„Immunbooster” – was Shots, Säfte und Pulver versprechen

Ein scharfer Ingwer-Shot, ein vitaminreicher Saft oder ein Pulver für die Abwehr: Zum Beginn der Erkältungszeit klingt das nach einer einfachen Absicherung. Aber verhindern solche „Immunbooster” tatsächlich Erkältungen – und helfen sie, wenn das Halskratzen bereits begonnen hat?

Für gesunde, ausreichend versorgte Erwachsene ist kein pauschaler Erkältungsschutz durch diese Produktgruppen belegt [1]. Einzelne untersuchte Zubereitungen zeigen mögliche Vorteile; besonders Zink könnte eine begonnene Erkältung verkürzen, allerdings mit unsicherer Evidenz. Einen nachgewiesenen Nährstoffmangel auszugleichen ist sinnvoll, bedeutet aber etwas anderes als eine zusätzliche Steigerung der Abwehr.

Die Behauptungen

„Stärkt die Abwehr” und „hilft schneller durch die Erkältung”: Solche Botschaften verbinden einen nachvollziehbaren Wunsch mit biologischer Plausibilität. Das Immunsystem braucht bestimmte Nährstoffe, und Pflanzen enthalten wirksame Substanzen; daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass zusätzliche Mengen Infekte verhindern oder behandeln [1].

Ob Saft, Brausetablette, Pulver oder Kombipräparat: Die Darreichungsform beweist keine Wirkung. Auch die Frage „Immunsystem stärken durch Nahrungsergänzung?” lässt sich nur beantworten, wenn man berücksichtigt, wie gut jemand bereits versorgt ist, welches Präparat gemeint ist [1] und welcher Nutzen dafür untersucht wurde.

Was „boosten” heißt und was die Werbung sagen darf

Das Immunsystem besteht aus zusammenarbeitenden Zellen und Botenstoffen, nicht aus einer Abwehrkraft, die sich beliebig hochdrehen lässt. Eine dauerhaft überaktive Immunantwort kann Entzündungen und Gewebeschäden fördern [1]; das Ziel ist eine angemessene Reaktion, nicht maximale Aktivierung.

Nach EU-Recht dürfen Lebensmittel mit bestimmten Nährstoffen mit der Aussage „trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei” werben [2], sofern die vorgeschriebenen Mindestgehalte erfüllt sind. Das gilt für Vitamin A, B6, B12, C und D sowie Folat, Eisen, Kupfer, Selen und Zink – nicht als Zusage, dass mehr davon vor Erkältungen schützt.

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel und werden nicht wie Arzneimittel vor dem Verkauf auf Wirksamkeit geprüft; auch pflanzliche Arzneimittel sind rechtlich gesondert zu beurteilen. Lebensmittel dürfen nicht mit der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer Krankheit beworben werden [2].

Viele gesundheitsbezogene Pflanzenangaben sind im EU-Verfahren zurückgestellt, also „on hold”, und nicht abschließend bewertet. Laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom April 2025 ist dieser Status keine Zulassung [2]: Gesundheitsbezogene Angaben zu Pflanzenstoffen bleiben verboten, solange sie nicht zugelassen sind, und dürfen nur weiterverwendet werden, wenn eine eng gefasste Übergangsregel greift.

Was die Studien zeigen

Vitamin C: Zur Vorbeugung schützt eine regelmäßige Einnahme im Alltag kaum vor Erkältungen [3], auftretende Erkältungen dauern aber etwas kürzer; bei kurzzeitiger extremer körperlicher Belastung zeigte sich ein stärkerer Schutz. Eine neuere Übersicht fand außerdem mildere Beschwerden bei regelmäßiger Einnahme; eine erst nach Beginn der Beschwerden gestartete Einnahme hat sie nicht ausgewertet. Nach Symptombeginn ergibt sich laut Cochrane-Review kein verlässlicher Nutzen für Dauer oder Schwere.

Vitamin D: Zur Vorbeugung fand die große Übersicht von 2025 keinen statistisch gesicherten Schutz vor akuten Atemwegsinfektionen [4] (dazu zählen neben Erkältungen auch andere Infekte) – auch nicht bei niedrigen Ausgangswerten. Anders als ältere positive Auswertungen stützt sie damit kein allgemeines Schutzversprechen; eine Akutbehandlung untersucht sie nicht.

Zink: Zur Vorbeugung zeigt der Cochrane-Review kaum oder keinen Nutzen. Zur Behandlung könnte Zink die Erkältungsdauer verkürzen, doch die Studienergebnisse unterscheiden sich stark [5] und leichte Nebenwirkungen treten häufiger auf. Das ist ein begrenztes Signal, keine Zusage für jedes zinkhaltige Pulver.

