Die Aura sehen lernen: Ein Weg zur Wahrnehmung des menschlichen Energiefeldes?

Die Vorstellung, die menschliche Aura – ein leuchtendes Energiefeld, das den Körper umgibt – sehen zu können, fasziniert seit jeher. Doch ist es wirklich möglich, diese feinstoffliche Hülle bewusst wahrzunehmen und zu interpretieren? Dieser Artikel beleuchtet, was hinter dem Konzept der Aura steckt, welche wissenschaftlichen Erklärungen es für das Phänomen gibt und bietet eine Anleitung mit praktischen Übungen, um die eigene Wahrnehmung für das menschliche Energiefeld zu schulen.

Was ist die Aura?

In vielen spirituellen und esoterischen Traditionen wird die Aura als ein feinstoffliches Energiefeld beschrieben, das jeden lebenden Organismus umgibt und durchdringt. Sie wird oft als mehrschichtige, farbige Lichtwolke visualisiert, deren Zustand und Erscheinungsbild eng mit der physischen, emotionalen und geistigen Verfassung eines Individuums verknüpft sein soll. In diesem Verständnis fungiert die Aura als eine Art Resonanzkörper, der Informationen über Gesundheit, Persönlichkeit und seelisches Befinden widerspiegelt. Konzepte wie die Chakren, die als Energiezentren im Körper gelten, sind eng mit der Vorstellung der Aura verbunden, da sie als Knotenpunkte dieses Energiefeldes betrachtet werden. Praktiken der Energiearbeit zielen darauf ab, Blockaden in diesem System zu lösen und den harmonischen Fluss der Lebensenergie wiederherzustellen, was sich wiederum positiv auf das Wohlbefinden auswirken soll. Insbesondere im Kontext der Männergesundheit wird die Pflege des eigenen Energiefeldes oft als wichtiger Baustein zur Stärkung des Immunsystems und zur Förderung eines ganzheitlichen Gleichgewichts betrachtet.

Was zeigt die Evidenz?

Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine belastbaren Beweise für die Existenz einer Aura als metaphysisches, mit dem Auge wahrnehmbares Energiefeld. Die Forschung bietet jedoch interessante Erklärungsansätze für die Phänomene, die Menschen als Aura-Wahrnehmung beschreiben. Diese lassen sich im Wesentlichen in zwei Kategorien einteilen: physiologische und neurologische Ursachen.

Eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen führt die angebliche Sichtung von Auren auf natürliche, aber oft fehlinterpretierte Funktionen des menschlichen visuellen Systems zurück. Ein Übersichtsartikel von Tim Duerden (2004) in der Fachzeitschrift Complementary Therapies in Nursing and Midwifery legt dar, wie optische Illusionen als Beweis für die Wahrnehmung von „vitaler Energie“ missverstanden werden können [1]. Dazu gehören Phänomene wie Farbnachbilder, bei denen das Betrachten einer Farbe für längere Zeit ein Nachbild in der Komplementärfarbe erzeugt, oder der sogenannte „flying corpuscle effect“, bei dem man die Bewegung weißer Blutkörperchen in den Kapillaren vor der eigenen Netzhaut als tanzende Lichtpunkte wahrnehmen kann. Diese Effekte sind rein physiologisch und stellen keine Wahrnehmung eines externen Energiefeldes dar.

Ein weiterer, bedeutender Erklärungsansatz liegt im neurologischen Phänomen der Synästhesie. Eine Studie der Universität Granada aus dem Jahr 2012, veröffentlicht in Consciousness and Cognition, zeigte, dass viele Personen, die von sich behaupten, Auren zu sehen – darunter auch sogenannte Heiler –, tatsächlich Synästheten sind [2]. Bei Synästhesie kommt es zu einer zusätzlichen Verknüpfung zwischen verschiedenen Hirnarealen, die normalerweise getrennt arbeiten. Dies kann dazu führen, dass beispielsweise Gesichter oder Personen automatisch mit einer bestimmten Farbe assoziiert werden (Gesicht-Farb-Synästhesie). Für die betroffene Person ist diese Wahrnehmung real, sie ist jedoch das Ergebnis einer besonderen Gehirnverdrahtung und nicht die Sichtung eines objektiven Energiefeldes. Die Forscher schlussfolgern, dass es sich hierbei um eine „subjektive und geschmückte Wahrnehmung der Realität“ handelt, nicht um eine übersinnliche Fähigkeit.

