Ginkgo bei Tinnitus: Was sagt die Wissenschaft?

Ein hartnäckiges Klingeln, Rauschen oder Pfeifen im Ohr – Tinnitus ist für Millionen von Menschen eine tägliche Belastung. Auf der Suche nach Linderung rückt immer wieder ein pflanzliches Mittel in den Fokus: Ginkgo biloba. Doch was ist dran am Mythos des pflanzlichen Helfers? Die wissenschaftliche Forschung zeichnet ein differenziertes und oft ernüchterndes Bild, das weit von einem Wundermittel entfernt ist.

Was ist Tinnitus und welche Rolle spielt Ginkgo?

Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, das vielfältige Ursachen haben kann – von Lärmschäden über Durchblutungsstörungen bis hin zu Stress. Diese Ohrgeräusche, die nur die Betroffenen selbst wahrnehmen, können die Lebensqualität erheblich einschränken. In der komplementären Medizin wird seit Langem auf die Blätter des Ginkgo-Baumes gesetzt. Dem Extrakt werden verschiedene Wirkungen zugeschrieben: Er soll die Durchblutung, insbesondere in den feinsten Blutgefäßen des Innenohrs und Gehirns, verbessern, Nervenzellen schützen und antioxidativ wirken. Theoretisch plausible Mechanismen, die Hoffnung auf eine Linderung der quälenden Ohrgeräusche machen.

Was zeigt die wissenschaftliche Evidenz?

Trotz der langen Tradition und der plausiblen Wirkansätze ist die wissenschaftliche Beweislage zur Wirksamkeit von Ginkgo bei Tinnitus schwach und widersprüchlich. Führende medizinische Fachgesellschaften und hochwertige Studien kommen zu einem klaren Ergebnis: Für eine allgemeine Empfehlung von Ginkgo zur Behandlung von Tinnitus fehlen die Belege. Sowohl die amerikanische Leitlinie der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte (AAO-HNSF) aus dem Jahr 2014 als auch die aktuelle deutsche S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ von 2022 raten von einer Behandlung mit Ginkgo-Präparaten ab [1, 2].

Die bisher umfassendste und methodisch hochwertigste Analyse, ein Cochrane Review aus dem Jahr 2022, untermauert diese Position. Nach Auswertung von zwölf Studien mit fast 2.000 Teilnehmenden kamen die Forschenden zu dem Schluss, dass Ginkgo biloba im Vergleich zu einem Placebo „wenig bis gar keinen Effekt“ auf die Tinnitus-Belastung hat [3]. Die Qualität der ausgewerteten Studien wurde als sehr niedrig eingestuft, was verlässliche Schlussfolgerungen erschwert. Die beobachteten minimalen Verbesserungen waren klinisch nicht bedeutsam.

Dennoch verstummt die Diskussion nicht vollständig. Einige Studien deuten auf eine mögliche Wirksamkeit in sehr spezifischen Nischen hin. Eine Meta-Analyse von 2018 fand Hinweise darauf, dass der standardisierte Extrakt EGb 761 bei Patientinnen und Patienten, die gleichzeitig an Demenz und Tinnitus litten, eine Linderung bewirken konnte [4]. Dies könnte darauf hindeuten, dass Ginkgo dann eine Rolle spielt, wenn der Tinnitus mit neurodegenerativen Veränderungen und einer verminderten Hirndurchblutung zusammenhängt. Die deutsche Leitlinie kritisiert jedoch auch hier methodische Schwächen der Analyse [2]. Die Suche nach einer einfachen Lösung in Pillenform spiegelt oft die Verzweiflung der Betroffenen wider. Gerade zum Jahresende, einer Zeit der Reflexion, kann die Auseinandersetzung mit Tinnitus jedoch auch ein Anstoß sein, den Fokus auf Achtsamkeit und Resilienz zu lenken – Strategien, die nachweislich helfen, die Belastung durch das Ohrgeräusch zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.

