Nattokinase: Das japanische Herzenzym

Ein Enzym aus fermentierten Sojabohnen rückt zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus. Nattokinase, seit Jahrhunderten Bestandteil der japanischen Ernährung, soll die Durchblutung fördern und das Herz-Kreislauf-System unterstützen. Was steckt hinter diesem „Herzenzym" – und wo verlaufen die Grenzen zwischen Tradition, Evidenz und Hoffnung?

Was ist Nattokinase?

Nattokinase ist eine Serinprotease, die aus „Natto“ gewonnen wird – einem traditionellen japanischen Lebensmittel, das durch die Fermentation von Sojabohnen mit dem Bakterium Bacillus subtilis var. natto entsteht. Natto gehört seit der Edo-Periode (1603–1867) zum festen Bestandteil des japanischen Frühstücks und wird in der Volksmedizin seit über tausend Jahren mit Herz- und Gefäßgesundheit in Verbindung gebracht. In Regionen Japans mit besonders hohem Natto-Konsum, etwa in der Präfektur Ibaraki, werden seit Langem niedrigere Raten kardiovaskulärer Erkrankungen beobachtet – ein epidemiologischer Hinweis, der die Forschung zusätzlich motivierte. Die wissenschaftliche Erforschung begann 1987, als der japanische Forscher Dr. Hiroyuki Sumi an der Chicago University Medical School das Enzym isolierte und seine fibrinolytische – also blutgerinnselauflösende – Wirkung nachwies [1]. Was als zufällige Beobachtung im Labor begann, entwickelte sich zu einem der meistuntersuchten Enzyme der Komplementärmedizin.

Das Enzym besteht aus einer einzelnen Polypeptidkette mit 275 Aminosäuren und einem Molekulargewicht von etwa 28 Kilodalton [2]. Seine Aktivität wird in „Fibrinolytic Units“ (FU) gemessen, einer Einheit, die von der Japan Nattokinase Association (JNKA) standardisiert wurde. Der biochemische Wirkmechanismus ist multifaktoriell und unterscheidet Nattokinase von vielen anderen Nahrungsergänzungsmitteln: Das Enzym spaltet Fibrin, das Hauptstrukturprotein von Blutgerinnseln, direkt. Zugleich aktiviert es den körpereigenen Gewebe-Plasminogen-Aktivator (tPA) und inaktiviert dessen Inhibitor PAI-1, wodurch die natürliche Fibrinolyse auf mehreren Ebenen gefördert wird [2]. Im Unterschied zu intravenös verabreichten Thrombolytika wie Streptokinase oder Urokinase ist Nattokinase oral verfügbar und besitzt eine vergleichsweise lange Halbwertszeit von etwa acht bis zwölf Stunden im menschlichen Körper [3].

Gerade im Februar, dem Monat der Herzgesundheit, lohnt sich ein differenzierter Blick auf dieses Enzym. Denn Nattokinase steht exemplarisch für die Frage, wie traditionelles Ernährungswissen und moderne Wissenschaft zusammenfinden können – eine Frage, die im Kern die integrative Medizin antreibt.

Was zeigt die Evidenz?

Die wissenschaftliche Datenlage zu Nattokinase ist vielversprechend, aber heterogen. Eine klare Einordnung erfordert die Unterscheidung zwischen belegten Effekten, umstrittenen Befunden und offenen Forschungsfragen – eine Transparenz, die gerade bei komplementärmedizinischen Themen unverzichtbar ist.

Die blutdrucksenkende Wirkung ist am besten belegt. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von Li et al. (2023), die sechs randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit insgesamt 546 Teilnehmern umfasste, zeigte eine signifikante Reduktion des systolischen Blutdrucks um durchschnittlich 3,45 mmHg und des diastolischen Blutdrucks um 2,32 mmHg im Vergleich zu Placebo [4]. Der Mechanismus wird auf eine Hemmung des Angiotensin-konvertierenden Enzyms (ACE) zurückgeführt – ein Ansatzpunkt, der auch konventionellen Blutdrucksenkern zugrunde liegt. Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Brücke zwischen Komplementär- und Schulmedizin: Dasselbe biochemische Ziel wird über unterschiedliche Wege erreicht.