Parallel dazu etabliert sich in der Forschung der Begriff des Biofeldes (Biofield). Ein vom US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) gefördertes Komitee definierte das Biofeld bereits 1992 als ein „masseloses Feld, nicht notwendigerweise elektromagnetisch, das lebende Körper umgibt und durchdringt und den Körper beeinflusst“ [3]. Dieses Konzept soll eine Brücke zwischen traditionellen Heilmethoden und der modernen Wissenschaft schlagen. Es wird anerkannt, dass lebende Organismen messbare elektromagnetische Felder erzeugen, wie das EKG des Herzens oder das EEG des Gehirns zeigen. Diese Felder sind jedoch nicht mit der farbenfrohen, vielschichtigen Aura der esoterischen Lehren gleichzusetzen. Die Biofeld-Wissenschaft ist ein junges, aufstrebendes Feld, das die Grundlagen der biologischen Regulation untersucht, aber bisher keine klinische Evidenz für die therapeutische Wirksamkeit von Behandlungen liefert, die auf der Beeinflussung dieses Feldes basieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Während die subjektive Erfahrung, eine Aura zu sehen, für manche Menschen eine Realität ist, deutet die aktuelle wissenschaftliche Evidenz darauf hin, dass diese Wahrnehmungen auf bekannten physiologischen und neurologischen Prozessen beruhen. Ein objektiver Nachweis für die Existenz der Aura im spirituellen Sinne steht aus.

Praxisbox: Erste Schritte zur Wahrnehmungsschulung

Wer die eigene Wahrnehmung für feinstoffliche Energien schulen möchte, kann dies mit einfachen, sicheren Übungen tun. Geduld und eine entspannte Haltung sind dabei wichtiger als der zwanghafte Versuch, etwas Bestimmtes zu sehen.

  • Peripheres Sehen nutzen: Fixieren Sie einen Punkt leicht über oder neben einem Objekt oder einer Person vor einem neutralen Hintergrund (z. B. eine weiße Wand). Versuchen Sie, mit dem peripheren Blickfeld die Ränder des Objekts wahrzunehmen, ohne die Augen direkt darauf zu richten.
  • Hand-Übung: Halten Sie Ihre beiden Zeigefinger vor einem neutralen Hintergrund etwa einen Zentimeter voneinander entfernt. Entspannen Sie Ihre Augen und blicken Sie auf den Zwischenraum. Mit etwas Übung kann ein feiner, nebliger Saum um die Finger sichtbar werden.
  • Achtsamkeit und Körpergefühl stärken: Regelmäßige Achtsamkeitsübungen oder Meditation können die allgemeine Sensibilität für subtile Reize erhöhen. Dies stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern fördert auch die Fähigkeit, innere und äußere Energiezustände besser zu spüren.
  • Naturbeobachtung: Beobachten Sie Pflanzen oder Bäume vor dem hellen Himmel. Oft lassen sich hier durch peripheres Sehen leichter erste Eindrücke von Energiefeldern gewinnen, da die optischen Effekte deutlicher hervortreten.

Sicherheitsbox: Risiken und verantwortungsvoller Umgang

Obwohl die Übungen zur Wahrnehmungsschulung als sicher gelten, ist bei intensiveren spirituellen Praktiken Vorsicht geboten. Die Forschung zu Meditation zeigt, dass unerwartete und belastende psychische Effekte auftreten können.

  • Psychische Stabilität: Personen mit einer Vorgeschichte von psychischen Erkrankungen (z. B. Psychosen, schwere Angststörungen, Traumata) sollten von intensiven, unbegleiteten Übungen absehen und vorab ärztlichen oder therapeutischen Rat einholen.
  • Keine Heilversprechen: Die Wahrnehmung von Auren oder Energiefeldern ist kein diagnostisches Werkzeug und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden ist immer ein Arzt oder eine Ärztin zu konsultieren.
  • Realistische Erwartungen: Setzen Sie sich nicht unter Druck. Die beschriebenen Phänomene sind oft subtil und können auf optischen Täuschungen oder neurologischen Besonderheiten wie Synästhesie beruhen. Frustration oder das Gefühl des Versagens sind kontraproduktiv.
  • Professionelle Begleitung suchen: Sollten während oder nach den Übungen beunruhigende Erfahrungen wie Angst, Panikattacken oder Wahnvorstellungen auftreten, brechen Sie die Praxis ab und wenden Sie sich an eine Fachperson (z. B. Psychotherapeut, Psychiater) oder eine spezialisierte Beratungsstelle.

