Die Behauptungen
Behauptung eins: Eine solche Steuer senkt Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Karies.
Behauptung zwei: Sie nützt gesundheitlich nichts, weil Ausweichkäufe jeden Effekt aufheben.
Beide Aussagen setzen voraus, dass ein Rückgang an einer Stelle auch in der gesamten Ernährung und schließlich in der Gesundheit ankommt; genau diese Schritte müssen getrennt geprüft werden.
Deutschland, Stand 4. Oktober 2026: Das Bundeskabinett kündigte im Haushaltsbeschluss vom 29. April eine Zuckerabgabe an [1]. Ein Regierungsentwurf zur Krankenversicherung vom 26. Mai nennt eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ab 2028, verweist dafür aber ausdrücklich auf ein weiteres Gesetzgebungsverfahren; er legt weder Abgabesätze noch Zuckerstufen oder den Umgang mit süßstoffhaltigen Getränken fest [2]. Am 6. Juli erklärte der Bundesfinanzminister, sein Ministerium habe die Federführung übernommen und arbeite an einem Wechsel von der Abgabe zu einer Steuer; ob diese am 1. Januar 2027 oder später starte, sei noch offen [3]. Ein Gesetzentwurf dazu ist bisher weder veröffentlicht noch vom Bundeskabinett beschlossen; Steuersätze, erfasste Getränke und Starttermin stehen damit noch nicht fest.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt in ihrer Leitlinie von 2024 ausdrücklich Steuern auf zuckergesüßte Getränke, versteht sie aber als Teil eines umfassenden Maßnahmenbündels und nicht als alleinige Lösung [4]. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und zwei medizinische Fachgesellschaften empfehlen, freie Zucker auf höchstens ein Zehntel der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen; der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz betont die Gestaltung fairer Ernährungsumgebungen [5] [6]. Das sind gesundheitliche Bezugspunkte, keine Messungen einer deutschen Steuerwirkung.
Was die Studien zeigen
Rezepturen und Kauf
In Großbritannien gilt seit April 2018 eine nach Zuckergehalt gestaffelte Herstellerabgabe. In einer Analyse gelisteter Supermarktgetränke lag der Anteil oberhalb der unteren Schwelle von fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter nach Ankündigung und Einführung um etwa 34 Prozentpunkte unter der aus früheren Trends geschätzten Entwicklung. Das zeigt veränderte Produkte im Angebot, nicht, wie viel davon getrunken wurde: Die Produkte wurden nicht nach Verkaufsmenge gewichtet [7].
Deutschland verfolgt daneben seit 2018 eine freiwillige Reduktionsstrategie. Im Produktmonitoring des Max Rubner-Instituts sank der absatzgewichtete mittlere Zuckergehalt einer Stichprobe besonders stark verkaufter Erfrischungsgetränke einschließlich ungesüßter Produkte zwischen 2018 und 2024 von 6,2 auf 5,3 Gramm je 100 Milliliter. Daraus folgt weder, dass die Strategie allein die Änderung verursachte, noch ein gemessener Gesundheitseffekt [8] [9].
Britische Haushalte kauften ein Jahr nach Einführung der Abgabe gegenüber der nach dem früheren Trend erwarteten Entwicklung etwas weniger Zucker aus allen Erfrischungsgetränken zusammen, obwohl ihre gekaufte Getränkemenge insgesamt leicht stieg [10]. In Mexiko wurden im ersten Jahr nach Einführung einer Getränkesteuer rund sechs Prozent weniger besteuerte Getränke gekauft als nach früheren Trends erwartet [11]. Eine internationale Übersicht fand ebenfalls weniger Absatz besteuerter Getränke, aber stark unterschiedliche Ergebnisse zwischen den untersuchten Orten [12]. Kaufdaten erfassen weder jeden Außer-Haus-Kauf noch, wer im Haushalt tatsächlich trinkt.
Tatsächlicher Verzehr
Eine britische Auswertung von Ernährungstagebüchern schätzte gegenüber dem vorherigen Trend rund drei Gramm weniger freie Zucker aus Getränken pro Tag bei Kindern und rund fünf Gramm bei Erwachsenen. Die gesamte Aufnahme freier Zucker aus allen Lebensmitteln sank sogar etwas stärker, um rund fünf Gramm bei Kindern und rund elf Gramm bei Erwachsenen; einen Ausgleich über andere süße Lebensmittel zeigte diese Auswertung also nicht [13]. „Freie Zucker“ meint hier zugesetzte Zucker sowie Zucker etwa in Säften; die Angaben beruhen auf selbst berichteter Ernährung. Der Anteil freier Zucker an der gesamten Energiezufuhr unterschied sich in der Studie nicht messbar vom erwarteten Trend [13]. Die internationale Übersicht fand für individuell erfassten Getränkekonsum keinen statistisch gesicherten Gesamtrückgang [12]. Das widerspricht der britischen Einzelstudie nicht zwingend: Orte, Erhebungsmethoden und Maßnahmen unterscheiden sich.
Gemessene Gesundheit
Bei englischen Mädchen im letzten Grundschuljahr nach der Einführung um 1,6 Prozentpunkte unter dem nach dem früheren Trend erwarteten Wert; bei gleichaltrigen Jungen und jüngeren Schulkindern zeigte sich insgesamt kein entsprechender Rückgang [14]. Eine weitere englische Studie fand etwa 22 Monate nach Einführung weniger Krankenhausaufnahmen für Zahnziehungen wegen Karies bei Kindern und Jugendlichen, besonders bei jüngeren Kindern: für alle untersuchten Altersgruppen zusammen rund zwölf Prozent weniger als nach dem früheren Trend erwartet. Eine alternative Modellannahme ergab allerdings keinen Gesamteffekt; zudem fehlte eine vergleichbare Kontrollgruppe [15].