Echinacea: Zur Vorbeugung gibt es Hinweise auf einen kleinen Nutzen einzelner Zubereitungen [5], aber keinen überzeugenden Nachweis für alle Sonnenhut-Präparate. Für die Behandlung ist eine verlässliche Verkürzung ebenfalls nicht belegt; Pflanzenart, Pflanzenteil und Extrakt unterscheiden sich erheblich.

Probiotika: Bestimmte lebende Mikroorganismen könnten bei vorbeugender Einnahme Infektionen der oberen Atemwege verringern [5], wobei die Beweislage laut Cochrane nur begrenzt verlässlich ist und Kinder, Erwachsene und Hochbetagte gemeinsam untersucht wurden. Daraus folgt weder ein allgemeiner Effekt für gesunde Erwachsene noch ein Nachweis für eine erst bei Erkrankung begonnene Behandlung.

Holunder: Zur Vorbeugung reicht die kleine Studienbasis nicht für einen verlässlichen Erkältungsschutz [1]. Hinweise auf kürzere oder mildere Erkrankungen sind ebenfalls zu unsicher für ein belastbares Behandlungsversprechen.

Ingwer: Für die Vorbeugung oder Behandlung gewöhnlicher Erkältungen liefert die systematische Übersicht keinen belastbaren klinischen Nachweis [6]. Schärfe und Laborbefunde belegen keine entsprechende Ingwer-Shot-Wirkung beim Menschen.

Beta-Glucane: Für bestimmte aus Hefe gewonnene Mehrfachzucker zeigt eine Übersicht positive Hinweise zur Vorbeugung oberer Atemwegsinfektionen, jedoch mit stark unterschiedlichen Studien [6]. Eine gesicherte Akutbehandlung und ein Nutzen beliebiger Beta-Glucan-Produkte lassen sich daraus nicht ableiten.

Selen: Für ausreichend versorgte Erwachsene ist ein zusätzlicher Nutzen zur Erkältungsvorbeugung oder -behandlung nicht belastbar belegt [1]. Seine notwendige Rolle in der normalen Immunfunktion ist kein Beleg für einen Mehrwert zusätzlicher Mengen.

Die Einzelheiten vertiefen „Zink”, „Vitamin C”, „Vitamin D”, „Echinacea (Sonnenhut)” und „Probiotika” sowie „Faktencheck: Hilft Zink gegen Erkältung?”.

Einordnung

Wer tatsächlich einen Mangel hat, kann von dessen gezieltem Ausgleich profitieren. In Deutschland verdienen besonders die Vitamin-D-Versorgung im Winter und bei älteren Menschen [7] sowie Zink und Selen bei bestimmten pflanzenbetonten Ernährungsweisen Aufmerksamkeit; eine Risikogruppe oder eine Zufuhr unter dem Referenzwert beweist jedoch keinen individuellen Mangel.

Die deutschen Verzehrdaten rechtfertigen keine pauschale Mangeldiagnose für die Bevölkerung [7]. Der Ausgleich einer unzureichenden Versorgung ist zudem nicht automatisch ein Nachweis für weniger Erkältungen [4].

Kombipräparate erben nicht einfach die möglichen Vorteile ihrer Einzelstoffe: Der Zink-Review schloss Kombinationen ausdrücklich aus [5]. Studienmengen, Extrakte und Mikroorganismenstämme sind nicht mit beliebigen Regalprodukten austauschbar.

Das BfR schlägt Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel vor, die weder persönliche Dosierempfehlungen noch gesetzliche Grenzwerte sind [8]; zusätzliche Produkte können die Gesamtzufuhr erhöhen. Amtliche Kontrollen in Baden-Württemberg fanden häufig Kennzeichnungs- und Werbemängel, allerdings in gezielt nach möglichen Risiken ausgewählten Proben, die den Markt nicht repräsentativ abbilden.

In den geprüften Fachquellen fand sich kein belastbarer klinischer Nachweis, dass energie- oder informationsmedizinische „Immunstärkung” Erkältungen vorbeugt oder behandelt [1].

Die Titel „Die besten Lebensmittel für ein starkes Immunsystem” und „Ingwer-Shot selber machen: Ein Rezept für das Immunsystem” sollten daher nicht als Schutzversprechen verstanden werden. Den größeren Zusammenhang erläutert „Gut durch den Infektwinter: Was belegt hilft und was Antibiotika damit zu tun haben”; Lebensstilfragen behandelt „Abwehrkräfte: Was Schlaf, Bewegung und Stress mit Infekten zu tun haben”.

Evidenz-Kompass

  • Belegt: Bestimmte Nährstoffe sind für normale Immunfunktion notwendig; eine zugelassene Aussage zur normalen Immunfunktion belegt keinen Erkältungsschutz.
  • Umstritten: Die praktische Bedeutung möglicher Vorteile einzelner Zink-, Pflanzen- oder Probiotika-Zubereitungen ist wegen unterschiedlich verlässlicher Studien begrenzt.
  • Offen: Welche genau definierten, handelsüblichen Kombinationen gesunden Erwachsenen zuverlässig helfen, muss besser geklärt werden. Ebenso fehlt eine sichere Grundlage, um aus einzelnen positiven Befunden einen universellen „Immunbooster” abzuleiten.

