Sind Freundschaften Gesundheitsvorsorge?

Für alles steht etwas im Kalender – nur für Freundschaften oft nicht. Ein Blick auf ihre gesundheitliche Bedeutung, ohne daraus eine weitere Pflicht zu machen.

Im Kalender stehen die Besprechung, der Elternabend und der Arzttermin der Mutter. Das Treffen mit einer Freundin steht dort nicht mehr: Es wurde verschoben, dann noch einmal, und irgendwann blieb nur der Satz „Wir müssten uns wirklich mal wieder sehen“.

Ja, Freundschaften können zur Gesundheitsvorsorge beitragen, weil sie Verbundenheit und Unterstützung ermöglichen. Gut belegt ist der Zusammenhang sozialer Beziehungen mit Gesundheit und längerem Überleben [1]; eine Garantie gegen Krankheit oder eine berechenbare Wirkung jeder einzelnen Freundschaft folgt daraus nicht.

Der Gedanke

Vielleicht behandeln wir Freundschaft im Alltag wie etwas, das erst stattfinden darf, wenn alles andere erledigt ist. Der Blickwechsel wäre, sie als Teil eines guten Lebens zu verstehen, nicht als dessen verzichtbare Zugabe. Das ist eine Deutung, keine neue Pflicht im ohnehin vollen Kalender.

Gerade Freundschaften in der Lebensmitte geraten leicht zwischen Erwerbsarbeit, Kinder und die Sorge um Angehörige. Eine Schweizer Langzeitstudie zeigt, dass sich soziale Kontakte mit Lebensübergängen verändern: Bei Frauen mit kleinen Kindern gingen Freundschaftskontakte zurück, während Kontakte zu Nachbarn wichtiger wurden [2]. Daraus lässt sich kein allgemeines Gesetz über schrumpfende Freundeskreise in der Lebensmitte machen, wohl aber ein Hinweis: Beziehungen brauchen Gelegenheiten, also Zeit, Kraft und Orte der Begegnung, und die sind je nach Lebenslage ungleich verteilt.

Was die Forschung dazu sagt

Wer über Freundschaft und Gesundheit spricht, sollte zunächst unterscheiden. Soziale Isolation bedeutet, dass tatsächlich wenige Beziehungen und Kontakte vorhanden sind; Einsamkeit bezeichnet das belastende Gefühl, weniger Verbundenheit zu erleben, als man sich wünscht. Alleinsein kann dagegen gewollt und wohltuend sein, und auch mitten unter Menschen ist Einsamkeit möglich [1].

Eine große systematische Übersicht, also eine Arbeit, die nach festen Regeln viele Langzeitstudien gemeinsam auswertet, verbindet sowohl soziale Isolation als auch Einsamkeit mit höherer Sterblichkeit [3]. Schon die frühere Übersicht von Julianne Holt-Lunstad und ihrem Team fand günstigere Überlebensaussichten bei stärkeren sozialen Beziehungen [4]. Gemeint waren dabei nicht nur Freundschaften, sondern auch Familie, Partnerschaft und die Einbindung in Gemeinschaften.

Der US Surgeon General, der oberste Gesundheitsbeamte der USA, schrieb 2023, fehlende soziale Verbundenheit könne das Risiko eines vorzeitigen Todes ähnlich stark erhöhen wie das Rauchen von bis zu 15 Zigaretten täglich [5]. Der wissenschaftliche Ausgangspunkt war die Übersicht von 2010 mit einem Vergleich verschiedener Forschungsarbeiten [4] – keine direkte Untersuchung, die Einsamkeit in Zigaretten umrechnet.

Als genaue Gleichsetzung von Einsamkeit und täglichem Rauchen ist die Formel deshalb nicht ausreichend gedeckt. Eine spätere methodische Kritik zeigt, dass dabei Studien mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Messmethoden nebeneinandergestellt wurden; genauer betrachtet spricht einiges dafür, dass Rauchen das Sterberisiko stärker erhöht als Einsamkeit oder soziale Isolation [6]. Das schmälert nicht die Bedeutung sozialer Beziehungen: Der Zusammenhang bleibt ernst zu nehmen, nur lässt er sich nicht exakt in Zigaretten umrechnen.

Und was ist mit Ursache und Wirkung? Eine schwedische Langzeitstudie mit überwiegend älteren Menschen fand Zusammenhänge in beide Richtungen, vor allem zwischen Einsamkeit und körperlichen Einschränkungen im Alltag [7]. Krankheit kann Kontakte erschweren; umgekehrt sprechen die zusammengeführten Befunde dafür, dass Verbundenheit selbst zum Gesundheitsschutz beiträgt [1]. Beides kann also zutreffen, ohne dass Beobachtungsstudien einen sicheren Ursache-Wirkungs-Beweis für Freundschaften liefern.