Fazit: Eine Frage der Perspektive

Die Frage, ob man lernen kann, die Aura zu sehen, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Die wissenschaftliche Evidenz deutet stark darauf hin, dass die wahrgenommenen Phänomene auf natürlichen optischen und neurologischen Prozessen wie der Synästhesie beruhen und nicht auf der Existenz eines objektiv sichtbaren Energiefeldes. Dennoch kann die Beschäftigung mit der eigenen Wahrnehmung und die Schulung der Sensibilität für subtile Reize eine bereichernde Erfahrung sein. Unabhängig davon, ob man an die Existenz einer Aura glaubt, können die damit verbundenen Praktiken der Achtsamkeit und Energiearbeit als wertvolle Werkzeuge zur Selbstreflexion und zur Stärkung des eigenen Wohlbefindens dienen. Im Sinne einer ganzheitlichen Männergesundheit kann die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und Geist – sei es durch Meditation, Achtsamkeit oder Energiearbeit – einen Beitrag zur Stärkung des Immunsystems und zur Förderung der inneren Balance leisten. Es ist jedoch entscheidend, diese Praktiken als Ergänzung und nicht als Ersatz für eine fundierte medizinische Versorgung zu betrachten und dabei stets auf die eigene psychische Gesundheit zu achten.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Duerden, T. (2004). An aura of confusion: ’seeing auras-vital energy or human physiology?‘ Part 1 of a three part series. Complementary Therapies in Nursing and Midwifery, 10(1), 22–32. https://doi.org/10.1016/S1353-6117(03)00096-9 Dieser wissenschaftliche Übersichtsartikel argumentiert, dass viele angebliche Aura-Sichtungen auf normale, aber fehlinterpretierte physiologische Phänomene des menschlichen Auges zurückzuführen sind, wie z.B. Nachbilder oder optische Illusionen.
  2. Milán, G., Iborra, O., Hochel, M., Rodríguez Artacho, M. A., Delgado-Pastor, L. C., Salazar, C., & González-Hernández, A. (2012). Auras in mysticism and synaesthesia: A comparison. Consciousness and Cognition, 21(1), 258–268. https://doi.org/10.1016/j.concog.2011.11.010 Die Studie der Universität Granada zeigt, dass das Phänomen des Aura-Sehens bei Heilern oft mit dem neurologischen Zustand der Synästhesie zusammenhängt, bei dem Sinneswahrnehmungen miteinander gekoppelt sind. Es handelt sich demnach um eine subjektive Wahrnehmung, nicht um eine übersinnliche Fähigkeit.
  3. Rubik, B., Muehsam, D., Hammerschlag, R., & Jain, S. (2015). Biofield Science and Healing: History, Terminology, and Concepts. Global Advances in Health and Medicine, 4(Suppl), 8–14. https://doi.org/10.7453/gahmj.2015.038.suppl Dieser Artikel beschreibt die Entstehung und das Konzept des „Biofeldes“ als wissenschaftlichen Versuch, traditionelle Vorstellungen von Lebensenergie zu fassen. Er stellt klar, dass es sich um ein aufstrebendes Forschungsfeld handelt, das noch keine klinische Evidenz für die Wirksamkeit von Biofeld-Therapien erbracht hat.
  4. Huber, L. (2024, 19. März). Risiken der Achtsamkeit: Krank durch Meditation? tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/meditation-risiken-nebenwirkungen-100.html Der Artikel beleuchtet die potenziellen psychischen Risiken intensiver Meditationspraktiken, die auch für andere spirituelle Übungen relevant sind. Er verweist auf Studien, die zeigen, dass bei einem Teil der Praktizierenden negative Effekte wie Angstzustände oder Panikattacken auftreten können, und betont die Wichtigkeit von professioneller Begleitung und psychischer Stabilität.