Umstritten ist hingegen die Wirkung auf Atherosklerose und Blutfettwerte. Eine große klinische Studie von Ren et al. (2022) mit über 1.000 Teilnehmern zeigte bei einer hohen Dosis von 10.800 FU pro Tag über zwölf Monate eine signifikante Reduktion der Intima-Media-Dicke der Halsschlagader sowie eine Verbesserung des Lipidprofils, einschließlich einer Senkung von LDL-Cholesterin und Triglyceriden [5]. Bei der gängigen Dosis von 2.000 bis 3.600 FU pro Tag blieben diese Effekte jedoch aus. Dieses Ergebnis stellt die üblichen Dosierungsempfehlungen grundlegend in Frage und verdeutlicht, dass die Dosis-Wirkungs-Beziehung bei Nattokinase komplexer ist als häufig dargestellt.

Offen bleibt die Übertragung der im Labor nachgewiesenen fibrinolytischen Wirkung auf die Prävention kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall beim Menschen. Großangelegte Langzeitstudien mit klinischen Endpunkten fehlen bislang. Neue Forschungsansätze erweitern das Spektrum: Eine In-vitro-Studie von Tanikawa et al. (2022) zeigte, dass Nattokinase das Spike-Protein von SARS-CoV-2 dosis- und zeitabhängig abbauen kann [6]. Auch die Fähigkeit, Amyloid-Fibrillen zu hydrolysieren – ein Merkmal neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer – wurde im Labor nachgewiesen [7]. Beide Befunde sind wissenschaftlich interessant, aber klinisch noch nicht etabliert. Hier ist Transparenz geboten: Wissenschaftliche Studien am Menschen liegen für diese Anwendungsgebiete bislang nicht vor, und die Übertragbarkeit von Laborergebnissen auf den menschlichen Organismus ist keineswegs gesichert. Traditionelle Anwendung allein ist kein Wirksamkeitsbeleg – diese Unterscheidung ist gerade bei komplementärmedizinischen Themen von zentraler Bedeutung.

Ein zentraler Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion häufig zu kurz kommt, ist die Frage der oralen Bioverfügbarkeit. Als Protein unterliegt Nattokinase dem proteolytischen Abbau im Verdauungstrakt. Wie das Enzym seine Aktivität nach der Passage durch den Magen aufrechterhält und in den Blutkreislauf gelangt, ist noch nicht vollständig geklärt [2]. Magensaftresistente Kapseln sollen dieses Problem adressieren, doch die wissenschaftliche Validierung dieser Darreichungsformen steht noch aus.

Praxisbox

  • Dosierung: Die übliche Tagesdosis beträgt 2.000 FU, häufig in magensaftresistenten Kapseln. Höhere Dosen (bis 10.800 FU) wurden in Studien verwendet, sollten aber nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.
    Einnahme: Für eine optimale Aufnahme wird die Einnahme auf nüchternen Magen empfohlen (mindestens 30 Minuten vor einer Mahlzeit).
    Qualität: Achten Sie auf Vitamin-K2-freie Präparate, GMP-zertifizierte Herstellung und unabhängige Laborprüfungen. Das JNKA-Siegel kann als Orientierung dienen.
    Rechtliches: Nattokinase ist in der EU als neuartiges Lebensmittel (Novel Food) zugelassen; gesundheitsbezogene Werbeaussagen (Health Claims) sind nicht genehmigt [8].

Sicherheitsbox

  • Blutungsrisiko: Die fibrinolytische Wirkung kann das Blutungsrisiko erhöhen. Ein Fallbericht dokumentiert eine akute Kleinhirnblutung bei gleichzeitiger Einnahme von Nattokinase und niedrig dosiertem Aspirin [2].
  • Medikamenten-Interaktion: Besondere Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulantien (Warfarin, Heparin, DOAKs) oder Thrombozytenaggregationshemmern (ASS, Clopidogrel). Ärztliche Rücksprache ist unerlässlich.
  • Kontraindikationen: Blutgerinnungsstörungen, bevorstehende Operationen, Schwangerschaft und Stillzeit.
  • Behördliche Einschätzung: Die EFSA stuft den Nattokinase-Extrakt NSK-SD bis 100 mg/Tag (ca. 2.000 FU) für gesunde Erwachsene über 35 Jahre als sicher ein [8].

