Ginkgo bei Hörsturz und Tinnitus?

Ein plötzlicher Hörverlust oder ein dauerhaftes Ohrgeräusch versetzt Betroffene in Alarmbereitschaft. Ginkgo-biloba-Extrakte gelten in der Phytotherapie seit Jahrzehnten als durchblutungsfördernd und werden bei Innenohrerkrankungen eingesetzt. Doch hält das Versprechen einer besseren Mikrozirkulation im Ohr der aktuellen Studienlage stand?

Was ist Ginkgo biloba?

Ginkgo biloba zählt zu den ältesten Baumarten der Erde und wird in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrhunderten genutzt. In der modernen Phytotherapie kommt vor allem der standardisierte Spezialextrakt EGb 761 zum Einsatz, der aus den Blättern gewonnen wird und definierte Mengen an Flavonglykosiden sowie Terpenlaktonen enthält. Die Kommission E des damaligen Bundesgesundheitsamtes ließ 1994 Ginkgo-Trockenextrakte unter anderem zur unterstützenden Behandlung von Tinnitus vaskulärer und involutiver Genese zu [1]. Auch die europäische Phytotherapie-Vereinigung ESCOP unterstützte diese Indikation [2].

Die pharmakologische Rationale klingt zunächst überzeugend: Die enthaltenen Ginkgolide, insbesondere Ginkgolid B, wirken als Antagonisten des Plättchenaktivierenden Faktors und hemmen dadurch die Thrombozytenaggregation. Die Flavonoide neutralisieren freie Radikale und schützen Zellmembranen vor oxidativem Stress. Darüber hinaus fördert der Extrakt über Stickstoffmonoxid-Signalwege die Vasodilatation kleiner Gefäße und stabilisiert neuronale Zellmembranen, was als neuroprotektiver Effekt beschrieben wird [2] [3]. Zusammen sollen diese Mechanismen die Mikrozirkulation in den feinen Gefäßen des Innenohrs verbessern und die empfindlichen Haarzellen vor hypoxischen Schäden bewahren. Gerade in den warmen Sommermonaten, wenn Flüssigkeitsverlust und Hitze die Fließeigenschaften des Blutes zusätzlich beeinflussen können, erscheint ein solcher Ansatz auf den ersten Blick plausibel.

Was zeigt die Evidenz?

Die Studienlage zu Ginkgo biloba bei Ohrerkrankungen ist umfangreich, aber widersprüchlich. Für eine differenzierte Betrachtung lohnt es sich, zwischen Tinnitus und Hörsturz zu unterscheiden.

Tinnitus: Der umfassende Cochrane Review von Sereda und Kollegen aus dem Jahr 2022 wertete zwölf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1915 Teilnehmern aus. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Ginkgo biloba zeigte im Vergleich zu Placebo wahrscheinlich keinen oder nur einen sehr geringen Effekt auf die Schwere und Lautstärke des Tinnitus nach drei bis sechs Monaten Behandlung. Die Evidenzqualität wurde nach GRADE als niedrig bis sehr niedrig eingestuft [3]. Die aktuelle S3-Leitlinie der AWMF zum chronischen Tinnitus von 2021 empfiehlt Ginkgo biloba daher ausdrücklich nicht als Therapie [4]. Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kommt zu dem Schluss, dass keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit bei chronischem Tinnitus vorliegen [5].

Dem steht eine systematische Übersichtsarbeit von von Boetticher aus dem Jahr 2011 gegenüber, die spezifisch den standardisierten Extrakt EGb 761 untersuchte und zu einem positiven Ergebnis kam. Die Analyse schloss sowohl Studien mit Tinnitus als Hauptbeschwerde als auch solche mit Tinnitus als Begleitsymptom bei kognitiver Beeinträchtigung ein und fand eine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo. Der Autor betonte jedoch ausdrücklich, dass die Wirksamkeit anderer, nicht standardisierter Ginkgo-Präparate nicht belegt sei [6]. Eine retrospektive Kohortenstudie von Langguth und Kollegen aus dem Jahr 2024 zeigte zudem, dass Patienten mit Ginkgo-Verschreibungen seltener erneut wegen Tinnitus den HNO-Arzt aufsuchten [7]. Diese Diskrepanz erklärt sich teilweise durch die unterschiedlichen untersuchten Präparate: Während der Cochrane Review verschiedenste Ginkgo-Produkte einschloss, fokussierten die positiven Arbeiten auf den hochstandardisierten Extrakt EGb 761.