Mexikanische Gesundheits- und Zahndaten deuten ebenfalls auf weniger Karies hin. Dort wurden jedoch gleichzeitig Getränke und bestimmte energiereiche Lebensmittel besteuert; der Anteil der Getränkesteuer lässt sich nicht isolieren [16]. Eine Seattle-Studie fand bei ärztlich gemessenen Körperdaten von Kindern eine kleine günstigere Entwicklung gegenüber einer Vergleichsregion, erfasste aber keinen entsprechenden individuellen Getränkekonsum [17]. Für Typ-2-Diabetes liegen vor allem Projektionen vor: Ein deutsches Modell berechnet mögliche vermiedene Erkrankungen unter angenommenen Preisen, Rezepturänderungen und Ernährungsreaktionen. Das sind keine beobachteten deutschen Fälle [18].
Evidenz-Kompass
- Belegt: Nach eingeführten Abgaben änderten sich in mehreren Ländern Rezepturen und Käufe; für Großbritannien gibt es auch Hinweise auf geringere berichtete Zuckeraufnahme [7] [10] [11] [13].
- Umstritten: Wie stark sich Körpergewicht und Karies durch die Steuer allein verändern, hängt von Gruppe, Beobachtungszeit und Vergleichsannahmen ab [14] [15] [17].
- Offen: Ob und wann eine konkret ausgestaltete deutsche Steuer Typ-2-Diabetes oder andere Erkrankungen messbar verringern würde [2] [18].
Woran geforscht wird
Längere Nachbeobachtungen sollen zeigen, ob anfängliche Verhaltensänderungen anhalten und sich in Gesundheitsdaten niederschlagen. Besonders wichtig sind vollständige Verzehrsdaten, Ersatzkäufe und Vergleiche sozialer Gruppen.
Fazit
Eine Steuer auf gesüßte Getränke kann den Zuckergehalt von Produkten und die Käufe verändern; ein gesundheitlicher Nutzen ist plausibel und für einzelne Gruppen und für die Zahngesundheit durch Beobachtungsstudien gestützt. Die pauschale Zusage weniger Übergewicht, Diabetes und Karies ist ebenso zu stark wie die Behauptung, Ausweichen mache jede Wirkung zunichte. Welche Größenordnung für Deutschland erreichbar wäre, lässt sich aus den ausländischen Studien nicht zuverlässig ablesen; wie groß eine Wirkung ausfiele, hängt auch von der konkreten Ausgestaltung ab.
FAQ – Häufige Fragen zur Zuckersteuer
Hat die Zuckersteuer in Großbritannien gesundheitlich etwas gebracht?
Englische Beobachtungsstudien fanden günstigere Entwicklungen bei Adipositas für ältere Grundschulmädchen und bei Krankenhausaufnahmen wegen Karies. Für andere Kindergruppen gab es keinen entsprechenden Gewichtsbefund; parallele Veränderungen können mitgewirkt haben [14] [15].
Belegt weniger Verkauf auch weniger Erkrankungen?
Nein. Verkäufe erfassen nicht den gesamten individuellen Verzehr, und Erkrankungen entwickeln sich über längere Zeit. Für Deutschland stammen Angaben zu vermiedenen Diabetesfällen bisher aus Modellen, nicht aus Messungen nach einer eingeführten Getränkesteuer [12] [18].
Heben Ersatzkäufe die Wirkung auf?
Nicht generell: In Philadelphia minderten Einkäufe außerhalb der Stadt den örtlichen Verkaufsrückgang, beseitigten ihn aber nicht. Ob Menschen die eingesparte Zuckermenge durch andere Produkte ersetzen, lässt sich daraus nicht abschließend beantworten [20].
Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.
Quellen & Forschungsstand
- Bundesministerium der Finanzen. Bundesregierung beschließt Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027. Pressemitteilung. 2026. https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Finanzpolitik/2026/04/2026-04-29-eckwerte-bundeshaushalt-2027.html
- Deutscher Bundestag. Entwurf eines Gesetzes zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz). Bundestagsdrucksache 21/6130. 2026. https://dserver.bundestag.de/btd/21/061/2106130.pdf
- Bundesministerium der Finanzen. Textfassung der Pressekonferenz zur Vorstellung des Regierungsentwurfs zum Bundeshaushalt 2027. 2026. https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Video-Textfassungen/2026/textfassung-2026-07-06-bundeshaushalt-2027.html
- World Health Organization. Fiscal policies to promote healthy diets: WHO guideline. WHO. 2024. https://iris.who.int/handle/10665/376763
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Deutsche Adipositas-Gesellschaft, Deutsche Diabetes Gesellschaft. Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland. Konsensuspapier. 2018. https://www.dge.de/fileadmin/dok/wissenschaft/stellungnahmen/Konsensuspapier_Zucker_DAG_DDG_DGE_2018.pdf
- Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz. Politik für eine nachhaltigere Ernährung: Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten. Gutachten. 2020. https://www.bmleh.de/SharedDocs/Archiv/Downloads/wbae-gutachten-nachhaltige-ernaehrung.pdf?__blob=publicationFile&v=3
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- Max Rubner-Institut. Zahlen und Fakten zum Produktmonitoring 2024. Pressemitteilung zu eigenen Daten. 2025. https://www.mri.bund.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/zahlen-und-fakten-zum-produktmonitoring-2024/
- Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten. Ministeriumsseite. 2018, aktualisiert 2026. https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/gesunde-ernaehrung/reduktionsstrategie/reduktionsstrategie-zucker-salz-fette.html
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