Fazit

Nattokinase ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie traditionelles Ernährungswissen und moderne Forschung zusammenwirken können. Die blutdrucksenkende Wirkung ist durch Meta-Analysen gut belegt, weitere kardiovaskuläre Effekte sind vielversprechend, aber noch nicht abschließend gesichert. Als Ergänzung – nicht als Ersatz – konventioneller Therapien verdient das Enzym Aufmerksamkeit, erfordert aber zugleich eine nüchterne Einordnung der Evidenzlage. Wer Nattokinase in Erwägung zieht, sollte dies stets in Absprache mit einem Arzt oder Apotheker tun, um Wechselwirkungen und Risiken zu minimieren. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Schulmedizin und Komplementärverfahren zunehmend durchlässiger werden, zeigt Nattokinase, dass die spannendsten Antworten oft dort liegen, wo verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen.

FAQ – Häufige Fragen zu Nattokinase

Was ist der Unterschied zwischen Natto und Nattokinase? Natto ist das traditionelle japanische Lebensmittel aus fermentierten Sojabohnen. Nattokinase ist das daraus isolierte Enzym, das in konzentrierter Form als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich ist und für die fibrinolytischen Effekte verantwortlich gemacht wird.

Wie schnell wirkt Nattokinase? Die fibrinolytische Aktivität im Blut kann sich bereits wenige Stunden nach der Einnahme erhöhen. Für eine messbare Blutdrucksenkung zeigten Studien einen Zeitraum von etwa acht Wochen bei regelmäßiger Einnahme [4].

Kann man Nattokinase zusammen mit Blutverdünnern einnehmen? Nicht ohne ärztliche Rücksprache. Die Kombination mit Antikoagulantien oder Thrombozytenaggregationshemmern kann das Blutungsrisiko erheblich erhöhen. Ein dokumentierter Fallbericht beschreibt eine Hirnblutung unter Kombination mit Aspirin [2].

Warum sollten Nattokinase-Präparate Vitamin-K2-frei sein? Natürliches Natto enthält viel Vitamin K2, das die Blutgerinnung fördert. Da Nattokinase die Gerinnung hemmen soll, könnte Vitamin K2 dieser Wirkung entgegenwirken. Hochwertige Präparate entfernen daher das Vitamin K2 gezielt.

Ist Nattokinase in Deutschland legal erhältlich? Ja, als Nahrungsergänzungsmittel ist Nattokinase in der EU als Novel Food zugelassen. Gesundheitsbezogene Werbeaussagen sind jedoch nicht erlaubt, da keine Health Claims von der EFSA genehmigt wurden [8].

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Sumi, H., Hamada, H., Tsushima, H., Mihara, H., & Muraki, H. (1987). A novel fibrinolytic enzyme (nattokinase) in the vegetable cheese Natto; a typical and popular soybean food in the Japanese diet. Experientia, 43(10), 1110–1111.
  2. Chen, H., McGowan, E. M., Ren, N., Lal, S., Nassif, N., Shad-Kaneez, F., Qu, X., & Lin, Y. (2018). Nattokinase: A Promising Alternative in Prevention and Treatment of Cardiovascular Diseases. Biomarker Insights, 13, 1177271918785130.
  3. Ero, M. P., Ng, J., & Mihailovski, T. (2013). A pilot study on the serum pharmacokinetics of nattokinase in humans following a single, oral dose. Alternative Therapies in Health and Medicine, 19(3), 16.
  4. Li, X., Long, J., Gao, Q., Pan, M., Wang, J., Yang, F., & Zhang, Y. (2023). Nattokinase Supplementation and Cardiovascular Risk Factors: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Reviews in Cardiovascular Medicine, 24(8), 234.
  5. Ren, H., Chen, J., Zhang, F., Li, Y., Wang, R., Zheng, Q., … & Lin, Y. (2022). Effective management of atherosclerosis progress and hyperlipidemia with nattokinase: A clinical study with 1,062 participants. Frontiers in Cardiovascular Medicine, 9, 964977.
  6. Tanikawa, T., Kiba, Y., Yu, J., Hsu, K., Chen, S., Ishii, A., … & Kitamura, M. (2022). Degradative Effect of Nattokinase on Spike Protein of SARS-CoV-2. Molecules, 27(17), 5405.
  7. Hsu, R. L., Lee, K. T., Wang, J. H., Lee, L. Y. L., & Chen, R. P. Y. (2009). Amyloid-degrading ability of nattokinase from Bacillus subtilis natto. Journal of Agricultural and Food Chemistry, 57(2), 503–508.
  8. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA). (2016). Safety of fermented soybean extract NSK-SD® as a novel food pursuant to Regulation (EC) No 258/97. EFSA Journal, 14(7), e04541.