Hörsturz: Beim akuten idiopathischen Hörsturz existieren mehrere klinische Studien zu Ginkgo. Burschka und Kollegen untersuchten 2001 in einer randomisierten Doppelblindstudie an 106 Patienten zwei Dosierungen von EGb 761. Die höhere Dosierung von 240 mg täglich führte zu einer schnelleren und sichereren Erholung der Hörschwelle [8]. Reisser und Weidauer verglichen im selben Jahr EGb 761 mit Pentoxifyllin bei 72 Patienten und fanden eine äquivalente Wirksamkeit beider Substanzen [9]. Eine neuere retrospektive Studie von Dong und Kollegen aus dem Jahr 2024 berichtete, dass die Kombination von EGb 761 mit der Standardtherapie die Gesamtwirksamkeitsrate signifikant erhöhte [10].

Dennoch empfehlen aktuelle Handlungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde beim Hörsturz primär systemische oder intratympanale Glukokortikoide als Therapie der Wahl. Durchblutungsfördernde Mittel wie Pentoxifyllin oder Ginkgo gelten aufgrund mangelnder Evidenz aus großen, methodisch hochwertigen Studien nicht mehr als Standardtherapie [4] [5]. Die hohe Spontanremissionsrate beim Hörsturz von bis zu 65 Prozent erschwert zudem die Interpretation positiver Einzelstudien erheblich, da ein Teil der beobachteten Besserungen auch ohne jede Behandlung eingetreten wäre.

Praxisbox

  • Standardisierte Extrakte verwenden: Nur EGb 761 (z. B. Tebonin) ist in Studien geprüft; frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel unterscheiden sich erheblich in Qualität und Zusammensetzung.
  • Dosierung: 120 bis 240 mg täglich, aufgeteilt auf zwei Einnahmen, über mindestens acht bis zwölf Wochen.
  • Ergänzung, kein Ersatz: Ginkgo ersetzt beim Hörsturz nicht die leitliniengerechte Kortikosteroidtherapie und beim chronischen Tinnitus nicht bewährte Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie oder Hörgeräteversorgung.
  • Ärztliche Rücksprache: Vor Einnahme immer abklären, ob Wechselwirkungen mit bestehender Medikation bestehen.

Sicherheitsbox

  • Blutungsrisiko: Ginkgo kann die Blutungsneigung erhöhen, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern [11].
  • Vor Operationen: Präparate drei bis vier Tage vor geplanten Eingriffen absetzen.
  • Kontraindikationen: Schwangerschaft, bekannte Überempfindlichkeit, hämorrhagische Diathese.
  • Nebenwirkungen: Gelegentlich Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden oder allergische Hautreaktionen.

Fazit

Ginkgo biloba ist ein pharmakologisch interessantes Phytotherapeutikum mit plausiblen Wirkmechanismen auf die Innenohrdurchblutung. Die klinische Evidenz bleibt jedoch gespalten. Für den chronischen Tinnitus zeigt der aktuelle Cochrane Review keinen überzeugenden Nutzen gegenüber Placebo, und die S3-Leitlinie rät von der Anwendung ab. Beim akuten Hörsturz deuten einzelne Studien auf einen möglichen Zusatznutzen des standardisierten Extrakts EGb 761 hin, doch fehlen große, methodisch hochwertige Bestätigungsstudien. Wer Ginkgo als komplementären Baustein erwägt, sollte dies stets in Absprache mit dem behandelnden Arzt tun und die Grenzen der Evidenz kennen. Manchmal liegt der wichtigste Schritt zur Erholung des Ohrs nicht in einem einzelnen Präparat, sondern in der Ruhe, die man sich im Spätsommer bewusst gönnt, und in einer umfassenden, individuell abgestimmten Therapie.