Praxisbox: Was man wissen sollte

  • Keine Standardtherapie: Ginkgo biloba wird aufgrund der unklaren Wirksamkeit nicht als Standardbehandlung bei Tinnitus empfohlen.
  • Ärztliche Absprache: Eine Einnahme sollte niemals ohne Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt erfolgen, um Ursachen abzuklären und Risiken zu besprechen.
  • Spezifischer Extrakt: In den meisten Studien wurde der standardisierte Extrakt EGb 761 in Dosierungen von 120 bis 240 mg pro Tag untersucht.
  • Realistische Erwartungen: Selbst in positiven Studien waren die Effekte gering. Ein Wundermittel ist Ginkgo nicht.

Sicherheitsbox: Risiken und Hinweise

  • Wechselwirkungen: Ginkgo kann die Blutgerinnung beeinflussen. Besondere Vorsicht ist bei gleichzeitiger Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten (z.B. ASS, Marcumar) geboten, da das Blutungsrisiko steigen kann.
  • Nebenwirkungen: Gelegentlich können leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder allergische Hautreaktionen auftreten.
  • Rechtlicher Status: Ginkgo-Präparate sind oft als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich und unterliegen nicht den strengen Kontrollen von zugelassenen Arzneimitteln.
  • Vor Operationen: Aufgrund des Einflusses auf die Blutgerinnung sollte Ginkgo rechtzeitig vor geplanten Operationen abgesetzt werden.

Fazit: Zwischen Hoffnung und harter Evidenz

Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Ginkgo biloba kann die hohen Erwartungen, die viele Tinnitus-Patienten in das pflanzliche Mittel setzen, nicht erfüllen. Für die breite Anwendung bei chronischen Ohrgeräuschen gibt es keine überzeugenden Wirksamkeitsnachweise. Die Hoffnung auf eine einfache Pille weicht der Erkenntnis, dass der Umgang mit Tinnitus oft ein umfassenderer Prozess ist. Anstatt allein auf ein pflanzliches Mittel zu vertrauen, liegt der Schlüssel oft in multimodalen Ansätzen, die auch psychologische Unterstützung, Hörtherapien und Techniken zur Stressbewältigung umfassen. Die Beschäftigung mit Achtsamkeit und der Stärkung der eigenen Resilienz kann ein wertvoller, evidenzbasierter Weg sein, um dem Tinnitus seine Macht zu nehmen und wieder mehr Lebensqualität zu finden – eine Ergänzung, kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. Tunkel, D. E., et al. (2014). Clinical Practice Guideline: Tinnitus. Otolaryngology–Head and Neck Surgery. Diese Leitlinie der amerikanischen Fachgesellschaft rät aufgrund der unzureichenden Beweislage explizit von der Einnahme von Ginkgo zur Behandlung von Tinnitus ab. https://doi.org/10.1177/0194599814545325
  2. Mazurek, B., et al. (2022). S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. Die aktuelle deutsche Leitlinie kommt nach Sichtung der Evidenz ebenfalls zu dem Schluss, dass für Ginkgo biloba kein Wirksamkeitsnachweis bei chronischem Tinnitus vorliegt.
  3. Sereda, M., et al. (2022). Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews. Die bisher methodisch hochwertigste Übersichtsarbeit fand keine klinisch relevanten Effekte von Ginkgo auf Tinnitus-Symptome und stufte die Sicherheit der Evidenz als sehr niedrig ein. https://doi.org/10.1002/14651858.CD013514.pub2
  4. Spiegel, R., et al. (2018). Ginkgo biloba extract EGb 761® alleviates neurosensory symptoms in patients with dementia. Clinical Interventions in Aging. Diese Meta-Analyse deutet auf eine mögliche Wirkung bei einer Subgruppe von Patienten hin, bei denen Tinnitus im Kontext einer Demenzerkrankung auftritt. https://doi.org/10.2147/CIA.S157877