 2016. https://doi.org/10.1093/eurpub/ckw031
  8. Wendsche, Johannes; Lohmann-Haislah, Andrea. A Meta-Analysis on Antecedents and Outcomes of Detachment from Work. Frontiers in Psychology, 7, 2072. 2017. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.02072