FAQ – Häufige Fragen zu Ginkgo bei Hörsturz und Tinnitus

Hilft Ginkgo biloba bei chronischem Tinnitus?
Nach aktuellem Cochrane Review (2022) zeigt Ginkgo biloba keinen überzeugenden Vorteil gegenüber Placebo bei chronischem Tinnitus. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt den Einsatz nicht als Standardtherapie.

Welche Dosierung von Ginkgo wird bei Ohrproblemen empfohlen?
Untersucht wurde der standardisierte Extrakt EGb 761 in Dosierungen von 120 bis 240 mg täglich über mindestens acht Wochen. Frei verkäufliche Produkte ohne Standardisierung sind nicht vergleichbar.

Kann Ginkgo einen Hörsturz heilen?
Ginkgo ersetzt nicht die leitliniengerechte Kortikosteroidtherapie beim Hörsturz. Einzelne Studien zeigen einen möglichen Zusatznutzen, doch Glukokortikoide bleiben die Therapie der Wahl.

Welche Nebenwirkungen hat Ginkgo biloba?
Ginkgo ist meist gut verträglich. Relevantestes Risiko ist eine erhöhte Blutungsneigung, besonders bei gleichzeitiger Einnahme blutverdünnender Medikamente. Vor Operationen sollte das Präparat abgesetzt werden.

Was ist der Unterschied zwischen Ginkgo-Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln?
Nur zugelassene Arzneimittel wie EGb 761 enthalten standardisierte Wirkstoffmengen und begrenzte Ginkgolsäure-Gehalte. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen keiner Arzneimittelzulassung und variieren stark in Qualität.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Kommission E des Bundesgesundheitsamtes. Monographie Ginkgo-biloba-Blätter-Trockenextrakt. Bundesanzeiger Nr. 133. 1994.
  2. European Medicines Agency (EMA). Assessment report on Ginkgo biloba L., folium. EMA/HMPC/321095/2012. 2014. https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-report/final-assessment-report-ginkgo-biloba-l-folium_en.pdf
  3. Sereda M, Xia J, Scutt P, Hilton MP, El Refaie A, Hoare DJ. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2022;11:CD013514. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013514.pub2/full
  4. AWMF. S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus (Register-Nr. 017-064). 2021. https://register.awmf.org/assets/guidelines/017-064l_S3_Chronischer_Tinnitus_2021-09_1.pdf
  5. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Chronischer Tinnitus: Was hilft. InformedHealth.org. 2022. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK395563/
  6. von Boetticher A. Ginkgo biloba extract in the treatment of tinnitus: a systematic review. Neuropsychiatric Disease and Treatment. 2011;7:441-447. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3157487/
  7. Langguth B, Reineke T, Burkart M, Kostev K. Ginkgo biloba extract prescriptions are associated with less frequent repeat visits to ENT doctors due to tinnitus. Frontiers in Neurology. 2024;15:1402978. https://www.frontiersin.org/journals/neurology/articles/10.3389/fneur.2024.1402978/full
  8. Burschka MA, Hassan HA, Reineke T, van Bebber L, Caird DM, Mösges R. Effect of treatment with Ginkgo biloba extract EGb 761 (oral) on unilateral idiopathic sudden hearing loss. European Archives of Oto-Rhino-Laryngology. 2001;258(5):213-219. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11548897/
  9. Reisser CH, Weidauer H. Ginkgo biloba extract EGb 761 or pentoxifylline for the treatment of sudden deafness: a randomized, reference-controlled, double-blind study. Acta Otolaryngologica. 2001;121(5):579-584. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11583381/
  10. Dong H, Liu M, Rong L, Yang S, Wang J. Efficacy and Hemorheology of Ginkgo biloba Extract (EGb 761) in the Treatment of Sudden Sensorineural Hearing Loss. Noise and Health. 2024;26(122):383-389. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11539998/
  11. Mai NTQ, et al. Impact of Ginkgo biloba drug interactions on bleeding risk: a systematic review and meta-analysis. PubMed. 2025. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40198642/