Die WHO hält einen ursächlichen Beitrag sozialer Verbundenheit zur Gesundheit für wahrscheinlich und beschreibt Unterstützung im Umgang mit Stress sowie Einflüsse auf Gesundheitsverhalten als mögliche Wege [1]. Ob komplementär- oder energiemedizinische Ansätze in dieser Frage einen eigenen, zusätzlichen Nutzen bringen, lässt sich mit den ausgewerteten Quellen nicht belegen.

Evidenz-Kompass

  • Belegt: Soziale Beziehungen, Isolation und Einsamkeit hängen mit Gesundheit und Sterblichkeit zusammen [3]; sie sind aber nicht dasselbe [1].
  • Umstritten: Die pauschale Gleichsetzung von Einsamkeit mit dem Rauchen von 15 Zigaretten täglich ist wissenschaftlich zu ungenau [6].
  • Offen: Wie groß der eigenständige Gesundheitseffekt tragfähiger Freundschaften ist, getrennt von Gesundheit, Einkommen und anderen Beziehungen, lässt sich bisher nicht zuverlässig beziffern [1].

Die offene Frage

Freundschaft muss ihren Wert nicht erst durch einen medizinischen Nutzen beweisen. Der Beitrag „Einsamkeit an Weihnachten“ greift das Thema aus einem anderen Alltagswinkel auf. Welchen Platz haben Freundschaften in einem guten Leben, auch ohne einen messbaren Gesundheitsgewinn?

Hilfsangebote

Einsamkeit kann sehr belasten. Wer merkt, dass sie über längere Zeit schwer wiegt oder mit anhaltender Niedergeschlagenheit einhergeht, muss damit nicht allein bleiben: Ein Gespräch mit vertrauten Menschen oder in der hausärztlichen Praxis kann ein erster Schritt sein [10].

Hilfe in Krisen: Wer sich in einer seelischen Krise befindet oder sich Sorgen um einen anderen Menschen macht, findet rund um die Uhr kostenlos und anonym Unterstützung bei der TelefonSeelsorge [8]: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, auch per Chat und Mail unter online.telefonseelsorge.de. Kinder und Jugendliche erreichen die Nummer gegen Kummer unter 116 111, Eltern das Elterntelefon unter 0800 111 0 550 [9]. Junge Menschen finden Unterstützung per Chat bei krisenchat.de [11]. In akuter Gefahr: Notruf 112.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Weltgesundheitsorganisation, WHO Commission on Social Connection. From loneliness to social connection: charting a path to healthier societies. Report of the WHO Commission on Social Connection. WHO. 2025. https://www.who.int/publications/i/item/978240112360
  2. Kalmijn, Matthijs. Longitudinal analyses of the effects of age, marriage, and parenthood on social contacts and support. Advances in Life Course Research, 17(4), 177–190. 2012. https://doi.org/10.1016/j.alcr.2012.08.002
  3. Wang, Fan; Gao, Yu; Han, Zhen; et al. A systematic review and meta-analysis of 90 cohort studies of social isolation, loneliness and mortality. Nature Human Behaviour, 7(8), 1307–1319. 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37337095/
  4. Holt-Lunstad, Julianne; Smith, Timothy B.; Layton, J. Bradley. Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316. 2010. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2910600/
  5. Office of the Surgeon General. Our Epidemic of Loneliness and Isolation: The U.S. Surgeon General’s Advisory on the Healing Effects of Social Connection and Community. US Department of Health and Human Services. 2023. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK595227/
  6. VanderWeele, Tyler J.; Kim, Eric S. Re: Benchmarking social isolation, loneliness, and smoking: challenges and opportunities for public health. American Journal of Epidemiology, 193(10), 1497–1498. 2024. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11458188/
  7. Phillips, Dianna M.; Finkel, Deborah; Petkus, Andrew J.; et al. Longitudinal analyses indicate bidirectional associations between loneliness and health. Aging & Mental Health, 27(6), 1217–1225. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11039305/
  8. TelefonSeelsorge Deutschland e. V. TelefonSeelsorge Deutschland; Sie stecken in einer Krise? Chatten Sie mit uns! TelefonSeelsorge. Ohne Jahresangabe; abgerufen am 18.10.2026. https://www.telefonseelsorge.de/ und https://www.telefonseelsorge.de/chat/
  9. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Krisentelefone & Anlaufstellen in schwierigen Situationen. Familienportal des Bundes. Ohne Jahresangabe; abgerufen am 18.10.2026. https://familienportal.de/familienportal/lebenslagen/krise-und-konflikt/krisetelefone-anlaufstellen
  10. Bundesministerium für Gesundheit. Mit psychischen Krisen umgehen. gesund.bund.de. 2026. https://gesund.bund.de/mit-psychischen-krisen-umgehen
  11. krisenchat gGmbH. krisenchat – Chatberatung für junge Menschen. Offizielle Angebotsseite. Ohne Jahresangabe; abgerufen am 18.10.2026. https://krisenchat.de/de