Was heißt eigentlich „natürlich”?

Auf einer Packung steht „natürlich“, daneben ist ein Blatt abgebildet. Das Wort scheint schon vor dem Lesen der Zutatenliste etwas zu versprechen: weniger Eingriff, mehr Vertrauen. Im Apothekenglas und im Supermarktregal kann es dasselbe Gefühl wecken – obwohl es dort Verschiedenes bezeichnet.

Der Gedanke

„Natürlich“ ist eine Herkunftsbeschreibung, kein Urteil über die Folgen. Ein Stoff kann aus einer Pflanze stammen und dennoch stark wirken; ein künstlich hergestellter Stoff kann im passenden Zusammenhang gut geprüft und verträglich sein. Wer „natürlich gleich sicher“ setzt, verwechselt deshalb eine Eigenschaft der Herstellung mit einer Eigenschaft der Anwendung. Ebenso wenig beweist die Herkunft, dass etwas gegen eine bestimmte Beschwerde hilft. Sicherheit und Wirksamkeit brauchen eigene Fragen.

Bei Lebensmitteln gilt zumindest: Auch freiwillige Angaben auf Verpackungen dürfen nach europäischem Recht weder irreführend noch missverständlich sein [1]. Das macht das Wort aber noch nicht zum Gütesiegel für Gesundheit. „Natürlich“ kann sich auf eine Zutat, eine Verarbeitung oder ein gewünschtes Lebensgefühl beziehen. Was genau gemeint ist, bleibt im Vorbeigehen oft offen; das Bild vom Blatt beantwortet die Frage nicht.

Das ist kein Einwand gegen die Naturheilkunde. In der Kneipp-Therapie, einem klassischen naturheilkundlichen Ansatz, stehen Heilpflanzen neben Bewegung, Ernährung, Wasseranwendungen und der Gestaltung des Lebensrhythmus [2]. Wer unter Naturheilkunde nur Pflanzenpräparate versteht, übersieht, dass es auch um Gewohnheiten und Lebensbedingungen geht. Die einzelnen Verfahren verdienen dabei jeweils eine eigene Prüfung: Ein Spaziergang, eine Ernährungsumstellung und die Einnahme eines konzentrierten Extrakts sind nicht dieselbe Art von Eingriff.

Als Deutung könnte „natürlich“ daher eine Haltung bezeichnen: aufmerksam für den eigenen Alltag, für das Maß einer Maßnahme und für die Umgebung, in der Gesundheit entsteht. Das ist ein möglicher Sinn des Wortes, kein medizinischer Wirkungsnachweis. Gerade wer Naturheilkunde ernst nimmt, muss sie nicht dadurch schützen, dass jede pflanzliche Zutat als harmlos gilt.

Was die Forschung dazu sagt

In psychologischen Experimenten bevorzugten Teilnehmende häufig als natürlich beschriebene Arzneien, obwohl die beschriebenen Alternativen hinsichtlich Wirksamkeit und Nebenwirkungen gleich waren. Die natürliche Variante wurde oft für sicherer gehalten [3]. Die Studie erfasste Entscheidungen in erfundenen Situationen und mit nicht repräsentativen Stichproben; sie zeigt einen Denkreflex, nicht, wie sich Menschen im Behandlungsalltag tatsächlich entscheiden oder wie sicher ein Mittel wirklich ist.

Dass pflanzlich nicht gleich harmlos ist, lässt sich konkret, aber ohne Alarmismus zeigen. Die europäische Arzneimittelbehörde wies bereits im Jahr 2000 für Johanniskraut auf Wechselwirkungen hin, durch die die Wirkung anderer Arzneimittel nachlassen kann [4]. Das Bundesinstitut für Risikobewertung erklärt außerdem, dass bestimmte natürliche Pflanzenstoffe, die Pyrrolizidinalkaloide, als Verunreinigung in Kräutern oder Tee vorkommen und in hohen Dosen die Leber schädigen können. Zugleich berichtet es, dass die Gehalte dieser Stoffe in Tee und Kräutertee bereits gesunken sind [5]. Solche Beispiele sagen nichts gegen sämtliche Heilpflanzen aus. Sie sagen etwas gegen den Schluss von der Herkunft auf die Unbedenklichkeit.

Auch die andere Seite verdient Genauigkeit. Menschen verbinden Naturerleben mit Ruhe und Wohlbefinden; Untersuchungen finden Zusammenhänge zwischen grüner Umgebung und psychischer Gesundheit. In einer großen Untersuchung aus Wales zeigte sich bei Veränderungen des Grüns am Wohnort jedoch kein klarer Effekt auf die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe wegen häufiger psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Erfasst wurde vor allem die Wohnumgebung, nicht jede persönliche Erfahrung im Grünen [6]. Daraus folgt weder, dass ein Waldweg eine Behandlung ersetzt, noch, dass Naturerleben bedeutungslos wäre.

Evidenz-Kompass

  • Belegt: Die Bezeichnung „natürlich“ beeinflusste in Experimenten die Arzneimittelwahl; für Johanniskraut sind Wechselwirkungen behördlich beschrieben [3] [4].
  • Umstritten: Wie viel einer beobachteten Verbindung zwischen grüner Umgebung und seelischer Gesundheit tatsächlich auf die Umgebung selbst zurückgeht, ist nicht abschließend geklärt [6].
  • Offen: Was Menschen im Einzelfall meinen, wenn sie eine Maßnahme „natürlich“ nennen – ihre Herkunft, ihre Verträglichkeit oder ihre Rolle im eigenen Leben.

Die offene Frage

Das Wort kann eine sinnvolle Erinnerung daran sein, Gesundheit nicht auf ein Präparat zu verkürzen. Zugleich taugt es nicht als Abkürzung für einen Nachweis von Sicherheit oder Wirkung. Welche Vorstellung von „natürlich“ hilft, genauer hinzusehen, statt das Urteil schon vorwegzunehmen?

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Europäisches Parlament und Rat. Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel, Artikel 7 und 36. Amtsblatt der Europäischen Union. 2011. https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2011/1169/oj/deu
  2. Ehnert L, Geiser C. Was ist gesichert in der Kneipp-Therapie? Die internistische Sicht. Die Innere Medizin. 2022. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9645348/
  3. Ji L-J, Lappas CM, Wang X-Q, Meier BP. The Naturalness Bias Influences Drug and Vaccine Decisions across Cultures. Medical Decision Making. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9827494/
  4. European Agency for the Evaluation of Medicinal Products (EMEA). Public Statement on the risk of drug interactions with Hypericum perforatum (St John’s Wort) and antiretroviral medicinal products. EMEA. 2000. https://www.ema.europa.eu/en/news/public-statement-risk-drug-interactions-hypericum-perforatum-st-johns-wort-antiretroviral-medicinal-products
  5. Bundesinstitut für Risikobewertung. Fragen und Antworten zu Pyrrolizidinalkaloiden in Lebensmitteln. Aktualisierte FAQ des BfR vom 16. Dezember 2022. BfR. 2022. https://www.bfr.bund.de/cm/343/fragen-und-antworten-zu-pyrrolizidinalkaloiden-in-lebensmitteln.pdf
  6. Geary RS, Thompson DA, Garrett JK et al. Green–blue space exposure changes and impact on individual-level well-being and mental health: a population-wide dynamic longitudinal panel study with linked survey data. NIHR Public Health Research. 2023. https://www.journalslibrary.nihr.ac.uk/phr/LQPT9410