Woran geforscht wird

Untersucht werden gezielt definierte Extrakte und Mikroorganismenstämme [5] sowie Unterschiede nach Ausgangsversorgung und Einnahmezeitpunkt. Entscheidend sind weniger Laborwerte des Immunsystems als tatsächlich seltenere, kürzere oder mildere Erkrankungen.

Sicherheitsbox

  • Mehrere Präparate mit gleichen Nährstoffen sollten Sie nicht ohne Prüfung der Gesamtmenge kombinieren [8].
  • Hoch dosiertes Vitamin D oder Selen gehört in ärztliche Rücksprache [1]; wer Arzneimittel einnimmt, sollte auch bei konzentrierten Pflanzenextrakten mögliche Wechselwirkungen prüfen lassen [8].
  • Bei einer Allergie gegen Korbblütler sollten Sie Echinacea nicht verwenden [8].
  • Atemnot oder starke Brustschmerzen erfordern sofortige medizinische Hilfe [8]; anhaltend hohes Fieber sollte ärztlich abgeklärt werden.

Merkpunkte

  • Shots, Säfte und Pulver schützen gesunde Erwachsene nicht nachweislich als ganze Produktgruppe vor Erkältungen.
  • Eine erlaubte Aussage zur normalen Immunfunktion ist kein Versprechen auf weniger Infekte.
  • Einzelne Zubereitungen zeigen mögliche Vorteile, die nicht auf beliebige Mischungen übertragbar sind.
  • Ein nachgewiesener Mangel ist ein anderer Anlass für Ergänzungen als der Wunsch nach zusätzlicher Abwehr.
  • Ob Ihnen ein Produkt seinen Preis wert ist, können Sie anhand dieser Unterschiede beurteilen.

Häufige Fragen zu Immunboostern

Bringen Immunbooster ohne Nährstoffmangel etwas?
Für ausreichend versorgte Erwachsene ist kein allgemeiner Erkältungsschutz durch solche Produkte belegt [1]. Mögliche Vorteile einzelner untersuchter Zubereitungen [5] rechtfertigen kein Versprechen für die gesamte Kategorie.

Ist eine Erkältung mit einem Ingwer-Shot schneller vorbei?
Ein klinisch belastbarer Nachweis für eine verkürzte gewöhnliche Erkältung fehlt [6]. Ingwer als Lebensmittel und ein untersuchter Pflanzenextrakt sind zudem nicht automatisch gleichzusetzen.

Bedeutet „normale Funktion des Immunsystems” weniger Erkältungen?
Die zugelassene Angabe beschreibt die Rolle eines Nährstoffs in der normalen Immunfunktion [2]. Sie besagt nicht, dass das beworbene Lebensmittel Erkrankungen verhindert oder behandelt.

Hilft Zink, wenn die Erkältung schon begonnen hat?
Laut Cochrane-Review könnte Zink eine begonnene Erkältung verkürzen [5], doch die Studien unterscheiden sich stark und die Beweislage ist unsicher. Leichte Nebenwirkungen treten häufiger auf, und Kombipräparate wurden nicht untersucht.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert und ersetzt keine medizinische Beratung oder Behandlung.

Quellen & Forschungsstand

  1. National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements. Dietary Supplements for Immune Function and Infectious Diseases – Health Professional Fact Sheet. NIH ODS. Aktualisiert 10.03.2025. https://ods.od.nih.gov/factsheets/ImmuneFunction-HealthProfessional/ Ergänzender institutioneller Nachweis: National Center for Complementary and Integrative Health, NIH. Reiki. NCCIH. 2018. https://www.nccih.nih.gov/health/reiki
  2. Europäisches Parlament und Rat; Europäische Kommission; Gerichtshof der Europäischen Union. Sammelnachweis zum EU-Lebensmittel- und Werberecht: Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel. EUR-Lex. 2006, konsolidiert 2014. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A02006R1924-20141213 — Europäische Kommission. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. EUR-Lex. 2012, konsolidiert 20.08.2025. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A02012R0432-20250820 — Europäisches Parlament und Rat. Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel. EUR-Lex. 2011, konsolidiert 01.04.2025. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A02011R1169-20250401 — Europäisches Parlament und Rat. Richtlinie 2002/46/EG über Nahrungsergänzungsmittel. EUR-Lex. 2002. https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2002/46/oj/deu — Europäisches Parlament und Rat. Richtlinie 2001/83/EG zur Schaffung eines Gemeinschaftskodexes für Humanarzneimittel. EUR-Lex. 2001. https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2001/83/oj/deu — Gerichtshof der Europäischen Union. Urteil vom 30. April 2025, Rechtssache C-386/23. CURIA. 2025. https://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf?docid=298696&doclang=DE
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